Von der Atombombe zum Apple Store

Wenn Sie in einen Apple Store gehen, werden Sie entdecken, dass eine überraschend große Zahl der dortigen Top-100-Produkte aus Russland kommt", sagt Pekka Viljakainen, Berater der Moskauer Skolkowo-Stiftung. Foto: Reuters

Wenn Sie in einen Apple Store gehen, werden Sie entdecken, dass eine überraschend große Zahl der dortigen Top-100-Produkte aus Russland kommt", sagt Pekka Viljakainen, Berater der Moskauer Skolkowo-Stiftung. Foto: Reuters

Wie kommt Russland von der „Öl- und Gasnadel“ los? Eine Antwort darauf sollen die übers Land verteilten Technoparks sein. Aber nicht überall ist auch drin, was draufsteht.

Es war früher undenkbar, dass Kendrick White dort sein würde, wo er heute ist. Nischnij Nowgorod, Russlands fünftgrößte Stadt, liegt 450 Kilometer östlich von Moskau und war während des Kalten Krieges eine für Ausländer geschlossene Stadt. Denn hier befand sich ein Zentrum geheimer wissenschaftlicher Forschung. Es war ein virtuelles Gefängnis für berühmte sowjetische Wissenschaftler wie Andrej Sacharow, Nobelpreisträger und Vater der russischen Atombombe.

Nun schafft Mr. White eben dort, wo Sacharow sich abplagte, um das Land in ein riesiges Atomkraftwerk zu verwandeln, die Grundlage dafür, dass eines Tages hier die russischen Versionen von Apple, Google oder Facebook entstehen. Moskau hat vor, die Gegend in eine Art russisches Silicon Valley zu verwandeln. Der Plan sieht vor, Investoren eine Reihe von Anreizen zu bieten –von Steuervergünstigungen bis hin zu preisgünstigen Büroräumen und Wohnmöglichkeiten.

 

Hightech in der Region

 Kendrick White ist Geschäftsführer der Firma Marchmont Capital Partners, die er vor acht Jahren in Florida gründete, nachdem er vorher bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, der Unternehmensberatung PwC und als Privatisierungsberater in Nischnij Nowgorod gearbeitet hatte. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war er auf der Suche nach einer neuen Herausforderung nach Russland gekommen. Seit 20 Jahren unterstützt er unternehmerische Initiativen, horizontale Integration und Start-up-Finanzierung für Hightechunternehmen in Russlands Regionen.


Ein reiches Wissenschaftserbe

 „Als Unternehmer war ich immer an der Vermarktung von Wissenschaft und Technik interessiert", erläutert er. „Mathematik, die Sprache der Wissenschaft, ist im genetischen Code der Russen verankert – deshalb ist

Zahlen

 

1,3 Milliarden US-Dollar haben die Residents der russischen Technoparks seit der ersten Gründung im Jahr 2006 verdient.

17 Sonderwirtschaftszonen gibt es heute. Sechs decken den Bereich Industrie ab, fünf den Bereich Technologie, vier den Tourismus, zwei sind Häfen.

3,6 Milliarden US-Dollar an ausländischen Direktinvestitionen haben die Sonderwirtschaftszonen seit ihrer Gründung im Jahr 2006 akquiriert.

88 Technoparks sind über 36 russische Regionen verteilt. Hier wird in den verschiedensten Bereichen geforscht und entwickelt – von Chemie über Quantenmechanik bis IT.

hier der logische Platz für mich."
Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte die sowjetische Regierung großzügige Finanzierungen für die nationale Forschung zur Verfügung. Damals entstanden im ganzen Land geschlossene Städte wie Los Alamos in den USA.

Aber während die USA in den letzten zwei Jahrzehnten eine ganze Reihe von Unternehmern hatten, um die Früchte der staatlichen Initiativen zu ernten, sprich die staatlich finanzierte Forschung zu vermarkten, zögerte man in Russland damit. Nach dem Ende des Kalten Krieges öffneten sich viele der geschlossenen Städte, und die Finanzierung wurde eingestellt. Aber niemand füllte den Raum zwischen Wissenschaft und freiem Markt. In den letzten fünf Jahren 
jedoch sind Sonderwirtschaftszonen, Technoparks und Gründerzentren entstanden, die 
darauf abzielen, Russlands wissenschaftliches Potenzial zu 
nutzen. „Es gibt zurzeit über 90 Technoparks und Sonderwirtschaftszonen, die unterschiedliche Steuervergünstigungen und bezahlbare Büroräume anbieten", erzählt White.


Paradebeispiel Kasan

 „Mehr als die Hälfte von ihnen sind wahrscheinlich uneffektiv, weil die föderalen und kommunalen Beamten die Angelegenheit häufig wie ein riesiges Immobilienentwicklungsprojekt angehen, ohne sich darum zu kümmern, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wissenschaftlern, Unternehmern, Business Angels und Risikokapital aufzubauen."

Der ausgedehnte IDEA-Technopark in Kasan (800 Kilometer östlich von Moskau an der Wolga) wurde 2004 auf dem Gelände eines verlassenen

Rüstungsbetriebs mit dem Ziel errichtet, Hightechunternehmen anzuziehen. Indem er zwei grundlegende Anreize bot – billige Mieten und kompetente Unternehmensberatung – gelang es, innerhalb von nur drei Jahren genügend Unternehmen anzusiedeln,um finanziell unabhängig zu sein. Seit 2007 entrichten die Firmen genügend Steuern an die kommunalen Kassen und können auf diese Weise das Startkapital zurückzahlen.

„Schon die ganzen letzten Jahre sind wir nicht mehr auf die Unterstützung aus der Region angewiesen, was für uns sehr wichtig ist", sagt Sergej Juschko, Generaldirektor des IDEA-Technoparks . „Unsere Erfahrung zeigt, dass Technoparks ein lebensfähiges Modell für die wirtschaftliche 
Entwicklung Russlands sind." 
Juschko erklärt, dass die meisten Firmen Ingenieursdienstleister, Software- oder Webdesignunternehmen sind.


Entwicklung ohne Fabrik

 Eine solche Firma ist Smarthead, die Premiumkunden wie Honda und L'Oreal betreut. Nach drei Jahren haben die „Absolventen" von IDEA die Wahl, den Technopark zu verlassen und ohne größere Schwierigkeiten selbstständig Kapital aufzunehmen, um Büroräume zu erwerben, oder sie ziehen in das angegliederte Gewerbegebiet um, in dem die Miete nicht mehr subventioniert ist.

Dort zählen die Forschungs- und Entwicklungsniederlassungen internationaler Player wie General Electric und Siemens zu den Nachbarn. „Die ausländischen Unternehmen kommen in erster Linie wegen des ausgezeichneten Fachpersonals hierher", erklärt Juschko. „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir hier in Russland keine Fabriken benötigen", sagt er. „Produzieren kann man schließlich auch dort, wo es billige Arbeitskräfte gibt. Unsere Stärke sind Menschen mit Ideen."

Kendrick White glaubt, dass die Milliardeninvestitionen der Regierung in die Sonderwirtschaftszonen und Technoparks sich mittlerweile auszahlen. „Sie beginnen, sich dem eigentlichen Problem zu nähern – wie man den Zustrom neuer Firmen sichert und die wissenschaftlichen Ergebnisse erfolgreich vermarktet."


Überraschung im Apple Store

 „Die nächsten fünf Jahre werden eine aufregende Zeit, weil die 
zuständigen Beamten nun verstanden haben, dass alles Teil eines umfassenden Ökosystems sein muss", sagt er. „Zusätzlich zum Aufbau der

Infrastruktur in den Technoparks ist es ebenso wichtig, Kontakte zu Wissenschaftlern der nahe gelegenen Universitäten zu knüpfen und Management-Trainingsprogramme anzubieten."

„Spieleentwicklung und das Outsourcen von Programmierung sind die ersten Anzeichen von Russlands aufsteigendem Hightechsektor gewesen, weil diese nicht viel Geld brauchen, um realisiert zu werden", sagt White. Allerdings glaubt er mehr an Projekte in der Mikroelektronik, Medizin, Nanotechnologie, Chemie, Raumfahrt und Quantenmechanik, nach denen in den kommenden Jahren eine wesentlich größere Nachfrage entstehen werde.

„Wenn Sie in einen Apple Store gehen, werden Sie entdecken, dass eine überraschend große Zahl der dortigen Top-100-Produkte aus Russland kommt", sagt Pekka Viljakainen, Berater der Moskauer Skolkowo-Stiftung. „Aber die meisten haben ihre Büros in Kalifornien und verbergen ihren russischen Ursprung."

Kendrick White verfolgt auch mit Interesse den Kusbass-Technopark in Sibiriens Kohlenregion Kemerowo, in dem Wissenschaftler auf Kohle basierende Sorptionsmittel zum Binden von Ölrückständen entwickeln, sowie das Pharma-Cluster in Obninsk bei Moskau, wo innovative medizinische Konzepte ausgearbeitet werden.

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