„Russische Finanzwelt kann expandieren“

Hauptgeschäftsführer der Deutsche Bank Group in Russland Pawel Tepluchin. Foto: Reuters

Hauptgeschäftsführer der Deutsche Bank Group in Russland Pawel Tepluchin. Foto: Reuters

Pawel Tepluchin, Hauptgeschäftsführer der Deutsche Bank Group in Russland, spricht über den Konkurrenzdruck vonseiten russischer Banken, die Reformen Jegor Gajdars und seinen Vortrag auf dem 17. Sankt Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum.

Hauptgeschäftsführer der Deutsche Bank Group in Russland Pawel Tepluchin. Foto: Reuters

Russland HEUTE: Wie steht der russische Bankensektor vor dem Hintergrund der aktuellen globalen Entwicklung da?

Gegenwärtig befindet sich der Bankensektor weltweit in einer Umbruchphase. In den USA können wir das in vollem Umfang und in Europa mit einiger Verzögerung beobachten – Russland überflügelt Europa zumindest in diesem Bereich. Das Geschäftsformat der großen russischen Banken – der VTB, der Sberbank, der Nomos-Bank und der Alfa-Bank – verändert sich.

Früher war der Markt nach Produkttypen ausgerichtet: Unabhängig voneinander existierten Investmentbanken, Geschäftsbanken usw., inzwischen deckt jede Bank alle Bereiche ab. Dabei hat das russische Bankensystem keine schlechten Chancen, als eines der ersten zu diesem neuen Finanzkonstrukt überzugehen. Ich denke, die russische Geschäftswelt hat eine einmalige Gelegenheit: Sie kann, will und hat die einmalige Chance, weltweit zu expandieren. Zu diesem Thema spreche ich übrigens im Rahmen meines Vortrags auf dem 17. Sankt Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum, das vom 20. bis 22. Juni stattfinden wird.


Treten Sie zum ersten Mal auf dem Sankt Petersburger Wirtschaftsforum auf?

Ich bin auf allen Foren gewesen. Wir sind der Meinung, dass das Sankt Petersburger Wirtschaftsforum nach dem Weltwirtschaftsforum in Davos das bedeutendste Forum der Welt ist und nehmen deshalb aktiv daran teil. In diesem Jahr werden vonseiten der Deutschen Bank mehrere Redner in verschiedenen Sitzungen teilnehmen.

Jürgen Fitschen, Co-Vorsitzender des Vorstands und des Group Executive Committees der Deutschen Bank AG wird am Runden Tisch „Russland-Deutschland, Grundfragen der strategischen Wirtschaftspartnerschaft der beiden Länder" und der Diskussionsrunde „Entwicklung der russischen Industrie und deren Rolle in der globalen Lieferkette" teilnehmen.

Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank AG, wird als Moderator des Runden Tischs der Ökonomen „Globale Wirtschaftsprognose" fungieren und ich trete bei der Diskussionsrunde „Aufbau von Kapazitäten für den Wettbewerb auf dem Weltmarkt" auf.


Das heißt, die Deutsche Bank verspürt in Russland eine starke Konkurrenz vonseiten der einheimischen Player?

In Russland war die Deutsche Bank bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts tätig, später war sie eine der ersten ausländischen Banken, die im Russland der Nach-Perestrojka-Ära wiedergegründet wurde. Wettbewerb vonseiten der einheimischen Player existiert natürlich, aber in den Hauptgeschäftsfeldern nehmen wir auch weiterhin eine führende Rolle unter den ausländischen Investmentbanken ein und vergrößern ebenso den Stamm unserer Privatkunden. Und was das Valutageschäft angeht, so lässt sich nur schlecht mit uns konkurrieren, weil wir eine globale Bank mit einer sehr starken Präsenz in Russland sind.


Sie waren früher ein aktiver Berater von Jegor Gajdar, dem Wirtschaftsminister und Ministerpräsidenten zu Beginn der Neunzigerjahre. Waren die damals durchgeführten Reformen aus Ihrer Sicht richtig?

Ich bin sehr froh, dass ich in solch einer Übergangsphase leben konnte. Wir

hatten eine sowjetische Bevölkerung, ein feindliches Umfeld, die Staatskasse war vollkommen leer, es bestand die Gefahr, dass das Energiesystem im gesamten Land zusammenbricht.

Ich glaube, dass die Entscheidungen, die gefällt wurden – darunter die zur Legalisierung des Preis- und Erdölmarktes, der Privatisierung sowie des Außenhandels und des Privateigentums – erfolgreicher waren als bei einer ganzen Reihe unserer osteuropäischen Nachbarn. Unsere Reformen verliefen besser und in kürzeren Fristen. Schauen Sie sich Moldau, Tschechien, Polen, Ungarn und das Baltikum heute an: Wir haben mit ihnen zusammen beim gleichen Ausgangspunkt angefangen.

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