Arkadi Dworkowitsch: „Wir werden 
weniger abhängig von Öl und Gas“

Vizepremier Arkadi Dworkowitsch: Wir bemühen uns, gute Bedingungen für die Entwicklung des Unternehmertums und die Akquise von Investitionen zu schaffen.  Foto: Rossijskaja Gaseta.

Vizepremier Arkadi Dworkowitsch: Wir bemühen uns, gute Bedingungen für die Entwicklung des Unternehmertums und die Akquise von Investitionen zu schaffen. Foto: Rossijskaja Gaseta.

Der Vizepremier über den Einfluss von Gas und Öl auf die Wirtschaft und Rekorde des Petersburger Wirtschaftsforums.

2011 sagten Sie, dass „in der russischen Wirtschaft die Privatwirtschaft zu wenig Platz einnimmt". Hat sich die Situation geändert?

Ja. Russland hat ein Programm zur Privatisierung von Staatseigentum bis zum Jahr 2018 verabschiedet. Im September wurden für umgerechnet 5,2 Milliarden US-Dollar 7,58 Prozent der Aktien der größten russischen Bank, der Sberbank, verkauft. In diesem Jahr bereiten sich auf den Einstieg in den Fondsmarkt unter anderem die VTB-Bank und die Russischen Eisenbahnen RZD vor. Wir prüfen die
 Privatisierung als Instrument 
der Wettbewerbs- und Rentabilitätsverbesserung. Eine Aufstockung des Staatshaushalts ist 
unsere zweitwichtigste Aufgabe. 
Die Mittel daraus werden in langfristige Investitionsprogramme fließen.

In letzter Zeit hat die Regierung viel über die Diversifizierung der Wirtschaft gesprochen. 2012 sank das Exportniveau im Nichtrohstoffsektor dagegen sogar um vier Prozent. Warum?

Auch wenn der Anteil des Exports petrochemischer Produkte ein historisches Hoch erreicht hat, ist das Wachstum hier wesentlich geringer als in anderen Wirtschaftsbereichen. Die verarbeitende Industrie entwickelt sich sehr schnell, der IT-Bereich weist in den letzten zehn Jahren ein

Zur Person:

 

Arkadi Dworkowitsch wurde am 
26. März 1972 in Moskau geboren. 
Er studierte Wirtschaftskybernetik an der Moskauer Lomonossow-Universität und Wirtschaftswissenschaften an der Duke University in Durham (North Carolina, USA).

Von 2008 bis 2012 war er persönlicher Berater von Präsident Dmitri Medwedjew. Seit Mai 2012 ist er Stellvertretender Ministerpräsident in der Regierung der Russischen Föderation.

Ab 2007 war Dworkowitsch Vizepräsident des Russischen Schachverbands, seit 2010 ist er dessen Präsident.

jährliches Wachstum von 15 bis 20 Prozent auf. Dabei hat sich der wertmäßige Anteil im Erdöl- und Erdgassektor tatsächlich erhöht, da der Erdölpreis gestiegen ist. Wenn ein Barrel Erdöl 70 bis 80 US-Dollar und nicht 105 bis 110 US-Dollar kostete, würde das Gleichgewicht sich wahrscheinlich in Richtung der Nichtrohstoffbereiche verschieben.

 

Wann wird Russland sich von der Erdölabhängigkeit lösen?

Dafür müssen die ineffektiven Wirtschaftsbereiche verkleinert und rentable Produktionsstätten geschaffen werden. Aber das geht nicht so schnell. Deshalb bemühen wir uns, gute Bedingungen für die Entwicklung des Unternehmertums und die Akquise von Investitionen zu schaffen. Wir bieten Steuervergünstigungen für diverse Wirtschaftsbereiche an – zum Beispiel für den IT-Sektor – und für die Produktion in Sonderwirtschaftszonen, wir bauen die Infrastruktur in den Technologieparks aus. Noch vor fünf Jahren war das Interesse an Investitionsprojekten in Russland gering, gegenwärtig existieren im Land bereits Hunderte von Start-ups. Wir haben den Technopark Skolkowo gegründet und damit ausländische Unternehmen hergeholt, wobei diese nicht nur in Moskau, sondern auch in Nowosibirsk, St. Petersburg, Rostow, Kasan und anderen Städten Niederlassungen haben.

Was hält ausländische Investoren davon ab, sich in Russland sicher zu fühlen?

 Das Investieren in Russland gestaltet sich im Vergleich zu anderen Ländern aus verschiedenen Gründen schwieriger. Momentan ist es unser

Ziel, bis zum Jahr 2018 unter die ersten zwanzig Länder auf der Rankingliste Doing Business der Weltbank vorzurücken. Schon heute ist das 
bürokratische Verfahren zur Registrierung von Unternehmen wesentlich vereinfacht.

Wodurch können die Nachteile kompensiert werden?

Wir haben mit einer Bevölkerung von knapp 150 Millionen Menschen einen riesigen Markt. Das zieht natürlich die Konsumgüterindustrie an. Schauen Sie nur, wie sich beispielsweise der Automobilmarkt entwickelt. Vor sieben Jahren haben führende Konzerne wie Ford, Toyota und Volkswagen damit begonnen, bei uns eigene Montagekapazitäten aufzubauen. Jetzt hat die zweite Welle der Lokalisierung begonnen, und die Unternehmen errichten Werke zur Produktion von Zulieferteilen. Bis zum März 2013 hat das Ministerium für Wirtschaftsentwicklung mit internationalen Konzernen, die weltweit

zusammen mehr als 90 Prozent der Automobilproduktion realisieren, 
31 Abkommen zur industriellen Montage von Fahrzeugen abgeschlossen. Wobei es allerdings in anderen Brancheninsgesamt nicht so schnell geht, wie wir es gerne hätten.

Am 20. Juni beginnt das St. Petersburg International Economical Forum, größtes Wirtschaftsforum in Osteuropa. 2011 wurde hier mit Abschlüssen im Wert von 15 Milliarden Euro ein Rekord aufgestellt. Wird dieser Wert 2013 übertroffen?

 Das Wirtschaftsforum findet nicht deshalb statt, weil irgendwelche Rekorde aufgestellt werden sollen. Es ist vor allem eine Kommunikationsplattform, auf der sich internationale und russische Unternehmen begegnen und austauschen können. Die wichtigsten Ereignisse finden normalerweise am Rande von 
Gesprächen zu konkreten Projekten und Investitionsentscheidungen statt. Und ein Abschluss erfolgt nicht im Rahmen des 
Forums, sondern erst einen Monat oder vielleicht sogar anderthalb Jahre später. In diesem Jahr werden uns unter anderem hochrangige Delegationen aus Deutschland und aus den Niederlanden besuchen. 2013 ist ja schließlich das russisch-niederländische und das russisch-deutsche Jahr. Ich denke, das Forum wird äußerst inhaltsreich.

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