Sankt Petersburg: Besucherandrang wird zum Stresstest

Gegenwärtig gibt es laut Booking.com in Sankt Petersburg 458 Hotels, von denen allerdings lediglich 13 über fünf Sterne und 48 über vier Sterne verfügen. Foto: Mathew G. Crisci

Gegenwärtig gibt es laut Booking.com in Sankt Petersburg 458 Hotels, von denen allerdings lediglich 13 über fünf Sterne und 48 über vier Sterne verfügen. Foto: Mathew G. Crisci

Die Touristen, die während der Weißen Nächte, der Hauptsaison, in das Venedig des Nordens reisen, und die Teilnehmer des Sankt Petersburger Internationalen Wirtschaftsforums stellen den Dienstleistungssektor der Stadt vor eine harte Belastungsprobe.

Die Statistik der vergangenen Jahre zeigt, dass jeder Euro, der von den Organisatoren des Sankt Peterburger Internationalen Wirtschaftsforums für diese Veranstaltung, die in diesem Jahr vom 20. bis 22. Juni stattfindet, ausgegeben wird, rund drei bis fünf Euro in die Kassen des Dienstleistungssektors der Stadt spült. In der Regel geben die Teilnehmer und Gäste des internationalen Wirtschaftsforums bei ihrem drei- bis viertägigen Aufenthalt täglich drei- bis fünfmal mehr aus als der Durchschnittstourist. Laut verschiedenen Einschätzungen schwanken die durchschnittlichen Mehrausgaben der Kongress-Touristen für Shopping und Unterhaltung zwischen 150 und 380 Euro pro Tag.

Zusätzlich sind die Teilnahmegebühren für das internationale Wirtschaftsforum in diesem Jahr um 50 Prozent gestiegen: Das Bonuspaket kostete für Frühbucher im vergangenen Jahr noch 4 247 Euro, mittlerweile sind es bereits 7 080 Euro pro Person. Der deutliche Preisanstieg hat jedoch keine Auswirkungen auf die Nachfrage: Die für Russland einzigartige Diskussionsplattform für Geschäftstreffen und -kontakte wird wieder mehr als 5 000 Gäste aus 60 Ländern der Welt begrüßen.

 

Komfort mit Vorauszahlung

Gegenwärtig gibt es laut Booking.com in Sankt Petersburg 458 Hotels, von denen allerdings lediglich 13 über fünf Sterne und 48 über vier Sterne verfügen. Die weltweite Praxis zeigt, dass die Übernachtungspreise während Großveranstaltungen deutlich ansteigen, und wenn die Nachfrage das Angebot in Größenordnungen übersteigt, sogar astronomische Summen erreichen können. Sankt Petersburg bildet da keine Ausnahme.

Für die Dauer des internationalen Wirtschaftsforums sind die Hotelzimmerpreise um 200 bis 400 Prozent angestiegen. Ungeachtet dessen sind bereits mehrere Wochen vor dem Beginn des Forums praktisch keine freien Zimmer mehr zu finden. In den meisten Hotels war das Kontingent für diesen Zeitraum schon vor mehreren Monaten vollständig erschöpft. Darüber hinaus bieten viele Hotels keine einzelnen Übernachtungen an, sondern verkaufen nur „Pakete" von vier Nächten, das heißt vom 19. bis zum 23. Juni bei 100-prozentiger Anzahlung binnen fünf bis sieben Tagen und einer überdurchschnittlichen Stornogebühr.

So bietet zum Beispiel das Vier-Sterne-Hotel Sokos Wassilewskij für die Austragungsdauer des Forums ein Standardzimmer zu einem Preis von ca. 900 Euro und ein Luxuszimmer für ca. 950 Euro pro Übernachtung an. Eine Woche später, am 30. Juni, sind die gleichen Räume für etwa 232 bzw. 325

Euro zu haben. 2008 beschwerten sich einige hochgestellte Gäste bei der Bürgermeisterin Valentina Matwijenko über Preisabsprachen der Hoteliers. Die Untersuchungen durch das Föderale Kartellamt zogen sich zwei Jahre hin, eine Verletzung der Antimonopolgesetze durch die Hotelbetreiber konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.

Die Geschäftsführerin des Golden Garden Boutique Hotels, Tamara Tschornych, sagte, es gebe gegenwärtig keinen Mangel an Hotels in Sankt Petersburg. Die Zimmerkapazität der Stadt reiche dennoch nicht aus, wenn man berücksichtige, wie viele Touristen Sankt Petersburg im Allgemeinen aufnehmen könne.

„Nach Berechnungen der Welttourismusorganisation nimmt Sankt Petersburg den achten Platz in der Rangliste der für den Tourismus attraktivsten Städte ein. Aber die Stadt könnte momentan gar nicht die entsprechende Zahl an Touristen aufnehmen, allein schon aufgrund der zu geringen Kapazität des hiesigen Flughafens. Doch selbst wenn dieses Nadelöhr beseitigt werden würde, reichten die Zimmer in den Hotels nicht aus", sagte sie in einem Interview mit RBC.

Speis und Trank

Mit der Gastronomie dagegen gibt es in Sankt Petersburg keine Probleme. Dieser Bereich ist ausreichend hoch entwickelt. Über einen Mangel an qualitativ hochwertigen Restaurants kann sich die Stadt nicht beklagen.

Laut dem Generaldirektor der Restaurantgruppe Swoji w gorode, Leonid Garbar, hat das internationale Wirtschaftsforum einen außerordentlich hohen ökonomischen Einfluss auf die Gastronomie der Stadt: Die Besucherzahlen steigen während dieser Zeit um zehn bis zwölf Prozent, durchschnittlich geben die Gäste pro Restaurantbesuch 25 bis 30 Prozent mehr aus. Allerdings, so beklagen sich die Gaststätten- und Hotelbetreiber, finden die meisten Veranstaltungen in Sankt Petersburg während der Hochsaison im Mai und Juni statt, also während der Weißen Nächte, wenn sowieso schon ausreichend Touristen die Stadt besuchen und die Hotels und Restaurants ohnehin zu nahezu 100 Prozent ausgelastet sind.

Das Forum unter neuer Adresse

Der ökonomische Effekt des internationalen Wirtschaftsforums findet seinen Ausdruck in mindestens einem weiteren Großprojekt. Nach den Worten der Organisatoren ist das Forum in den vergangenen 17 Jahren derart

gewachsen, dass die Nachfrage nach der Veranstaltung die Möglichkeiten des Ausstellungskomplexes Lenexpo deutlich übersteige. Deshalb plant man Bauarbeiten an dem neuen Ausstellungskomplex Expoforum im 15 Kilometer von Sankt Petersburg gelegenen Ort Puschkin. Das Projektvolumen beträgt rund 754 Millionen Euro, die Bauarbeiten werden von der Firma Expoforum, einem von Gazprom kontrollierten Unternehmen, ausgeführt.

Das Ausstellungszentrum soll 140 000 Quadratmeter offener und überdachter Ausstellungsflächen, ein Kongresszentrum für 7 000 Besucher, zwei Hotels der Premiumklasse und ein Businesscenter beherbergen. Mit dem Umzug an den neuen Standort soll das Forum deutlich mehr Gäste aufnehmen können, was wiederum Vorteile für die Stadt mit sich bringen soll.

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