Vorliebe der Russen für soziale Netzwerke kostet Milliarden

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Die Aktivität der Russen in sozialen Netzwerken während der Arbeitszeit kostet die russische Wirtschaft bis zu 8 Milliarden Euro jährlich – ein immenser wirtschaftlicher Verlust. Dabei ist der Verlust noch um das 65-fache geringer als entsprechende wirtschaftliche Einbußen in den USA.

Nach Schätzungen des Marktforschungsunternehmens eMarketer waren Ende 2012 etwa 51,8 Millionen russische Internetnutzer in sozialen Netzwerken unterwegs. Damit steht Russland weltweit auf Platz fünf, was die Nutzerzahlen von Social Media betrifft. Nach Berechnungen von FBK Consulting haben diese Aktivitäten die russische Wirtschaft im vergangenen Jahr zwischen 7,2 und 7,9 Milliarden Euro gekostet.

Milliardenverluste durch „Likes“

Diese Summe ist für den russischen Haushalt kein unermesslich hoher, aber ein durchaus spürbarer Betrag. Er ist etwa vergleichbar mit dem gesamten Budget für die kommunale Wohnungswirtschaft, die Kultur, das Kino und die Massenmedien (ungefähr 6,5 Milliarden Euro im Jahr 2012) oder mit den Ausgaben für die Förderung des Verkehrssektors (6,9 Milliarden Euro).

Betrachtet man vergleichbare Schätzungen für die USA und Großbritannien, dann hat Russland die Höchstgrenze jedoch noch lange nicht erreicht. Verschiedenen Statistiken zufolge verliert die amerikanische Wirtschaft jährlich bis zu 500 Milliarden Euro infolge von Netzwerk-Aktivitäten der Nutzer während ihrer Arbeitszeit.

Nach Berechnungen von FBK Consulting entsteht Arbeitgebern der größte wirtschaftliche Schaden durch aktive Netzwerk-Nutzer, die im Finanzsektor und in der Immobilienwirtschaft sowie im Dienstleistungssektor arbeiten (1,6 Milliarden Euro), auf Platz zwei folgen Beschäftigte im Bildungssektor (920 Millionen Euro), den dritten Platz belegen Angehörige des öffentlichen Dienstes (850 Millionen Euro). Naturgemäß fallen die Verluste am geringsten in den Arbeitsmarktsektoren aus, in denen die Arbeitnehmer nicht im Büro, sondern unter freiem Himmel arbeiten. Die Land- und Forstwirtschaft verzeichnen Verluste von weniger als 24 Millionen Euro jährlich.

„Die Arbeitgeber erkennen das Ausmaß des Problems bereits und ergreifen auch schon Maßnahmen“, sagt Igor Nikolajew, Leiter des Instituts für strategische Analysen der FBK Consulting. „Es ist absehbar, dass sie zu gewissen Schritten gezwungen sein werden, um dem ‚Festhängen‘ der Beschäftigten in sozialen Netzwerken entgegenzuwirken. Insbesondere angesichts der nach wie vor bestehenden Defizite bei der Arbeitsproduktivität in der russischen Wirtschaft wird ein entschiedenes Eingreifen unvermeidbar sein“, erläutert der Experte.

Darja Pitschugina, Analytikerin bei der Wirtschaftsberatungsagentur Investcafé, warnt vor einer Überbewertung des tatsächlichen wirtschaftlichen Schadens infolge von Netzwerk-Aktivitäten der Arbeitnehmer. Die Verluste seien vergleichbar mit denen, die Raucherpausen verursachten. „Es gibt keine zuverlässigen Studien, die belegen, dass soziale Netzwerke den Arbeitseinsatz mindern. Als allgemein anerkannte Tatsache dagegen gilt, dass ein Arbeitnehmer stündlich eine kürzere Pause einlegen sollte, um seine Arbeitseffektivität zu steigern“, so die Expertin.

Sozial aktives Russland

Nach Angaben von ComScore bringt ein Russe im Schnitt 12,8 Stunden monatlich in sozialen Netzwerken zu. Mit diesem Wert ist Russland weltweit Spitzenreiter. Zu den fünf führenden Ländern im Bereich der virtuellen Kommunikation gehören außerdem Israel (11,1 Stunden im Monat), Argentinien (10,7), die Türkei (10,2) und Chile (9,8). Der globale Mittelwert liegt bei 5,7 Stunden.

Nach Schätzungen von FBK Consulting verlor im Jahr 2012 jeder russische Arbeitnehmer, der in sozialen Netzwerken aktiv war, insgesamt 3 187,2 Minuten bzw. 53,1 Stunden seiner Arbeitszeit.

Die am meisten frequentierten sozialen Netzwerke in Russland sind nach wie vor Vkontakte (30 Millionen Nutzer), Odnoklassniki.ru (26 Millionen) und Moj mir (23 Millionen). Die großen globalen Projekte Facebook und Twitter verzeichnen ebenfalls einen wachsenden Zulauf im russischen Internet. Sie erreichten Ende 2012 16 Millionen bzw. 5 Millionen Nutzer.

Internetnutzer werden jünger

Die überwältigende Mehrheit jener, die sich regelmäßig in sozialen Netzwerken aufhalten, sind junge Menschen – und das Durchschnittsalter sinkt in Russland weiter. Nach einer Studie von Kaspersky Lab brechen russische Kinder weltweit Rekorde hinsichtlich der zugebrachten Zeit im Internet. Die entsprechenden Internetplattformen werden regelmäßig von fast 60 Prozent der russischen Kinder besucht. Zum Vergleich: Weltweit ist dieser Wert durchschnittlich nicht höher als 25 Prozent.

Platz zwei im Ranking der von jungen Nutzern bevorzugten Internetangebote nehmen Onlineshops ein (9,1 Prozent junge Nutzer). Beliebt sind nach wie vor auch erotische Webseiten (8,9 Prozent), E-Mail-Provider (5,7 Prozent) sowie Spiele und Chats (3,1 Prozent).

Laut den Erhebungen von Kaspersky Lab kommen auf eine russische Familie durchschnittlich 3,6 Geräte mit Internetzugang. In 16 Prozent der Haushalte ist sämtliche handelsübliche Technik vorhanden: PC, Notebook, Smartphone und Tablet.

Die Arbeitnehmer von morgen, die seit ihrer Kindheit mit der Kommunikation in sozialen Netzwerken vertraut sind, werden zu den gesamtwirtschaftlichen Verlusten infolge virtueller Aktivitäten während der Arbeitszeit beitragen.

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