Deutsche Unternehmen gehen in die russischen Regionen

Im Juni 2011 unterzeichnete RZD mit Siemens und der russischen Sinara-Gruppe einen Vertrag über 1200 Waggons des Elektrozuges Desiro, der den Namen „Lastotschka" (Schwalbe) tragen wird. Foto: RZD

Im Juni 2011 unterzeichnete RZD mit Siemens und der russischen Sinara-Gruppe einen Vertrag über 1200 Waggons des Elektrozuges Desiro, der den Namen „Lastotschka" (Schwalbe) tragen wird. Foto: RZD

Die deutsch-russische Zusammenarbeit nimmt immer weiter zu. Deutsche Unternehmen sehen verstärkt in Russland zum einen Chancen, ihre Produkte zu verkaufen, zum anderen aber auch die Möglichkeit eines technologischen Austausches mit ihren russischen Partnern.

In der Russischen Föderation sind mittlerweile in 80 von 83 Regionen Unternehmen vertreten, an denen deutsche Firmen direkt oder indirekt beteiligt sind, vor allem solche aus dem Mittelstand. Nach Angaben der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer beschäftigen diese 120 000 Mitarbeiter, und ihr jährlicher Warenumsatz beträgt mehr als 40 Milliarden Euro. Bisher existieren deutsche Wirtschaftsvertretungen in fünf föderalen Bezirken Russlands. Doch die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern wird künftig weiter zunehmen.

Kaliningrad als wichtiger Wirtschaftspartner für Deutschland

Im Moment ist die Fahrzeugmontage der Holding Awtotor für den BMW-Konzern und andere Unternehmen der stärkste Faktor für den Warenumsatz zwischen Kaliningrad und Deutschland, er beträgt im Moment über 1,5 Milliarden Euro im Jahr. Die deutschen Direktinvestitionen in die Wirtschaft des Gebietes Kaliningrad betrugen im vergangenen Jahr fast acht Millionen Euro. „Wir glauben aber, dass die deutschen Investitionen gerade in den westlich gelegenen russischen Regionen noch deutlich gesteigert werden können“, sagte Nikolaj Zukanow, Gouverneur der Exklave.

Die Entfernung zwischen Kaliningrad und Berlin auf dem Landweg beträgt 600 Kilometer, bis zur deutsch-polnischen Grenze sind es nur knapp 500 Kilometer. Daher erörtert man in Kaliningrad gegenwärtig mit Vertretern deutscher Unternehmen die Möglichkeit, im Rahmen der Kaliningrader Wirtschaftssonderzone eine Reexport-Fertigung zu organisieren. „Innerhalb dieser Zone können Fahrzeugkomponenten zu besseren Konditionen produziert werden. Ihre Verarbeitung erfolgt in unserem Gebiet, und die Produkte werden in die Europäische Union geliefert“, erläutert der Bürgermeister Alexander Jaroschuk. Auch im Bereich der Zahnmedizin wird zurzeit ein Investitionsvorhaben in Höhe von mehr als zwei Milliarden Euro zur Herstellung von Geräten und Verbrauchsmaterial geprüft. Neben diesen potenziellen Produktionsstandorten hat zudem ein deutsches Unternehmen Interesse signalisiert, die Planung und den Bau eines Freizeitparks in Kaliningrad durchzuführen.

Deutsche Maschinen und technologischer Austausch in Omsk

In dem Gebiet Omsk in Sibirien sind nach Angaben des regionalen Wirtschaftsministeriums 30 russisch-deutsche Firmen registriert. Deutsche Produkte spielen hier vor allem im Agrarsektor eine Rolle; so sind auf den Feldern und in den Fabriken mehr als 600 Maschinen deutscher Herkunft zu finden. Im vergangenen Jahr überstieg der Warenumsatz zwischen dem Gebiet Omsk und Deutschland 58 Millionen Euro, deutsche Unternehmen haben zudem mehr als 20 Millionen Euro in die regionale Wirtschaft investiert.

Ein weiteres, neues Partnerprojekt wurde auf dem internationalen Forum der Grünen Woche 2013 in Deutschland geboren. Die Führung des Gebietes Omsk und der deutsche Konzern Wolf Systeme GmbH diskutierten auf dem Forum gemeinsame Möglichkeiten, in Omsk eine Fertigung für Leichtbauwohnungen zu errichten. Bereits im Juli wollen nun deutsche Fachleute in die Region reisen, um den ersten Bauabschnitt des Projekts vorzubereiten.

„Wir verfolgen diesen Traum schon seit zwei Jahren“, teilte unlängst der Landrat des deutschen Nationalkreises Asowo, Viktor Sabelfeld mit, ein ausgebildeter Bauingenieur. „Ein solcher Betrieb würde nicht nur unserer Region, sondern auch den benachbarten Gebieten, auch auf kasachischer Seite, nutzen.“ Trotz ihrer Vorzüge wird die Leichtbautechnologie aus Deutschland in Russland bisher noch nicht eingesetzt. Dabei entspricht sie den modernsten Anforderungen. Die Häuser aus leichten, stabilen und ökologisch reinen Baumaterialien halten die Wärme sogar in den extrem kalten sibirischen Wintern. Ein weiterer Vorteil ist die kurze Bauzeit, welche je nach Fläche und Höhe des Gebäudes teilweise nur wenige Wochen oder Monate beträgt.

Die Omsker zeigen zudem Interesse an deutscher Agrartechnik, ebenso an Verfahren zur Abfallverarbeitung sowie westlicher Biogas-Technologie. Vor Kurzem hat der Betreiber des Föderationsprojektes PARK (Regionaler Industrie-Agrar-Cluster) mit Deutschland ein strategisches Abkommen über die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien geschlossen.

Aber die deutschen Investoren sind auch an russischer Technologie interessiert: „Das größte Interesse haben die ausländischen Partner an Bereichen wie der Leinenverarbeitung, darunter der Fertigung von Leinenwatte, Verbandsmaterial und Dämmstoffen“, sagte Watalij Erlich, Regionalminister für Landwirtschaft und Ernährung. „Dazu kommen Bio-Fleisch- und Milchprodukte, ebenso die Produktion von Gries und Pflanzenöl. Und natürlich noch die Holzverarbeitung.“

„Schwalben“ verkehren im Ural

Mitte Mai dieses Jahres begann das in Werchnjaja Pymscha nahe Jekaterinburg gelegene Eisenbahnwerk Uralskije lokomotiwy mit der Fertigung eines weiteren Produkts aus deutsch-russischer Zusammenarbeit: Lastotschka (auf Deutsch: „Schwalbe“) ist dem Präsidenten der Vereinigung der Eisenbahntechnikproduzenten, Valentin Gapanowitsch, zufolge ein Elektrotriebwagen, der von Siemens für den Einsatz in Russland entworfen und an die besonderen Herausforderungen durch Größe und Klima des Landes angepasst wurde.

„Dieses Elektrofahrzeug ist in Russland einzigartig. Durch die speziell auf Russland zugeschnittene Konstruktion der ‚Schwalbe‘ bietet es sehr hohen Komfort für seine Insassen. Bei den Probefahrten empfanden die Passagiere die Außentemperatur von -25 Grad Celsius und Windgeschwindigkeiten von bis zu 15 Metern pro Sekunde nicht als störend, sie nahmen diese nicht einmal wahr“, fuhr der Experte fort.

Diese Triebwägen der jüngsten Generation verbrauchen ungefähr 30 Prozent weniger Energie als vorherige Modelle bei einer Höchstgeschwindigkeit von 160 Kilometern pro Stunde. Das ist nur geringfügig weniger als bei den Zweisystemzügen Desiro RUS, die gegenwärtig im Umkreis von Sankt Petersburg betrieben werden und in Sotschi zum Einsatz kommen sollen. Dafür verfügt die „Schwalbe“ aus dem Ural über eine höhere Leistung.

Einsatzgebiete für die Elektrozüge sind hierbei zunächst der innerstädtische und der Regionalverkehr, mit weiteren Entwicklungen ist allerdings auch der interregionale Bahnverkehr möglich. Als potenzielle Gebiete für Pilotprojekte sind hierbei Moskau, Sankt Petersburg, der Ural und Westsibirien sowie die Küstenregion des Kaukasus am schwarzen Meer und die Region Krasnodar denkbar. Bewährt die „Schwalbe“ sich, wird davon ausgegangen, dass diese sich zu einem der wichtigsten Transportmittel für die Fußballweltmeisterschaft 2018 entwickeln könnte.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Rossijskaja Gaseta.

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