Russland entdeckt das Elektroauto

Elektroautos erfreuen sich in Russland wegen ihres hohen Anschaffungspreises, der geringen Zahl an Aufladestationen und der unzureichenden Unterstützung durch den Staat bislang keiner allzu großen Beliebtheit. Doch das soll sich bald ändern – Russland HEUTE hat ein Ökorennen in Moskau besucht.

Foto: Darja Kalikina

Wie die Zeitung Kommersant am 22. Juli mitgeteilt hat, ist der russische Postmonopolist Post Russlands von seinem Vertrag mit dem französischen Autokonzern Renault über die Anmietung von zwölf Elektroautos zurückgetreten. Der Vertrag über 400 000 Euro wurde noch unter der alten Geschäftsführung des russischen Unternehmens abgeschlossen, hielt einer späteren Prüfung jedoch nicht stand. Dabei wollte Post Russlands ursprünglich sogar 100 Elektroautos für die Betreuung der Olympischen Spiele in Sotschi erwerben. Allerdings wurde nach einigen Testfahrten klar, dass die Fahrzeuge die Anschaffungskosten nicht einspielen können.

Nichtsdestoweniger wächst die Popularität umweltfreundlicher Straßenfahrzeuge in Russland, wenn auch nicht gerade in atemberaubendem Tempo. So fand am 14. Juli in Russland erstmals ein Wettrennen mit Ökofahrzeugen statt, an dem 20 Elektroautos teilnahmen. Die Autos fuhren vom Zentrum Krasnyj Oktjabr dem Bersenjowskaja-Ufer entlang bis hin zum Gortschakowo-Park, der sich auf dem unlängst zu Moskau gehörendem Gebiet im Südwesten der russischen Hauptstadt befindet.

Wassilij Panawitz vom Unternehmen Ekomotors, einem Mitorganisator des Ökorennens, erzählte, dass seine Firma bereits seit fünf Jahren damit beschäftigt sei, die Idee des Elektroautos in Russland voranzutreiben. Das größte Problem sei seiner Meinung nach die fehlende Unterstützung durch den Staat: „Die müssen im Fernsehen erzählen, dass man mit Elektroautos fahren soll, und sich auch selbst ans Steuer eines solchen Wagens setzen. Die Abgaben und Steuern müssen auch entfallen, dann sinkt der Preis gleich um 30 bis 40 Prozent."

Bei dem Ökorennen in Moskau nahmen Fahrzeuge von Marken wie Estrima Biro, Mitsubishi i-Miev, Nissan Leaf und Chevrolet Volt teil. Die Zuschauer konnten zusehen, wie die Fahrzeuge vor dem Start aufgeladen wurden, durften sich selbst ans Steuer setzen und sich mit den Besitzern unterhalten. Das stärkste Interesse rief natürlich der Preis hervor, der deutlich über dem eines in Größe und Ausstattung vergleichbaren Wagens mit Benzinmotor liegt.

Wladimir Sokolow, Teilnehmer am Ökorennen, bemerkte, dass man in Russland ein Elektroautomobil für etwa 50 000 Euro erwerben könne: „Viele

meiner Freunde und Bekannten, die normalerweise Autos der Oberklasse fahren, sehen bislang keinen Sinn im Kauf eines solchen Fahrzeugs. Wenn es zwischen 15 000 und 20 000 Euro kosten würde, wären sie sofort bereit, sich ein Elektroauto anzuschaffen. Aber auch die Größe passt noch nicht zu dieser Käuferschicht. Leute, die normalerweise einen Mercedes fahren, können sich nur schwer an so ein kleines Elektroauto gewöhnen."

Solch ein gepfefferter Preis sollte natürlich kompensiert werden. Dazu ist unter anderem geplant, dass der Staat den Kauf mit diversen Maßnahmen unterstützt. So soll das Parken im Stadtzentrum Moskaus, für das ab dem 1. August des laufenden Jahres etwa 1,20 Euro pro Stunde gezahlt werden müssen, für Elektrofahrzeuge kostenlos sein.

Sparen kann man auch bei der technischen Wartung: „Während ich früher im Durchschnitt 470 Euro für die Instandhaltung meines alten Autos ausgegeben habe, gehen meine Ausgaben dafür jetzt nahezu gegen null", berichtet Sokolow.

Weltweit existieren bereits einige leistungsstarke Ladestationen, mit denen der Akkumulator des Elektroautos innerhalb von nur 40 Minuten aufgeladen werden kann. Die Stationen in Moskau benötigen zum Aufladen jedoch sechs bis acht Stunden. In der russischen Hauptstadt gibt es insgesamt gerade einmal 40 Aufladestationen, aber es ist geplant, diesen Wert bis zum Jahresende auf bis 100 zu steigern. Wassilij Panawitz glaubt, dass spezielle Ladestationen gar nicht erforderlich sind: „Jeden Elektrowagen kann man im Prinzip an einer normalen 220-Volt-Steckdose ‚betanken'. Man muss die öffentlichen Plätze lediglich mit solchen Stationen ausrüsten. An Restaurants, Clubs, Einkaufszentren und Bürogebäuden muss den Leuten die Möglichkeit geboten werden, ihr Fahrzeug aufzuladen."

Gegenwärtig sind nach offiziellen Angaben in Moskau höchstens 200 Elektroautos unterwegs. Im gesamten Russland sind es ungefähr 500

Fahrzeuge. Natürlich rufen solche exotischen Transportmittel das Interesse anderer Verkehrsteilnehmer hervor. Dmitrij Nikiferow, Besitzer eines Elektroautos, erzählt: „Die Fahrer anderer Autos sprechen mich häufig an, interessieren sich für das Fahrzeug und sind von dessen Umweltfreundlichkeit sehr beeindruckt."

Eine Ladung reicht im Durchschnitt für 150 Kilometer am Tag. Weder Sokolow noch Nikiferow haben bisher eine längere Tour unternommen, aber sie erklären einhellig, dass ihnen das Elektroauto für Fahrten innerhalb Moskaus vollkommen ausreiche. Die Elektroautos aus der Fertigung des amerikanischen Unternehmens Tesla haben immerhin schon eine Reichweite von 300 bis 400 Kilometern, werden in Russland aber bislang noch nicht zum Verkauf angeboten.

Während die Russen sich erst noch langsam an dieses neue Transportmittel gewöhnen, kann man im Ausland am Steuer eines Elektroautos bereits Persönlichkeiten wie den Regisseur James Cameron, den UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon oder den New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg sehen.

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