Start-ups zieht es nach Russland

In Russland erfahren kleine Unternehmen steuerrechtliche Begünstigungen, die es ihnen ermöglichen, ihre Steuerausgaben zu senken und den Kontakt mit den Finanzbehörden zu minimieren. Foto: ITAR-TASS

In Russland erfahren kleine Unternehmen steuerrechtliche Begünstigungen, die es ihnen ermöglichen, ihre Steuerausgaben zu senken und den Kontakt mit den Finanzbehörden zu minimieren. Foto: ITAR-TASS

Aufgrund der vorherrschenden Wirtschaftskrise in Europa entdecken mehr und mehr Untenehmen Russland als neuen Markt. Insbesondere für Start-ups bietet das osteuropäische Land eine große Bandbreite an Möglichkeiten.

Angesichts der Tatsache, dass in Industrieländern die Wirtschaftskrise wütet, wird Russland mit seinen hohen Erdöleinnahmen als ein überaus perspektivenreiches Land gesehen, wo man im Bereich Dienstleistungen einiges erreichen kann. Gerade in diesem Sektor sind auch die meisten Mikro- und Kleinunternehmen tätig, da die Start-up-Kosten in dieser Sparte sehr niedrig sind, die Einnahmen aber umso höher ausfallen können.

Nach Angaben der Weltbank soll es mehr als 500 Kriterien geben, nach denen Betriebe als Kleinunternehmen eingestuft werden. So wurde etwa im Grundgesetz Russlands, in dem die Grenzen für Kleinunternehmen rechtlich verankert sind, festgehalten, wie viele Mitarbeiter sowie Einnahmen Mikro-, Klein- und Großbetriebe haben müssen, um als solche eingestuft zu werden.

Den Status „Mikro" erhalten jene Unternehmen, die Einnahmen bis 1,4 Millionen Euro oder eine Mitarbeiterzahl von bis zu 15 Personen verzeichnen; Unternehmen mit Einnahmen von bis zu 220 000 Euro oder mit bis zu 100 Mitarbeitern werden als Kleinbetriebe erachtet. Alle Firmen, die mehr Einnahmen und Mitarbeiter haben, werden zu den Mittel- und Großunternehmen gezählt.

In Russland gibt es zudem spezielle Förderprogramme für Kleinunternehmen, weswegen Betriebe dieser Kategorie einige Vorteile genießen. Beispielsweise erfahren kleine Unternehmen steuerrechtliche Begünstigungen, die es ihnen ermöglichen, ihre Steuerausgaben zu senken und den Kontakt mit den Finanzbehörden zu minimieren. Jedoch könne dieser „besondere" Status für Kleinunternehmen auch unnötige Hürden mit sich bringen, meinen Experten: Mikro- und Kleinunternehmen bekämen bei einer Bank viel schwieriger einen Kredit und fänden viel schwerer alternative Finanzierungsmöglichkeiten als größere Betriebe.

Außerdem sollen sich Unternehmer über die zu hohe Besteuerung, die immensen Verwaltungskosten, die weitreichende Korruption, aber auch über die ihnen auferlegten Leistungen beklagen. Deswegen hätten es auch Vertreter kleinerer Unternehmen um einiges schwerer, sich gegen diese Hürden zu wehren, als Großbetriebe, die in Russland eng mit dem Staat verflochten sind.

Der Beamte sehe seine Position als eine zusätzliche Profit- und Einnahmequelle, beklagt sich Dina Krylowa, Präsidentin der Stiftung für Unternehmerschutz „Delowaja perspektiwa", und führt weiter aus, dass sich Beamte nicht wirklich um den Erhalt von Kleinunternehmen sorgen würden. Dabei stellten doch kleinere Unternehmen Arbeitsplätze und zusätzliche Steuereinnahmen für den Staat dar. In den Industrieländern, meint sie, würde man Unternehmer weitaus mehr schätzen.

In Russland sind allerdings nur zehn Prozent der Bevölkerung selbstständig – um einiges weniger als in Europa, den USA oder China. Nach Angaben

des russischen Statistikamts Rosstat für 2012 befinden sich an erster Stelle der Kleinunternehmerstruktur Handels- sowie Servicebetriebe für PKWs und Haushaltsgeräte – diese würden nämlich fast ein Drittel des Marktes einnehmen. Dicht gefolgt werden diese von Immobilienunternehmen und von Baufirmen, welche in Summe etwa 30 Prozent der Kleinbetriebe ausmachen. Die Fertigungsindustrie, darunter die Textilindustrie, die Fertigung von Metallteilen und Elektroausstattung, nimmt fast 15 Prozent ein. Der Marktanteil von Landwirtschaft, Gastronomie sowie Transport und Verkehr beläuft sich jeweils auf etwa fünf Prozent.

In Russland bestehe jedoch ein Mangel an Unternehmen in den Bereichen Innovation und Hightech, glaubt Krylowa. Darüber hinaus gebe es nicht ausreichend Unternehmen in den Sparten Handel, Logistik, Service und Kundendienst, ergänzt Anatolij Lejrich. Diese Wirtschaftsbereiche seien nämlich solche, in denen sich sowohl Klein- als auch Mittelunternehmen gleichermaßen wie Großbetriebe entwickeln könnten. Auf jeden Fall bedürfe es an etwas Revolutionärem und Neuem, um bei den Konsumenten Interesse zu wecken, fährt Krylowa fort. Denn auf den Märkten, auf denen Klein- und Mittelbetriebe agieren, herrsche viel Konkurrenz, was auch teilweise als Grund für die niedrigen Einnahmen gesehen werden könne, so Krylowa weiter.

Was die Einnahmen angeht, so variieren diese in Abhängigkeit vom Standort des Unternehmens. In Moskau verzeichne man im Vergleich zu anderen Regionen eher positive Werte. Dies haben regionale Beamte errechnet, indem sie die Gehälter und Einkommen von Einzelunternehmen in jedem Föderationssubjekt Russlands miteinander verglichen. Das durchschnittliche Jahreseinkommen von einem Moskauer Gastronomiebetrieb mit weniger als 50 Quadratmetern betrage etwa 70

000 Euro. Im autonomen Kreis der Jamal-Nenzen könne dahingegen ein Gastronomiebetrieb mit denselben Parametern ein durchschnittliches Jahreseinkommen von nur etwa 36 000 Euro erzielen. In der Oblast Belgorod betrage der Jahreswert überhaupt nur 1 200 Euro. Ein anderes Beispiel: Eine in Belgorod von Zuhause aus arbeitende Friseurin oder Kosmetikerin schaffe es, insgesamt 2 400 Euro im Jahr zu verdienen, in Krasnodar wären es 7 700 Euro und in Moskau 21 000 Euro. Allerdings trügt auch hier der Schein, denn in Moskau werde nicht zwangsläufig für die gleiche Tätigkeit mehr bezahlt als in den Regionen. Die Einkommensgrenze in den Regionen und in der Hauptstadt wären so bei Taxifahrern, Köchen, Sporttrainern, Wachleuten und Kofferträgern in etwa gleich hoch: Bei Keinem übersteigt das durchschnittliche Jahreseinkommen die 7 000-Euro-Grenze.

Ungeachtet der großen Schere zwischen den einzelnen Einnahmen und den damit verbundenen Schwierigkeiten kommen ausländische Unternehmen nach Angaben des internationalen Jobportals „The Network", das in den Jahren 2009 bis 2010 66 000 Anträge in 35 Ländern analysiert hat, vorwiegend wegen den Verdienstperspektiven nach Russland – wobei sie auch noch ziemlich erfolgreich sind.

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