Mitgründer der größten russischen Suchmaschine Yandex ist tot

Der Yandex-Mitgründer Ilja Segalowitsch ist im Alter von 48 Jahren verstorben. Foto: RIA Novosti

Der Yandex-Mitgründer Ilja Segalowitsch ist im Alter von 48 Jahren verstorben. Foto: RIA Novosti

In der Nacht zum Donnerstag, dem 25. Juli, verstarb Ilja Segalowitsch, Mitgründer der größten russischen Suchmaschine Yandex, im Alter von 48 Jahren in London. Neben seinen besonderen technischen Fähigkeiten wird auch sein wohltätiges Engagement vermisst werden.  

Als Erster informierte der Mitgründer und aktuelle Geschäftsführer von Yandex, Arkadij Wolosch, im offiziellen Blog des Unternehmens über Segalowitschs Ableben. Er war mit ihm seit der Schulzeit befreundet, war aber oder vielleicht auch deshalb sehr wortkarg: „Heute Nacht ist er von uns gegangen. Alles ging sehr schnell und war völlig unerwartet." Er machte auch deutlich, wie groß die Lücke sein werde, die der Verstorbene hinterlasse: „Ich weiß nicht, wie man sein umfassendes technologisches Wissen und seine klaren Vorstellungen von der Produktentwicklung ersetzen soll. Er hat eine ganz neue Generation an jungen Programmierern, ja eigentlich eine eigene Schule, hinterlassen. Und seine ästhetischen Standards sind heute ein Maßstab für uns alle."

Erst am vergangenen Donnerstag, dem 18. Juli, stellte Segalowitsch türkischen Unternehmenspartnern seine aktuelle Entwicklung „Ostrowa" („Die Inseln"), das neue Suchportal von Yandex, vor. Das war sein letzter öffentlicher Auftritt. Die Todesumstände wurden nicht näher angegeben. Die Zeitschrift Forbes teilte unter Verweis auf einen Yandex-Vertreter mit, dass Segalowitsch an Magenkrebs erkrankt war. „Die Krankheit befand sich nicht im kritischen Stadium, und der Unternehmer konnte eine Zeit lang erfolgreich gegen den Krebs ankämpfen", schreibt Forbes. „Aber vergangene Nacht kam es zu einem Rückfall, der tödlich endete."

Die Mitteilung über Segalowitschs Ableben verbreitete sich nahezu schlagartig im russischsprachigen Internet sowie über Twitter und lief über die Ticker der sozialen Netzwerke. Auch viele bekannte russische Persönlichkeiten sprachen ihr Bedauern und Beileid aus.

„Er war der ‚ideale Kapitalist', der sein Geld mit seinem Geist und seiner Arbeit verdiente, der aber auch gemeinnützig tätig war und nicht davor zurückschreckte, politische Projekte öffentlich zu unterstützen", schrieb der bekannte Oppositionspolitiker und aktuelle Kandidat für das Moskauer Bürgermeisteramt Alexej Nawalny in seinem Blog. „Er war eine der wichtigsten Stützen der IT-Industrie in Russland und half dabei, mobile Anwendungen für die Beobachtung der Wahlen zu entwickeln", so der Blogger.

Nawalny fügte hinzu, dass er Segalowitsch zum letzten Mal bei der Demonstration zur Unterstützung politischer Gefangener am 6. Mai persönlich gesehen habe. „Er hatte eine einfache, graue Jacke an und lief ganz bescheiden zusammen mit allen anderen Demonstranten. Ehre seinem Andenken. Er war ein sehr guter Mensch", erinnert Nawalny sich in seinem Eintrag.

„Er war ein unendlich gütiger, verständnisvoller und unbescholtener Mensch, den weder Ruhm, Geld oder die Beziehungen zu den Investoren

verderben konnten", schrieb der Internet-Guru Anton Nosik, der häufig als einer der Väter des russischen Internets bezeichnet wird.

Segalowitsch kam 1964 400 Kilometer östlich von Moskau an der Wolga in Gorkij, dem heutigen Nischnij Nowgorod, als Sohn einer Geologen-Familie zur Welt. Seine Kindheit verbrachte er in Kasachstan, wo sein Vater in den Sechzigerjahren das größte Chromit-Vorkommen der Sowjetunion entdeckte.

In der Physik- und Mathematik-Fachschule der damaligen kasachischen Hauptstadt Alma-Ata schloss Segalowitsch Freundschaft mit Arkadij Wolosch. Nach der Schule trennten sich ihre Wege zunächst, denn Segalowitsch nahm ein Studium an der Fakultät für Geophysik der Moskauer Hochschule für geologische Erkundungen auf und bekam im Anschluss eine Arbeitsstelle am Institut für Mineralrohstoffe.

„Ungefähr um das Jahr 1990 herum bekam ich das Gefühl, dass das nicht alles im Leben gewesen sein könne und ich noch etwas anderes in Angriff nehmen müsse", schrieb Segalowitsch in einem autobiografischen Beitrag in einem Diskussionsforum für Entwickler. Den Ausweg fand er in der Firma, die Wolosch zusammen mit einem anderen Unternehmer – Arkadij Borkowskij – gegründet hatte. „Ich fing bei ihnen ganz unten an. Aber bald schon hatte ich Selbstvertrauen genug und begann, alle Prozesse zu optimieren und hatte mich schon bald zum Chefentwickler hochgearbeitet", erinnerte Segalowitsch sich.

1993 kam dann die Idee für Yandex, eines schnellen Indiziersystems für Endnutzer, wie es Segalowitsch beschrieb. Die Idee hinter dem Namen stammte auch von ihm, indem er die Wörter „Ya" (was im Russischen „Ich" bedeutet) und „Index" verknüpfte. Bei der ersten Programmversion, die bereits im Herbst jenes Jahres fertiggestellt wurde, handelte es sich noch um ein Suchprogramm für den eigenen Computer. Zwei Jahre später beschlossen Segalowitsch und Wolosch, eine Suchmaschine für das Internet zu entwickeln, und nahmen diese dann 1997 in Betrieb. Das Unternehmen Yandex selbst wurde von Segalowitsch und Wolosch im Jahr 2000 gegründet. „Ich mache keinen allzu großen Unterschied zwischen mir und Yandex. Ich stelle quasi dessen Bestandteil dar", äußerte Segalowitsch im September 2012 in einem Interview mit der Internetzeitschrift Snob. „Ich habe mir zusammen mit meinen Kollegen die äußerst komplexe und ambitionierte Aufgabe gestellt, ein globales Unternehmen zu schaffen."

Sein Ziel hatte er zum damaligen Zeitpunkt eigentlich bereits erreicht: 2011 ging Yandex an die Börse und konnte hierbei Aktien im Wert von etwa sechs Milliarden Euro platzieren. Bis zu seinem Tod war Segalowitsch Vorstandsmitglied und technischer Direktor des Unternehmens, mit seinem Aktienanteil von 2,5 Prozent verfügte er gleichzeitig über 6,87 Prozent der Stimmrechte.

Auf die Frage, was er gerne erfinden würde, antwortete Segalowitsch im selben Interview: „Einen Zeitumkehrer, wie ihn Hermine Granger bei Harry Potter hatte. Ich habe übrigens alle sieben Bände dieser Geschichte übersetzt und sie meinen Kindern vorgelesen. Ein Zauberstab wäre ebenso

wirklich nicht schlecht: Eine Geste, und das Wahlsystem würde normal funktionieren, eine weitere, und alle Waisenkinder würden eine Familie finden. Für diese Erfindung würde ich all mein Geld auf den Tisch legen."

Das Gefühl, in seinem Leben noch nicht alles erreicht zu haben, ließ ihn nicht nur bei seiner Arbeit und der Suche nach neuen beruflichen Herausforderungen niemals los: Bereits 1993 gründete Segalowitsch zusammen mit seiner Ehefrau Maria die gemeinnützige Organisation Djeti Marii („Marias Kinder"), um Waisenkinder und ehemalige Kinderheimbewohner zu unterstützen und ihnen eine soziale und psychologische Rehabilitation auf Basis kreativer Beschäftigung zu ermöglichen.

Der letzte Eintrag auf Segalowitschs Facebook-Seite vom 16. Juli drehte sich um eben dieses Projekt. Neben einem Foto, das ein Dutzend lächelnder junger Leute mit dem von ihnen gemalten Giraffen zeigt, war zu lesen: „Marias Kinder haben heute übrigens ein beeindruckendes Werk geschaffen. Die Giraffen sind super gelungen."

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