Expedition ins Ewige Eis: Studenten erforschen den Nordpol

Das Bildungsprojekt „Schwimmende Arktische Universität“ ermöglicht es jungen Wissenschaftlern, die Arktis zu erforschen. Foto: Pressebild

Das Bildungsprojekt „Schwimmende Arktische Universität“ ermöglicht es jungen Wissenschaftlern, die Arktis zu erforschen. Foto: Pressebild

Die „Schwimmende Arktische Universität“ ist ein innovatives Bildungsprojekt, das es jungen Forschern ermöglicht, mit einem Schiff die arktischen Meere zu befahren und vor Ort wissenschaftliche Erkenntnisse über den Nordpol zu sammeln. Auch international stößt das Projekt auf großes Interesse.

Archangelsk ist eine Hafenstadt im Norden Russlands. Sie verläuft entlang des rechten Ufers der Nördlichen Dwina, eines breiten, kalten Stroms, der in das Weiße Meer mündet. Hier, an der Anlegestelle 150 des Archangelsker Flusshafens, legt am 26. Juli um 9 Uhr das Expeditionsschiff „Professor Moltschanow" an – eine schwimmende Universität. Auf dessen rechter Bordseite stehen die jungen Passagiere in einer Reihe – darunter Studenten und Doktoranden russischer Universitäten, die im Zuge einer dreiwöchigen Expedition das Wasser, den Schnee, das Eis und die Vegetation der kalten Arktis erforscht haben und jetzt wieder nach Hause zurückkehren.

Die schwimmende Universität wurde 2011 im Rahmen einer Kooperation zwischen der Nördlichen Arktischen Föderalen Universität in Archangelsk (SAFU), der Bundesagentur für Hydrometeorologie und Umweltaufsicht (Roshydromet) und der Russischen Geografischen Gesellschaft (RGO) gegründet. Das Ziel des Projekts besteht darin, junge Experten unter realen Bedingungen in der Arktis darauf vorzubereiten, selbstständig in den Polarregionen Russlands zu arbeiten. Dazu wurde eigens ein Expeditionsschiff unter dem Namen „Professor Moltschanow" zur Verfügung gestellt, das mit all dem Laborequipment ausgestattet ist, das für die Erforschung der Arktis benötigt wird. Die erste Expedition des Forschungsschiffs wurde 2012 unternommen, die zweite im Juni 2013. Am 26. Juli ist das Schiff nun heil von seiner dritten Expedition heimgekehrt.

 

Von der Theorie sofort in die Praxis

„Die schwimmende Universität ist kein Ausflug sondern harte Arbeit", erklärt Konstantin Bogolizyn, der Leiter des Projekts. „Es handelt sich hier um Wissenschaft, bei der im Vorhinein definierte Forschungsarbeiten betrieben werden. Außerdem werden im Zuge des Projekts auch Vorlesungen in den Bereichen Meereskunde, Biologie, Chemie und Geografie sowie Seminare und Diskussionen über die gewonnenen Daten abgehalten. Das heißt, das Projekt vereint in sich Wissenschaft und Bildung."

„Während der Expedition befinden sich Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter an Bord des Schiffs", erläutert Konstantin Sajkow, der Leiter der ersten Expeditionsgruppe. „In den Vorlesungen erlangen die Studenten neues Wissen, das sie dann unmittelbar am Meer anwenden können, indem sie mit speziellen Geräten arbeiten. Gleichzeitig betreiben die Wissenschaftler Forschungsarbeiten und ziehen dabei Studenten hinzu – wie eine echte Universität, nur eben in kleinem Format."

 

24 Tage, 50 Forscher, 6 678 Kilometer

Die Aufgaben der Juli-Expedition sahen dieses Mal Forschungsarbeiten in der Kara- und Barentsee vor. In 24 Tagen hatten dabei die Besatzung der „Professor Moltschanow" sowie das Forscherteam, das aus 50 jungen Wissenschaftlern bestand, auf der Route Archangelsk–Weißes Meer–Insel Kolguew–Barentsee–Karasee–Sewernaja Semlja–Nowaja Semlja–Archangelsk insgesamt 6 678 Kilometer zurückgelegt.

Die jungen Forscher und ihre wissenschaftlichen Betreuer sind zudem elf

Mal auf arktischen Inseln an Land gegangen. Dabei legten sie immer mit Booten an, die von Bord des Schiffs ins Meer hinabgelassen wurden. „Wir waren auf Kap Schelanija und erreichten auch die Bucht Ledjanaja Gawan im nordöstlichen Teil des Nationalparks Russische Arktis.

Wir haben mit eigenen Augen den Ort gesehen, an dem der Seefahrer Willem Barentsz überwintert hatte, und das dort zu seinen Ehren aufgestellte Kreuz", erzählt Natalja Bysowa, die Leiterin der im Juli durchgeführten Expedition. „Zwei Forscher aus dem Bereich Geoinformationssysteme legten auf Kap Schelanija an, wo sie eine Woche damit verbrachten, eine Windkraftanlage aufzustellen. Währenddessen befanden wir uns auf dem Weg zum Franz-Josef-Land. Als wir nach einer Woche wieder zu ihnen zurückfuhren, haben sie uns mit Tee empfangen, der mit umweltfreundlicher Energie aufgekocht worden war", erinnert sich Bysowa.

 

Gletschereis und Moos – der Expeditionsalltag

Das durchschnittliche Alter der Expeditionsteilnehmer betrug 20 bis 21 Jahre. Iwan Ljubimkow ist einer von ihnen – er ist mit 18 Jahren auch einer der jüngsten Teilnehmer. Ljubimkow ist Student am Institut für Naturwissenschaften und Biomedizin der SAFU, wobei er sich auf

theoretische Physik spezialisiert hat. Auf dem Schiff arbeitete er in der Abteilung Glaziologie und erforschte das Eis der Gletscher.

„Wir erforschen die elektrophysischen Eigenschaften des Eises", erklärt der Student. „Das Eis bildet sich aus Meerwasser und wenn dieses ganz langsam gefriert, dann hat es Trinkwasserqualität. Unsere Ergebnisse haben gezeigt, dass man es sogar in Lebensmitteln verwenden könnte. Dieses Wasser enthält nämlich weniger Salz als jenes, das entlang von Buchten fließt und Mineralien aus dem Boden aufnimmt", erläutert Ljubimkow.

Neben dem Bereich Glaziologie forscht man auf dem Schiff auch in den Gebieten Meereskunde, Hydrochemie, biologische Ressourcen, physikalische Chemie, Biologie und noch anderen Bereichen. An den im Laufe der Expedition gesammelten Proben an Eis, Schnee, Meerwasser oder Moos – eben allem, was man in drei Wochen in der Arktis sammeln konnte – werden die jungen Wissenschaftler weiterforschen. Doch das wird bereits an Land, in den Labors der Universität in Archangelsk, geschehen.

 

(K)ein Sprung ins kalte Wasser

Für die Mehrheit der Teilnehmer war die Arbeit an Bord von „Professor Moltschanow" ihre erste Erfahrung mit einer Expedition. Die Forscher lernten sich zudem erst auf dem Schiff kennen. Somit war auch das Projekt, das sich insgesamt drei Wochen lang auf engstem Raum und ohne jegliche

Verbindung zur Außenwelt abspielte – der Empfang mobiler Netze war nicht möglich und Internet gab es nur hier und da –, aus psychologischer Sicht eine wahre Herausforderung.

„In der Kajüte waren wir zu dritt, wobei ich tagsüber arbeitete und mich nachts ausruhte. Ich schlief von vier Uhr morgens bis zwölf Uhr mittags: Ich sah meine Nachbarn praktisch nie", erzählt Ljubimkow. „Wir waren nämlich alle mit unserer Arbeit beschäftigt. Freizeit gab es wenig und Zeit über Privatsphäre nachzudenken erst recht nicht."

Iwans wissenschaftlicher Betreuer fügt hinzu: „Ich war erstaunt, dass wir 50 Leute an Bord waren und es in den 24 Tagen zu keinem Konflikt kam." Denn auch für die wissenschaftlichen Leiter war die Expedition eine Belastungsprobe: „Wir fuhren mit Booten an Land und da begriffen wir erst, was es heißt, auf einer Strickleiter vom Schiff herunterzusteigen", bekennt Ljudmila Woroschzowa. „Das Wichtigste dabei ist, nicht daran zu denken, dass es unter dir sehr tief und kalt ist."

 

Mehr Länder sollen ins Boot geholt werden

Es gibt viele, die am Projekt „Schwimmende Arktische Universität" teilnehmen wollen. Da es nur eine begrenzte Anzahl an freien Plätzen gibt, werden die Studenten in einem Auswahlverfahren bestimmt. Die Konzeption und Durchführung einer solchen Expeditionsreise ist sehr

kostspielig, in diesem Fall rund 796 000 Euro, wobei die Studenten für die Reise nichts bezahlen. Finanziert wird der Großteil des Projekts von der SAFU, der Rest von Roshydromet, dem Nördlichen Amt für Hydrometeorologie und der RGO.

Am Projekt sind auch schon andere Länder interessiert, vor allem Schweden, Norwegen und Finnland, aber auch Deutschland, Kanada und die USA – ebenfalls Länder, für die die Erforschung der Arktis von besonderer Bedeutung ist. Schon bald werde das Expeditionsschiff „Professor Moltschanow" erneut in See stechen, aber dieses Mal über die Nordostpassage, genauer über jene Route, über die einst Fridtjof Nansen vor 100 Jahren gesegelt ist. Diese vierte Expedition der „Schwimmenden Arktischen Universität", soll dieses Mal von der SAFU in Kooperation mit der norwegischen Universität Tromsø finanziert werden soll. Danach kann sich die schwimmende Universität zusätzlich auch noch als international bezeichnen.

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