Start-ups: Die größten Irrtümer ausländischer Investoren

Maxim Godsi: "Die beste Voraussetzung für das Wachstum von Start-ups ist nicht eine große Investitionssumme. Wichtiger ist, dass der Investor seine eigenen Erfahrungen mit den Gründern teilt". Foto: Pressebild

Maxim Godsi: "Die beste Voraussetzung für das Wachstum von Start-ups ist nicht eine große Investitionssumme. Wichtiger ist, dass der Investor seine eigenen Erfahrungen mit den Gründern teilt". Foto: Pressebild

Maxim Godsi, Leiter des Gründerzentrums InCube, stellt die drei häufigsten Irrtümer ausländischer Investoren vor, die russische Start-ups fördern wollen. Erfolg hat, wer sich vorher informiert.

In Russland sind Risikokapitalfonds erst seit maximal fünf Jahren auf dem Markt. Leitlinien zur Durchführung von Investitionskampagnen in Russland, wie es sie in den USA und in Europa gibt, wurden bisher noch nicht herausgegeben. Investoren, die sich an in den USA oder in Europa bewährten Modellen orientieren, begehen regelmäßig typische Fehler. Wir haben unsere Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit ausländischen Investoren ausgewertet und versucht, eine Liste der häufigsten Irrtümer zu erstellen, was in Russland angeblich funktioniert und was nicht.

 

Irrtum 1: „Projekte konkurrieren untereinander um die Gunst des Investors"

Die Welle der Start-up-Gründungen mittels privaten Kapitals hat in Russland eine große Zahl von Business Angels und verschiedenen Riskokapitalfonds von Consultingfirmen bis zu IT-Unternehmen auf den Plan gerufen. Allein im Jahr 2012 entstanden in Russland mehr als 50 solcher Fonds.

Das Bestreben dieser Fonds, möglichst schnell neue Investitionsmöglichkeiten zur Verfügung zu haben, hat die Gründung zahlreicher unausgereifter und schlecht funktionierender Start-ups ausgelöst. In der Regel handelt es sich dabei um soziale Netzwerke, die von Studenten und Hochschulabsolventen gestartet wurden, weil es gerade modern ist, dieser populären Internet-Gemeinschaft anzugehören.

Die Start-up-Community in Russland vermischt sich mit bestimmten trendigen Jugendbewegungen wie den Hipstern, aber auch mit politisierten Bewegungen wie Seliger, dem Projekt „Ty – predprinimatel" („Du – Unternehmer") oder dem Sworykinskij-Projekt.

Viele dieser jungen Gründer sind gar nicht auf der Suche nach Investitionen. Die damit einhergehende Verantwortung und Notwendigkeit „ernsthaft" zu arbeiten, scheint nicht sonderlich verlockend zu sein. Die eigentlichen Ideengeber wiederum – Wissenschaftler, Ingenieure, hochqualifizierte Experten – denken nicht einmal daran, ein eigenes Unternehmen zu gründen, selbst wenn sie eine innovative Idee haben.

Auf dem Markt stellt sich daher folgende Situation dar: Viele Investoren verwenden einen großen Teil ihres Kapitals darauf, ihre eigenen Strukturen aufrechtzuerhalten und Gehälter für geschäftsführende Partner und Analytiker zu bezahlen. Es gibt mehr, die Goldgräber für ihre Reise ins Klondike-Land verkaufen wollen, als Reisewillige selbst.

Insgesamt ist das Defizit an realen Projekten so groß, dass Investoren gelegentlich die Augen vor wichtigen Tatsachen verschließen und für Start-ups Bedingungen schaffen, von denen Projekte im Ausland nicht einmal träumen können. Ich war beispielsweise Zeuge verbindlich getätigter Investitionen von etwa 75 000 Euro in ein Projekt, das noch nicht einmal einen Finanzplan vorgelegt hatte. Was ist das anderes als eine Investition aus Ausweglosigkeit?

 

Irrtum 2: „Die lukrativsten Investitionen werden im frühsten Stadium der Entwicklung eines Start-ups abgeschlossen."

In den USA und in Europa gilt diese Regel, weil es dort ein großes Defizit an Hightech-Ideen gibt. In absoluten Werten ausgedrückt ist es größer als in Russland. Sie sind ein hart umkämpftes Gut. Jede beliebige Idee mit

Potenzial wird sofort in der entwickelten Infrastruktur von Start-ups und Risikokapitalgebern aufgegriffen und verwandelt sich in ein Projekt mit Fremdkapital. Entsprechend besteht die Aufgabe des Investors darin, ein solches Projekt früher als andere zu entdecken.

In Russland stellt sich die Situation anders dar. In den Instituten und Universitäten warten im Laufe der letzten 30 Jahre angesammelte Entwicklungen und Ideen darauf, in ein erfolgreiches Unternehmen umgesetzt zu werden. Sie haben trotz Soros und föderaler Fonds zur Innovationsförderung in Russland diesen Sprung noch nicht geschafft. Diese Ideen könnten zu innovativen Produkten werden, aber ihre Urheber sind wenig erfahren in der Führung eines Unternehmens, speziell während der Startphase.

Der Prozentsatz an Investitionen ins Startkapital ist in Russland äußerst gering. Die These über den Vorteil von Investitionen in der frühsten Entwicklungsphase eines Unternehmens scheint sich somit nicht zu halten.

 

Irrtum 3: „Die Dimensionen eines Projekts fallen proportional zum Umfang der Investitionen aus."

In Russland lassen sich mit Geld wesentlich mehr Probleme lösen als in vielen anderen Ländern der Welt. Entgegen den verbreiteten Vorurteilen ist Russland heute ein Land, in dem der Markt alle Sphären der Wirtschaft durchdrungen hat und unternehmerische Freiheit angesichts geringer staatlicher Regulierung in hohem Maße gewährleistet ist. Warum also ist trotzdem nicht zu erwarten, dass ein Projekt sich nach einer Investition schnell entwickelt?

Die russische Mentalität und, noch wichtiger, das Spannungsfeld der

Interaktion mit staatlichen Behörden, Zulieferern und Kunden wirken sich auf ein Unternehmen lähmend aus. Marktteilnehmer legen tatsächlich ein weitaus trägeres Verhalten an den Tag, als man es gemeinhin annimmt.

Russische Consulting-Unternehmen führen als zentralen Trägheits-Indikator die Zeitspanne an, die zwischen Unterzeichnung eines Investitionsvertrags und der Auszahlung der ersten Tranche liegt. In Russland beträgt sie zwischen einem halben und einem ganzen Jahr. Solche Verzögerungen sind in einem Projekt in allen weiteren Stadien seiner Umsetzung spürbar.

Ausländische Unternehmen sind sich einiger, für Russland typische, Schwierigkeiten in der Regel nicht bewusst. Dazu gehört der trotz mancher Vereinfachungen der Prozeduren immer noch zeitaufwendige bürokratische Aufwand der Registrierung eines ausländischen Unternehmens in Russland. Diese nimmt, einschließlich der Eröffnung von Bankkonten und Meldung bei den Sozialversicherungen, mindestens zwei Wochen in Anspruch.

Viele Projekte können nicht einmal präzise den Kapitalbedarf, der für die Entwicklung des Geschäftsvorhabens erforderlich ist, kalkulieren. Sie entscheiden sich nicht selten für extreme Lösungen, lassen bestimmte Aspekte des Unternehmens unberücksichtigt und investieren beträchtliche Summen während der ersten Entwicklungsphase des Projekts.

Die Erfahrungen von InCube lassen den Schluss zu, dass die beste Voraussetzung für das Wachstum von Start-ups nicht eine große Investitionssumme ist. Wichtiger ist vielmehr, dass der Investor seine eigenen Erfahrungen mit den Gründern teilt und diese berät. Nicht selten können interne Defizite eines Projekts durch kompetente Gutachten und Beratungen eines Investors, der das Projekt nicht sich selbst überlässt, beseitigt werden.

 

Empfehlungen für Investoren und junge CEOs

Alle aufgezählten Probleme eröffnen attraktive Möglichkeiten für ausländische Partner auf dem russischen Markt für Risikokapital. Sie haben Chancen einer Beratung in der Planungsphase, einer unabhängigen Begutachtung der Projekte und einer Begleitung der Vertragsgeschäfte.

Russische Projekte sind noch mehr als ihre ausländischen Pendants auf Investitionen angewiesen, auf solide Bedingungen der Verwendung der Gelder und auf eine unmittelbare Beteiligung des ausländischen Investors oder Co-Investors mit seiner Erfahrung und Netzwerken an der Entwicklung des Projekts.

Für realistische Projekte gibt es keine sprachlichen und kulturellen Barrieren. Ein Investor, der seine Qualitäten und Kompetenzen unter Beweis stellt, kann mit gebührender Anerkennung seiner Leistungen rechnen.

Viele erfolgreiche russische Start-ups wandern nach Singapur oder ins Silicon Valley ab und behaupten sich dort gegenüber der Konkurrenz internationaler Spitzenprojekte sehr gut.

Wenn Sie in einer frühen Phase in ein Projekt investieren und selbst dessen Weg mitgestalten wollen, dann meiden Sie große Start-up-Events. Besuchen Sie stattdessen Konferenzen von Studenten und jungen

Wissenschaftlern oder suchen Sie sich Projekte im Internet. Vielversprechende Projekte findet man in den neuen russischen Crowdfunding-Plattformen und in speziellen Blogs, in denen aktive Gründer ihre Probleme und deren Lösungen diskutieren.

Wenn Sie Eigentümer eines Start-ups im Silicon Valley sind oder in ein solches Projekt investiert haben und jetzt keinen weiteren Investor in Ihrem Heimatland finden können, dann sind Sie in Russland willkommen. Dort erwarten Sie nicht nur eine große Nachfrage nach Start-ups und Programmierer, die ihre Dienste als Freelancer sehr günstig anbieten, sondern auch eine Kultur der Offenheit und kooperativen Bereicherung in der Start-up-Szene.

 

Maxim Godsi ist Leiter des Gründerzentrums InCube der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatlichen Dienst beim Präsidenten der Russischen Föderation.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland