Russisches Start-up räumt in Berliner Wohnungen auf

Sergiej Rewakin, Jung-Unternehmer in Berlin, arbeitet beim Inkubator "You is Now" von ImmobilienScout an seinem Start-up cleanberlin.org. Foto: Thomas Keup

Sergiej Rewakin, Jung-Unternehmer in Berlin, arbeitet beim Inkubator "You is Now" von ImmobilienScout an seinem Start-up cleanberlin.org. Foto: Thomas Keup

In der Berliner Start-up-Szene suchen talentierte Jung-Unternehmer aus der ganzen Welt ihr Glück. Neben Amerikanern und Skandinaviern versuchen sich auch einige russische Gründer zu etablieren – einer von ihnen ist Sergiej Rewiakin.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist nicht einmal zwei Jahre her: Der 31-jährige Wahl-Berliner Sergiej Rewaikin fährt am Morgen eines Wintertages mit der Regionalbahn von Stettin zurück an die Spree. Auf der Heimfahrt von seiner Mutter beobachtet er im Eisenbahnwaggon polnische Putzfrauen – auf dem Weg zur Arbeit in die deutsche Hauptstadt.

Der junge Betriebswirt kommt mit den Frauen gleich ins Gespräch. Schnell fasst man an diesem kalten Wintermorgen Vertrauen und spricht auch über das Geschäft. Dabei haben die fleißigen Helferinnen ein echtes Problem: Wie findet man neue Haushalte, die eine Putzfrau engagieren wollen? Der Jung-Unternehmer erinnert sich an Freunde von ihm, die das Problem haben, eine zuverlässige Putzfrau zu finden.

Doch noch ist die Zeit nicht reif. Die Idee, polnische Putzfrauen bei Ihrem Geschäft zu helfen, verschwindet für zwei Jahre in der Schublade. Der Grund ist einfach: Der Vater einer kleinen Tochter arbeitet bereits an einem Start-up – einer Art Schwarzem Brett für „Collaborative Consumption" im Internet, also der gemeinsamen Nutzung bestimmter Produkte oder Dienstleistungen. Nachdem die Plattform mit 2 000 Nutzern nicht die gewünschte Größe erreicht, kommt der gebürtige Russe zurück auf die Idee aus der Regionalbahn an jenem Wintermorgen zwischen Stettin und Berlin.

 

Das Konzept aus dem Zug nimmt Fahrt auf

Im März dieses Jahres ist es soweit: Über Nacht baut Sergiej eine Internetseite für die Putzfrauen auf, zunächst in Polnisch. In einer Facebook-Gruppe für Berliner Start-ups kündigt er seinen neuen Service erstmals an: die Vermittlung von selbstständigen Putzfrauen in Berliner Haushalte. Die ersten Kunden aus der Szene lassen nicht lange auf sich warten. Auch heute freut sich der gelernte Betriebswirt und Philologe über seine Stammkunden aus den ersten Tagen.

Nach einem halben Jahr intensiver Arbeit kann der fleißige Jung-Unternehmer eine erste Bilanz vorweisen: 800 selbstständige Putzfrauen sind heute bei ihm registriert. 100 Buchungen verzeichnet seine Plattform cleanberlin.org jede Woche, 50 Stammkunden nutzen bereits ein Abo. Statt 15 Euro die Stunde kostet diese dann nur 12,50 Euro. Die Putzfrauen, die er vermittelt, stammen vor allem aus Polen und Italien. Auch die Teilnahme am Start-up-Inkubator „You Is Now", eine Art dreimonatiges Intensivtrainingslager für die Unternehmensgründung, von ImmobilienScout ist so ein voller Erfolg.

Jetzt geht es um die Wurst: Auf der Suche nach Investoren will der sympathische Russe seine Online-Plattform nach der Testphase bei ImmobilienScout auf Expansionskurs schicken. Zwischen einer halben und einer Million Euro Fremdkapital benötigt er, um das Portal auszubauen, in weitere Städte Deutschlands und anschließend europaweit zu expandieren

und will dafür vor allem in Marketing investieren. Erfahrungen in diesem Bereich hat er bereits im Vertrieb bei 9flats, Swissôtel und Sony Ericsson, unter anderem in den Vereinigten Staaten, gemacht.

Insgesamt vier Jahre lang lebte Sergiej in den USA und erwarb sich dort den Spitznamen „Sergiej Soft". In London verbrachte er drei Jahre, nun ist er seit vier Jahren in Berlin. Und mittlerweile fühlt er sich auch ein wenig als Deutscher. In Berlin pflegt er zahlreiche Freundschaften – sowohl zu Deutschen als auch zu Russen und Freunden aus aller Welt. So selbstverständlich, wie er mit seiner Familie in Berlin zu Hause ist, so selbstverständlich redet er auch über das Leben in der Fremde: „Für manche Leute ist es ein Problem, sich in mehr als einer Nation zu Hause zu fühlen. Für mich nicht."

 

Russische Gründerszene in Berlin steckt voller Ideen

Er ist in Deutschland mit seiner Familie sehr glücklich, ohne jedoch seine russische Herkunft in irgendeiner Weise zu verleugnen. Auf Facebook hat er die Gruppe „Russian Start Up Berlin" gegründet. Über 20 Jung-Unternehmer treffen sich regelmäßig in Berlin, tauschen Erfahrungen aus

und planen neue Firmen. Die meisten Mitglieder des „Think Tanks" sind exzellent ausgebildet und ähnlich motiviert wie Sergiej: So stehen unter anderem Ingenieure, IT-Experten und Anwälte auf der Mitgliederliste. Er selbst kann mit seinen mehr als zehn Jahren Vertriebserfahrung punkten.

„Unsere Mitglieder sind sehr schnell und ebenso kreativ." Er selbst sieht sich in der Runde ein wenig als Ruhepol. Mit einem Schmunzeln verrät uns der Sohn eines Deutschen, wie er seine Freunde manchmal bremsen muss: „Lasst uns bei der einen Idee bleiben und das umsetzen!" Und die Ideen haben es in sich: Ein kleiner Flugroboter und eine 3-D-Kamera sollen Gebäude von außen und innen dokumentieren – und das in nur einer Stunde statt einer Woche Handarbeit. Oder auch die Plattform eines befreundeten Rechtsanwalts, mit der Mieter Mängelanzeigen schnell und einfach an die eigene Hausverwaltung schicken können.

Manchmal ist es gut, einen vertrauten Landmann an seiner Seite zu wissen, der die eigene Mentalität versteht und einzuordnen weiß. Sergiej Rewiakin selbst ist schon einen kleinen Schritt weiter. Neben seinem deutschen Lebensgefühl sieht er sich heute zunehmend auch als Europäer. Bei seinen weiteren Plänen, europaweit Putzfrauen erfolgreich zu vermitteln, ist das sicher von Vorteil. Bleibt zu wünschen, dass er schon bald passende Investoren für sein Engagement findet.

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