Wird Russland ein Hightech-Land?

Auf einer Podiumsdiskussion diskutierten Wirtschaftsexperten, ob Russland sich zu einem führenden Hightech-Exporteur entwickeln kann. Foto: RIA Novosti

Auf einer Podiumsdiskussion diskutierten Wirtschaftsexperten, ob Russland sich zu einem führenden Hightech-Exporteur entwickeln kann. Foto: RIA Novosti

Der Großteil der Russen glaubt nicht daran, dass Russland zu einem führenden Hersteller von Hightechprodukten werden könnte, so das Fazit der Podiumsdiskussion „Night Debate“ in Moskaus neuem Industriepark „Technopolis“.

Sowohl Geschäftsleute als auch Beamte und Wirtschaftsexperten diskutierten im Rahmen der „Night Debate" über Russlands Potenzial, sich zu einem weltweit führenden Hightech-Exporteur zu entwickeln. Die Diskussion fand in den Hallen einer ehemaligen Automobilfabrik statt, wo vor noch nicht allzu langer Zeit die legendären Autos der Marke „Moskwitsch" vom Band liefen.

Die Optimisten unter den Diskussionsteilnehmern argumentierten für ein technologisch entwickeltes Russland. Das Land habe sich ohnehin schon als Drehscheibe im Hightechsektor qualifiziert.

„Während Moskau die Leiter der innovativsten Städte der Welt von Platz 192 auf 74 aufstieg, wuchs der russische Markt für Venture Capital in den letzten zwei Jahren ebenfalls auf seine doppelte Größe an. Damit stellt er laut dem Dow Jones nun den viertgrößten Markt in Europa dar", sagte Aleksej Komissarow, Leiter des Moskauer Ministeriums für Wissenschaft, Industriepolitik und Unternehmertum.

„Inzwischen gewinnen wir öffentliche Ausschreibungen für den Ausbau von Atomkraftwerken wie beispielsweise Temelin in der Tschechischen Republik, wo weltweit führende Unternehmen und bis zu 3 000 andere Mitbewerber mit uns konkurrieren", erklärte Sergej Archipow, Leiter der Abteilung Innovation bei OMZ, einem der größten Konzerne im Schwermaschinen- und Anlagenbau Russlands, sowie Präsident des Harvard Club of Russia.

 

Im Bereich der Wissenschaft muss der Entwicklung entgegengesteuert werden

„Sehen Sie sich doch nur die breite Debatte an, die um die vor Kurzem durchgeführte Wissenschaftsreform entstanden ist", argumentierte Leonid Melamed, Geschäfsführer der Composite Group. „Sie zeigt, dass dem Thema große Beachtung geschenkt wird. Denn Hochschulbildung ist einerseits Prestigesache und andererseits universal", fügte er noch hinzu.

Doch Russlands Anteil an Publikationen in prestigeträchtigen und weltweit anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften ist seit 2000 sukzessive von 3,2 Prozent auf nur mehr zwei Prozent gesunken. Deshalb nimmt Russland nur noch den 15. Platz im Ranking bezüglich der Anzahl an veröffentlichten Beiträgen in führenden wissenschaftlichen Zeitschriften ein.

Auch Dmitrij Grischankow, Geschäftsführer der renommierten Moskauer Ratingagentur Expert RA, beklagt die derzeitige Situation im Bildungssektor: „Das sowjetische Bildungssystem wurde zugrunde gerichtet, es sind fast keine Kleinbetriebe mehr übrig geblieben und auch keine Tradition hinsichtlich solcher Kleinunternehmen, die an Universitäten gebunden sind, wie es in den USA der Fall ist. Darüber hinaus ist festzuhalten, dass unsere Hochschulabsolventen auf der ganzen Welt gefragt sind und daher Russland verlassen, um im Westen zu arbeiten."

An dieser Stelle entgegnete Sergej Archipow: „Als Präsident des Harvard Club of Russia kann ich sagen, dass man vor 20 Jahren die Harvardabsolventen in Russland an einer Hand abzählen konnte, während wir heute mehr als 200 vorweisen können. Der Trend, dass qualifizierte Fachkräfte wieder zurückkehren, ist offensichtlich."

 

Mangelnder Bekanntheitsgrad hindert nicht alle Unternehmen am Erfolg

Jedoch erzählte Grischankow, der die Angelegenheit etwas pessimistischer betrachtet: „Vergangenes Jahr habe ich zwölf Hightechexperten aus der ganzen Welt empfangen und kein einziger von ihnen konnte auch nur ein

russisches Unternehmen nennen, das im Hightechbereich agiert."

Alexej Komissarow entgegnete, es gebe viele russische Firmen im Hightechsektor. „Dabei meine ich beispielsweise Yandex und ABBYY, aber auch Parallels. Der Gründer, Sergej Belousow, verbringt heute mehr Zeit hier in Russland als in Kalifornien, da er hierzulande mehr Möglichkeiten für sein Unternehmen sieht."

Das Unternehmen Yandex, weltweit viertgrößter Suchmaschinenanbieter mit Sitz in Moskau, ist seit zwei Jahren im NASDAQ gelistet und macht dem Weltmarktführer Google mittlerweile auch außerhalb Russlands, zum Beispiel in der Türkei, Konkurrenz. Die Firma ABBYY hat sich zu einem weltweit agierenden Software-Unternehmen entwickelt, das auf Desktop-Texterkennung und Sprachsoftware spezialisiert ist. Parallels ist wiederum ein Unternehmen, das seit Jahren erfolgreich im Bereich der Virtualisierungssoftware tätig ist und weltweit fast 1 000 Mitarbeiter beschäftigt.

Komissarow betonte des Weiteren, wie wichtig Moskau für den Flugzeughersteller Boeing sei: „Boeings größter europäischer Entwicklungsstandort befindet sich in Moskau, hier sind 1 200 Menschen beschäftigt. Der US-Senat hatte sogar Sitzungen, in denen es darum ging, wie abhängig das Unternehmen von russischen Fachkräften geworden ist."

 

Russischer Markt weiterhin abhängig von Rohstoffexporten

Aleksandr Gratschew, Generaldirektor der SPT Group, einem Unternehmen, das Software-Dienstleistungen anbietet, zog schließlich sein Fazit über die russische Wirtschaft und meinte: „83 Prozent unserer Exporte stellen Rohstoffe dar oder wenig weiterverarbeitete Produkte. Dann gibt es noch die Landwirtschaft und einige Hightechzweige, die seit Sowjetzeiten funktionieren."

Das Publikum schlug sich am Ende auf die Seite der Pessimisten. Dies zeigte eine SMS-Abstimmung, bei dem die Anwesenden zu 74 Prozent der

Aussage zustimmten, Russland werde in naher Zukunft keine Vorrangstellung im Hightech-Export einnehmen. Dabei merkte Aleksej Iwanow, Diskussionsleiter sowie Direktor der Abteilungen für Rechtspolitik und gesellschaftliche Entwicklung der Skolkowo-Stiftung, scherzend an: „Es ist gut, dass es in Russland solche Pessimisten gibt."

Skolkowo, ein Forschungs- und Industrieprojekt, wurde interessanterweise mit dem Ziel geschaffen, Russland in wirtschaftlicher Hinsicht gezielt von dem Kurs seiner Rohstoffabhängigkeit abzubringen und das Land so weit umzulenken, dass es im Bereich der hochmodernen Technologien eine führende Rolle übernimmt.

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