Nordkaukasus: Ein Magnet für Touristen?

Staatliche Investitionen sollen den Nordkaukasus sicherer und für Besucher attraktiv machen. Foto: Reuters

Staatliche Investitionen sollen den Nordkaukasus sicherer und für Besucher attraktiv machen. Foto: Reuters

Nach drei Jahren umfassender staatlicher Investitionen in die unbeständige Region des nördlichen Kaukasus sind in zwei Bereichen Ergebnisse zu sehen: Nahrungsmittel und Tourismus. Doch Experten warnen, dass Skilifte und Bewässerungssysteme alleine die Gewalt nicht eindämmen werden.

Eine nagelneue, in Frankreich hergestellte Seilbahn bringt Touristen aus aller Welt zum höchstgelegenen Hotel der Erde, das auf einem Felsvorsprung von Europas höchstem Berg liegt; den Hintergrund dazu bildet eine heitere, verschneite Berglandschaft.

Dies entspricht nicht dem Bild, das sich die meisten Menschen vom russischen Kaukasus machen, der bekannter ist für terroristische Anschläge und ethnische Konflikte. Doch genau dieses Bild wollte die „North Caucasus Development Corporation" („Entwicklungsförderungsgesellschaft für den Nordkaukasus", NCDC) einer kleinen Gruppe von Journalisten vermitteln, die auf die Eröffnung des LeapRus-Hotels in einer Höhe von 3912 Metern auf dem Berg Elbrus warteten.

Nach den zwei brutalen Kriegen, die in den 1990er-Jahren in Tschetschenien stattfanden, weiteten sich religiöse Gewalt und andauernde Aufstände im Laufe des folgenden Jahrzehnts auf die benachbarten Regionen aus. 2010 kündigte der damalige Präsident Dmitri Medwedjew eine breit angelegte Initiative an, um Bundesmittel in die meist touristischen Projekte zur malerischen Landschaft der nordkaukasischen Berge fließen zu lassen. Gelder in einer Größenordnung von etwa zwölf Milliarden Euro wurden für acht Schwerpunkte in Regionen wie Dagestan und Inguschetien bereitgestellt, in der Hoffnung, auf diese Weise Arbeitsplätze schaffen zu können.

„Momentan leiten wir sieben Projekte in den Bereichen Produktion, Tourismus und Landwirtschaft mit einem gesamten Investitionsvolumen von über 150 Millionen Euro. Bei deren Abschluss werden über 5 000 Stellen unmittelbar geschaffen sein und weitere 10 000 bis 12 000 in den damit verbundenen Industrien sowie kleinen und mittelständischen Unternehmen", antwortete Anton Pak, Direktor der NCDC, auf die Frage, was in den vergangen drei Jahren erreicht worden sei.

 

Steigerung des landwirtschaftlichen Ertrags

Für eine Region, in der sich die arbeitsfähige Bevölkerung auf vier Millionen Menschen beläuft, ist dies lediglich ein erster Schritt im Kampf gegen die große Arbeitslosigkeit. Doch die NCDC ist nur eine von mehreren Organisationen, die hier Investitionen kanalisieren sollen. „Unser großer Durchbruch gelang, als ADM Capital aus Hongkong rund 25 Millionen Euro für das Landwirtschaftsprojekt IrriCo in der Region Stawropol zur Verfügung stellte", erzählte der Programmdirektor und frühere Investmentbanker von Renaissance Capital Vitali Buzu im Konferenzraum des Flughafens der Region Mineralnyje Wody. „Dieses Engagement hat bereits das Interesse anderer Investoren aus Asien und Amerika geweckt."

Das Gemeinschaftsprojekt mit VTB Capital, Russlands zweitgrößter Investmentbank, wird im Laufe der nächsten drei Jahre weitere 200 Millionen Euro in ungefähr 40 000 Hektar Land, moderne Maschinen,

Bewässerungssysteme und Lagerräume investieren. Das wird in einem Umkreis von 400 Kilometern rund um die russischen Schwarzmeerhäfen geschehen, den wichtigsten Exportstrecken für Getreide, denn Russland ist aktuell hinter den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Getreideexporteur.

„Wir vertrauen sehr auf unsere Fähigkeit, IrriCo zu einem bedeutenden Unternehmen in diesem Bereich heranwachsen zu lassen", sagte Anthony Stalker, Europa-Geschäftsführer von ADM gegenüber „Agrimoney.com".

„Russland ist im Hinblick auf die Gesamtfläche anbaufähigen Landes die Nummer drei in der Welt, hinter den Vereinigten Staaten und Indien, doch dieses Land liegt zu großen Teilen brach. Europa erntet durchschnittlich fünf Tonnen landwirtschaftliche Erzeugnisse pro Hektar, während es in Russland lediglich 2,4 Tonnen sind", sagte Buzu. „Der Preis für Land ist hier im Vergleich zu anderen Ländern niedrig, und diese Region eignet sich ideal für den Anbau von Sojabohnen, Mais und Kartoffeln."

 

In der Höhe

„Es reicht schon, dass ein Glas vom Tisch herabfällt und zerspringt, damit die Medien über ein weiteres terroristisches Attentat im Nordkaukasus berichten", sagte Andrej Kataew bei einem Abendessen in der nahe gelegenen Stadt Essentuki. Um zu beweisen, dass die Gegend bereit dafür ist, Touristen aufzunehmen, nahm er Reporter mit auf 4 000 Meter Höhe, um der Eröffnung des höchstgelegenen Hotels der Welt in der benachbarten Republik Kabardino-Balkarien beizuwohnen. Der stämmige Kataew ist in den Dreißigern und hat sich bereits einen Namen damit gemacht, Touristen nach Sibirien zu bringen. Anschließend brachte er das Hotel- und Gastgewerbe auf Vordermann und wurde so zum Vorreiter des Unternehmens.

Am Morgen der großen Eröffnung des LeapRus-Hotels reiste eine Gruppe von Reportern sechs Stunden lang mit dem Bus, der Seilbahn, dem Skilift, zu Fuß und schließlich mit der Schneeraupe, um das Hotel zu erreichen. Es besteht aus drei zylindrischen Strukturen, die Platz für bis zu 36 Gäste in Schlafkojen bieten, und verfügt über Annehmlichkeiten wie warme Duschen, Badezimmer, WLAN, Küche, Speisesaal und einen Empfangstresen. Das Hotel ist für den Zwischenstopp von Bergsteigern gedacht, die den Gipfel von Europas höchstem Berg erklimmen wollen.

Die solarbetriebene Einrichtung wurde mit den neusten italienischen Technologien für umweltfreundliche Gastlichkeit ausgestattet. „Die Investoren waren begeistert von der Idee, etwas zu erbauen, das praktisch keinen Abfall produziert und die Natur in der Umgebung auf dieser Höhe nicht beeinträchtigt", freute sich Kataew.

 

Die Gewalt geht zurück

Die bevorstehenden Olympischen Winterspiele 2014 im nahe gelegenen Sotschi haben als Katalysator für die staatlichen Bemühungen gewirkt, die

Region zu stabilisieren, bevor die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit sich im nächsten Februar auf diese Region konzentrieren wird.

Infolge des jüngsten Selbstmordattentats in Wolgograd haben einige Experten jedoch davor gewarnt, dass in Südrussland im Vorfeld der Olympischen Winterspiele terroristische Angriffe stattfinden könnten. Insgesamt sind die Zahlen für den Nordkaukasus jedoch recht ermutigend. Berichte der Internetzeitung „Caucasian Knot" zeigen einen Rückgang der Gewalt in allen Regionen bis auf eine, die Anzahl der zivilen Terrorismusopfer sank von 176 im Jahr 2011 auf 87 im darauf folgenden Jahr. Die Statistiken weisen für dieses Jahr bislang einen ähnlich positiven Trend auf.

Aber es gibt auch mahnende Stimmen: „Wenn es positive Entwicklungen gibt, könnten sie mit der Tatsache erklärt werden, dass die Sicherheitskräfte nicht die einzigen sind, die sich auf die Olympischen Spiele vorbereiten", sagte Alexej Arbatow vom Moskauer Carnegie Center. Kataew entgegnete: „Wir müssen die Olympischen Spiele im nächsten Jahr nutzen, um Menschen hierher zu bringen, damit sie die Schönheit und das Potenzial dieser Region entdecken."

Der Autor hat eine Einladung der North Caucasus Development Corporation angenommen und an der im Text erwähnten Journalistenreise teilgenommen.

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