Der Preis des Arktis-Öls

Foto: Alamy/Legion Media

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Es gibt viele, die Ressourcen der Arktis anzapfen wollen. Aber zu den notwendigen gigantischen Investitionen in der Region war bisher nur Russland bereit. Fraglich ist, ob Öl mit einem Förderpreis von 145 Euro pro Barrel überhaupt verkauft werden kann.

Nach Einschätzungen des United States Geological Survey (USGS), einer Behörde des US-Innenministeriums, sind in den Meeren des Arktischen Ozeans 90 Milliarden Barrel Öl zu finden, 1,6 Trillionen Kubikmeter Gas und 44 Milliarden Barrel Gaskondensat. Das sind 13 Prozent der vermuteten unerschlossenen Ölvorkommen der Welt und 30 Prozent der unerschlossenen Gasvorräte.

Nach Angaben der Russischen Geografischen Gesellschaft liegen Teile dieser Vorräte auch in und bei Russland. „In den Regionen, die sie bereits besitzen und die Anspruch auf die Ressourcen erheben, sind über 250 Millionen Barrel Öl und Gas (in Öleinheiten umgerechnet) zu finden, was 60,1 Prozent der Gesamtvorräte der Arktis ausmacht", besagt eine Studie der Organisation. Den Marktwert der Ressourcen kann man jedoch nur schwer berechnen, solange ihr Vorkommen nicht bestätigt ist und sie nicht zu „Reserven" werden.

 
„Goldenes" Öl vertreibt alle Konkurrenz

 Die Erschließung der Ölfundstätten in diesen Gebieten ist jedoch selbst so kostspielig, dass die von Russland HEUTE befragten Experten an einer Rentabilität der Förderung von arktischem Öl zweifeln. So ist nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur von 2006 die Öl- und Gaserschließung in der Arktis nur sinnvoll, wenn die Förderungskosten für einen Barrel unter 44 Euro liegen. In der Praxis übersteigen die Kosten diesen Betrag um das Drei- bis Fünffache. „Die Kosten zur Förderung des arktischen Öls liegen bei 145 bis 220 Euro pro Barrel", sagt der Leiter des Programms für Umweltpolitik der Brennstoff- und Energiekomplexe des WWF, Alexej Knischnikow.

Das könne damit erklärt werden, dass die arktischen Erschließungsbedingungen besondere Technologien und zusätzliche Investitionen benötigen. „Öl und Gas im offenen Meer in einer Tiefe von 200 bis 300 Metern und in einer Entfernung von 650 bis 750 Kilometern von der Küste entfernt zu fördern, bereitet eine Menge Probleme. Man kann weder Einsatzgruppen schnell einbestellen noch eine Pipeline auf dem Boden verlegen", erklärt der Partner und Analytiker der Agentur „RusEnergy" Michail Krutichin. Der Bau einer Ölplattform würde, nach Einschätzung von Knischnikow, etwa vier Milliarden Euro kosten.

Es ist also nicht verwunderlich, dass die westlichen Gesellschaften sich nicht

Zahlen

 

145 bis 220 Euro pro Barrel wird das in der Arktis geförderte Öl den Erzeuger momentan kosten.

3,7 bis 4,4 Milliarden Euro kostet es, eine Ölplattform in der Arktis zu bauen.

In der Arktis hofft man, 13 Prozent der unentdeckten Öl- und 30 Prozent der unentdeckten Gasreserven zu finden.

beeilen, in das arktische Ölgeschäft einzusteigen. „Russland hat heute keine Konkurrenten in der Arktis", unterstreicht Michail Krutichin. Shell hat bereits die Bohrungen eingestellt: Den Halt der Pläne hat das Innenministerium der USA in diesem Jahr veranlasst, nachdem es Defekte in Verriegelungsmechanismen und der Abgaskontrolle entdeckt hatte.

BP und Rosneft hatten nach fünf Jahren Engagement erkannt, dass die Vorkommen der Fundstätte „Sachalin-4" viel kleiner sind als ursprünglich erwartet und ihr Projekt gestoppt. Auch Cairn Energy versuchte 2011 in Grönland sein Glück: Sie investierten knapp 730 Millionen Euro in Probebohrungen an den Küsten, fanden aber keinerlei Ölvorkommen. Die, die sich doch in die Arktis wagen, tun es in Gesellschaft der russischen Konzerne. So plant die chinesische CNPC den Einstieg ins Yamal LNG-Projekt des russischen Unternehmens Novatek, in dem der französische Total-Konzern einer der Großaktionäre ist.

 

Politische Ökonomie

Russland ist bislang das einzige Land, das ernsthaft bereit ist, das Wagnis Arktis praktisch anzugehen – und zwar so schnell wie möglich. 2012 hat die Regierung der Russischen Föderation das Programm zur Erschließung des Festlandsockels bis 2030 geprüft. Im Februar 2013 unterschrieb Präsident Wladimir Putin dann die „Strategie zur Entwicklung der arktischen Zone der

Russischen Föderation und zur Sicherstellung der nationalen Sicherheit für den Zeitraum bis 2020".

Premierminister Dmitri Medwedjew rechnet damit, dass Russland bis 2030 jährlich 66,2 Millionen Tonnen arktischen Öls und 230 Milliarden Kubikmeter arktischen Gases fördern wird. Zum Vergleich: Das Fördervolumen der russischen Gesellschaften lag 2011 in der Arktis bei elf Millionen Tonnen Öl und 57 Milliarden Kubikmetern Gas.

Um Entschlossenheit bei Vorhaben in der Arktis zu demonstrieren, begann Russland, seine Militärpräsenz in der Region massiv auszubauen: Es wurden arktische motorisierte Schützenbrigaden eingerichtet, auf der Nowaja Semlja wurden Einheiten zur Raketenabwehr positioniert und Flugplätze für Kampfflugzeuge errichtet.

Damit diese Maßnahmen auch ganz sicher vom Westen gesehen werden, lieferte der Atomkreuzer „Peter der Große" im August 2013 eine Machtdemonstration ab. Er wurde zum ersten Schiff, das den nördlichen Seeweg alleine und ohne Eisbrecher durchfuhr.

Der Westen nahm alles zur Kenntnis, doch Gegenschritte blieben aus. Nach Meinung von Experten lassen Norweger und Amerikaner, obwohl sie die Vorkommen selbst gerne ausbeuten würden, Russland doch den Vortritt: Es soll ihnen selbst überlassen sein, auf eigenem Gebiet und auf eigene Kosten zu erfahren, wie teuer arktisches Öl und Gas sein können.

Einen ernsthaften Beschluss, sich mit der Arktis zu beschäftigen, fasste die Weltöffentlichkeit 1996 mit der Schaffung des Arktischen Rats unter Teilnahme der Anrainerstaaten. Die Diskussion um das Schicksal der

Ressourcen wurde damals von acht Ländern begonnen: Kanada, Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Schweden, den USA und Russland, unter Teilnahme des Europäischen Parlaments.

Doch einen kleinen Kreis nach geografischen Gesichtspunkt aufrechtzuerhalten, konnte die Organisation wegen des offenen Charakters des Gewässers nicht. Denn durch dieses Gebiet führen zahlreiche potenzielle Routen für den internationalen Handel. Als Ergebnis mussten sich die Gründerstaaten mit der Anwesenheit von anderen Betroffenen abfinden: China, Indien, Italien, Japan, Südkorea und Singapur. Der Wunsch der Länder, die keinen direkten Zugang, aber ein wirtschaftliches Interesse in der Region haben, an der Entscheidung um die Ressourcen der Arktis teilzunehmen, war offensichtlich, denn in der Arktis, so hoffen Forscher, schlummern noch immense Öl- und Gasvorräte.

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