Ende der Wissenschaft oder notwendige Reformen

Das Hauptgebäude der Akademie der Wissenschaften in Moskau. Foto: ITAR-TASS

Das Hauptgebäude der Akademie der Wissenschaften in Moskau. Foto: ITAR-TASS

Eine Reform der Akademie der Wissenschaften treibt Wissenschaftler auf die Barrikaden.

Das Gesetz, das die russische Regierung da am 28. Juni ohne Vorwarnung dem Parlament vorlegte, brachte die akademische Welt ins Wanken: Es sah nichts weniger als die Auflösung der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN) vor, jenem Goliath der russischen Forschung mit 48 000 Mitarbeitern und 300 Jahren Geschichte. Über Wochen 
gingen die Akademiker auf die Straße und erwirkten bis zur Unterzeichnung des Gesetzes am 
27. September immerhin den formalen Erhalt der Akademie.

Aber in ihrem Kern könnte die Reform radikaler nicht sein. Die zwei wichtigsten Punkte des Gesetzes beinhalten die Zusammenlegung der RAN

Russische Akademie der Wissenschaften

 

Die Russische Akademie der Wissenschaften wurde 1724 von Peter dem Großen gegründet und ist die bedeutendste Forschungseinrichtung Russlands mit elf Fachabteilungen, drei regionalen Abteilungen, 15 regionalen Wissenschaftszentren und zahlreichen Wissenschafts- und Forschungsinstitutionen.

Die Akademie ist eine nicht kommerzielle staatliche Organisation, die ihren eigenen Statuten folgt. Die akademischen Mitglieder (auf Russisch auch „Akademiker“ genannt) und korrespondierende Mitglieder werden von einer Generalversammlung der Akademie auf Lebenszeit gewählt.

Nach den letzten Wahlen im Dezember 2011 waren es 531 Akademiker und 769 korrespondierende Mitglieder. Das Durchschnittsalter der Akademiemitglieder beträgt heute 
74 Jahre, was einer der wichtigsten Kritikpunkte an die Akademie ist.

Der in den Niederlanden und in Großbri
tannien lebende russische Wissenschaftler und Physik-Nobelpreisträger Andre Geim (55) bezeichnete die Akademie als „Altersheim“.

zum einen mit den Akademie für Medizin und zum anderen mit der Akademie für Agrarwissenschaften. Unterstellt sind die Wissenschaftler künftig der Föderalen Agentur für Wissenschaft und Innovationen, also einer Art Forschungsministerium.

Damit erreichten die Initiatoren, allen voran Bildungsminister Dmitri Liwanow, ihr Hauptziel: Die Direktion der Akademie kann nun nicht mehr selbst darüber bestimmen, wie die staatlichen Gelder verteilt werden.

Laut Ministerium bestand das Ziel der Reform in der Trennung der wissenschaftlichen Arbeit von der Verwaltung des Akademieeigentums. Die Wissenschaftler ihrerseits waren jedoch davon überzeugt, dass es nur um die Errichtung einer Machtvertikalen in der Wissenschaft geht: Sie sahen die Unabhängigkeit der Wissenschaft vom Staat gefährdet, die ihrer Meinung nach eine Voraussetzung für diefreie Entwicklung der Wissenschaft ist.

Das Eigentum der Akademien – noch ein Erbe aus der Sowjetunion – ist beträchtlich: Zur Russischen Akademie der Wissenschaften gehören 436 Institute und Organisationen, in denen insgesamt 48 000 Mitarbeiter beschäftigt sind. Die Agrarakademie 
umfasst 198 Einrichtungen und über 300 Organisationen mit 
wissenschaftlichem Profil. Die Russische Akademie der Medi
zinischen Wissenschaften schließ
lich hält 33 Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen.

Genau betrachtet wurde der Akademie nicht der Geldhahn zugedreht, aber sie ist nunmehr gezwungen, alle für die Grundlagenforschung ausgegebenen Mittel gegenüber einer speziellen Behörde abzurechnen und zu rechtfertigen. Die Mehrheit der Akademiemitglieder sieht dies jedoch als eine Einmischung der Beamten in die Hoheit wissenschaftlicher Forschung.

Im letzten Augenblick wurde ein von den Akademikern eingebrachter Gesetzesänderungsantrag abgelehnt, der für die Akademiemitglieder spürbar sein wird: Das Gesetz sieht nämlich ein dreijähriges Moratorium für die Aufnahme weiterer Mitglieder in die neu geschaffene Akademie der Wissenschaften vor. Noch bevor die Gesetzesvorlage in die Staatsduma eingebracht worden war, hatte die Akademie die turnusmäßige Wahl für die Aufnahme neuer Mitglieder für den kommenden Dezember angesetzt. Die Wissenschaftler baten deshalb darum, vor der drei
jährigen Pause ein letztes Mal selbst neue Mitglieder in ihre Reihen aufnehmen zu dürfen. Aber vergebens – der Gesetzgeber kam zu dem Schluss, dass es keine 
Ausnahme von der Regel geben dürfe.

Kundgebung der Reformgegner in Moskau. „Keine Wissenschaft – kein Land", heißt es auf dem rechten Plakat. Foto: ITAR-TASS

Der Protest gegen das Gesetz bestand vor allem aus drei inhaltlichen Punkten: Die Akademie verliert ihre Eigenständigkeit bei der Ausrichtung der wissenschaftlichen Forschung; die staatlichen Beamten werden niemals in der Lage sein, das akademische Eigentum effizient zu verwalten, ihr eigentliches Ziel bestünde vielmehr in der „Enteignung" des akademischen Eigentums, vor allem der Immobilien und Grundstücke; die Vorbereitung der Reform sei skandalös gewesen – sie erfolgte im Geheimen und unter Ausschluss der akademischen Gemeinschaft.

Am Vorabend der Gesetzesverabschiedung veröffentlichte die Versammlung der Akademiker deshalb einen offenen Brief, in dem sie prophezeite, das Gesetz werde die „Zerstörung der Akademie" zur Folge

haben und „dem Land einen nicht wieder gut zu machenden Schaden zufügen".

Der etwas gelassenere Teil der akademischen Gemeinschaft ist dagegen zurzeit damit beschäftigt, die Statuten der Föderalen Agentur für Wissenschaft und Innovationen, die fortan das akademische Eigentum verwalten wird, auszuarbeiten. Hier wird gegenwärtig eine intensive – wenn auch den Augen der Öffentlichkeit verborgene – Arbeit geleistet.

Laut Gesetz soll der Leiter dieser Agentur seine Entscheidungen „ausschließlich im Einvernehmen mit dem wissenschaftlichen Koordinationsrat" treffen dürfen. Der Rat seinerseits soll zu seinem größten Teil aus Akademiemitgliedern, anderen Wissenschaftlern und innovativen Geschäftsleuten bestehen. Und wenn es nach dem Willen der Akademie geht, so ließ sie Ende Oktober verlauten, wird er natürlich von einem der Ihren geleitet.

 

Zitate

 

Dmitri Liwanow Minister für Wissenschaft und bildung, Initiator der Reform: Unsere vorrangige Aufgabe bestand darin, die Funktion der wissenschaftlichen Arbeit von der Funktion der Finanzverwaltung zu trennen, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Gegenwärtig haben wir die Situation, dass ein und dieselben Leute die Forschungsschwerpunkte festlegen, Wettbewerbe ausschreiben, die Gewinner küren und nur sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegen.

Wladimir Fortow, seit Mai 2013 Präsident der russischen Akademie der Wissenschaften: Ich teile diese Untergangsstimmung nicht. Ich bin der Überzeugung, dass, egal welche Entscheidung auch immer getroffen wird, die Akademie der Wissenschaften nicht nur erhalten bleibt, sondern sich weiterentwickelt. Außerdem bin ich mir sicher, dass die Wissenschaftler einen Ausweg aus dieser 
höchst komplizierten Lage finden werden. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass die Akademie vor größeren Problemen steht.

Schores Alfjorow Nobelpreisträger für Physik und Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften: Unser Jahresbudget beträgt 62 Milliarden Rubel, umgerechnet etwa zwei Milliarden US-Dollar, die unter 450 Einrichtungen aufgeteilt werden müssen. Der Stadt Sotschi wurde für die Olympischen Spiele elfmal mehr Geld zur Verfügung gestellt. Als diese Gesetzesvorlage ausgearbeitet wurde, als man beschloss, das wenige, was der Akademie geblieben ist, auch noch wegzunehmen, habe ich begriffen, dass ich in diesem Land nicht mehr gebraucht werde.

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