Steuert Russland auf eine Bankenkrise zu?

Das Vertrauen der Russen in ihre Banken schwindet. Foto: Alamy/Legion Media

Das Vertrauen der Russen in ihre Banken schwindet. Foto: Alamy/Legion Media

Nach dem Lizenzentzug der Master-Bank und der Ankündigung, den russischen Bankensektor von weiteren unseriösen Marktteilnehmern zu befreien, geht in Russland das Schreckgespenst einer Bankenkrise um.

Die russische Zentralbank hat der Master-Bank die Lizenz entzogen. Die Master-Bank ist eine der größten Privatbanken Russlands, ihr Aktienwert liegt mit 1,3 Milliarden Euro in den Top 100. Nach Angaben der Zentralbank sei das Geldinstitut in Dienstleistungen für die Schattenwirtschaft involviert gewesen. Mithilfe des Lizenzentzugs säubert die Zentralbank den Bankensektor von unzuverlässigen Akteuren. Nun befürchten Experten eine Bankenkrise, wenn sich die Konteninhaber ihre Einlagen schnell bar auszahlen lassen, aus Angst, diese zu verlieren.

Die Chefin der Zentralbank Russlands, Elvira Nabiullina, ist ihre Position im Sommer angetreten. Während ihrer Amtszeit haben bereits 22 Institute,

Liquiditätskrise, Juni 2004

 

Die Krise betraf mittlere und kleine Banken. Es gab quasi keinen Finanzverkehr zwischen ihnen. Die Prozentsätze für Interbankenkredite schossen in die Höhe. Es gab Fälle, in denen sie 120 Prozent betrugen, während der Normalsatz bei ein bis zwei Prozent liegt. In den russischen Banken gab es einen Rücklauf von Privat- und Firmenanlagen.

Die Krise war durch den Lizenzentzug zweier mittelgroßer Geschäftsbanken ausgelöst worden und von einer allgemeinen Instabilität auf dem Markt der Bank-zu-Bank-Kredite bedingt.

darunter zwei Großbanken, ihre Lizenz verloren. Diese Entwicklung löste Sorgen in der Finanzbranche aus. Nabiullinas Aussage, dass die Master-Bank nicht die einzige bleiben werde, sorgte für Gerüchte und Panik im Bankensektor. Im Internet kursieren bereits inoffizielle „Schwarze Listen" der Banken. Der Moskauer Banken-Währungsverein publizierte einen offenen Brief, in dem er vor einem Kollaps auf dem Bankenmarkt wie im Jahr 2004 warnte und die Zentralbank bittet, ihre Handlungen entsprechend abzuwägen.

 

Die Hilfsfonds greifen

Die Master-Bank ist nicht der erste große Akteur, der die Methoden der Zentralbank zu spüren bekommt. Noch im September wurde der Puschkino-Bank die Lizenz entzogen – sie wurde für bankrott erklärt. Nun stehen für beide Banken große Versicherungszahlungen aus. Für die Master-Bank sind es 665,5 Millionen Euro, für die Puschkino-Bank werden 444 Millionen fällig. Der Gesamtumfang des Anlagensicherungsfonds betrug Ende September 5,3 Milliarden Euro. Die Einleger sind nicht sicher, dass die Mittel des Fonds ausreichen, um alle Versicherungsfälle zu decken, wenn bis Jahresende noch mehr Banken bankrottgehen. „Der Lizenzentzug von einer so großen Privatbank ist zwar ein erzwungener Bankrott, aber es wird ein normaler Abwicklungsprozess angewandt", versichert der Generaldirektor der Nationalen Ratingagentur Wiktor Tschetwerikow. Seiner Aussage nach gebe es genügend Mittel des Sicherungsfonds für alle von der Zentralbank identifizierten möglichen Banken-Bankrotts.

Bei der Säuberung des Marktes von sogenannten „verdächtigen Banken"

kämpfe die Zentralbank gegen Korruption und Steuerhinterziehung, glaubt Chris Weafer, Gründer und Senior Partner von Macro Advisory. Der Kapitalrückzug sei ein großes Problem für Russland. Seit Mitte 2008 habe er ungefähr 300 Milliarden Euro betragen. Ein Viertel dieser Mittel gehe auf Abhebungen des privaten Anlagekapitals zurück und auf Firmen, die ihr Geld ins Ausland transferieren. „Die Regierung behauptete mehrfach, dass sie Hunderte solcher ‚Taschenbanken' beseitigen wolle, die die Interessen von Geschäftsgruppen oder einzelnen Personen bedienen. Doch dieser Prozess ist viel zu langsam verlaufen", erzählt Weafer.

 

Der russische Staat profitiert

Es wird immer häufiger die These ausgesprochen, dass die Säuberung des russischen Bankenwesens der Stärkung des Staates in der Branche dienen werde. Die existierende Situation auf dem Markt würde die Bevölkerung dazu zwingen, ihre Mittel in große Banken zu transferieren, die meist staatlich sind, bemerkt Michail Kuzmin, Analytiker des Finanzsektors des Investcafe Independent.

Die ersten Anzeichen dieser Entwicklung lassen sich bereits beobachten. Wie man in der Nationalen Ratingagentur berechnete, betrug der private Einlagenrücklauf der Banken, die nicht unter den Top Ten sind, 25 bis 46 Prozent. Diese Mittel bekamen die zehn größten Banken: Insbesondere kamen der Sberbank im Oktober ungefähr 40 Prozent (1,1 Milliarden Euro) und der VTB24, einer Tochter der VTB-Bank, 21 Prozent (555 Millionen Euro) des Zuwachses zugute.

Warum es in Russland verdächtige Banken gibt

 

Russland hat immer noch viel zu viele Banken. Viele von ihnen sind nicht mehr als sogenannte „Taschenbanken" für Geschäftsverbände oder Einzelpersonen. Es gibt heute ungefähr 900 lizenzierte Banken in Russland, aber die 50 größten von ihnen kontrollieren 80 Prozent des Geldflusses, während die Top 100 90 Prozent aller Gelder verbuchen.

Im Russland der 1990er-Jahre war es leicht, eine Bankenlizenz zu erhalten: 75 000 Euro Kapital war für viele Jahre ein Mindestkriterium für eine Lizenz. So entstanden damals viele der „Taschenbanken". Experten glauben, dass die Zentralbank keine Panikzustände zulassen wolle. Sie forderte Bankenvertreter auf allen Veranstaltungen der letzten Zeit dazu auf, nach dem Gesetz zu arbeiten, und gab zu verstehen, dass diejenigen, die die Regeln einhalten, keine Probleme bekommen würden.

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