Rettet Vater Staat die russische Metallbranche?

Foto: ITAR-TASS

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Die russische Metallverarbeitung sucht einen Weg aus ihrer Krise. Nun einigten sich ihre Spitzenvertreter auf einer Arbeitstagung mit der Regierung über die Bedingungen staatlicher Unterstützung.

Die Krise der russischen Metallverarbeitung hat ihre Ursache einerseits in den niedrigen – und auch weiterhin fallenden – Metallpreisen und andererseits in der hohen Schuldenlast der Produzenten. Im Epizentrum der Branchenkrise befinden sich die größten Metall verarbeitenden Unternehmen des Landes: Metschel, UC Rusal und Evraz. 2012 musste jeder dieser Konzerne im Durchschnitt 440 bis 470 Millionen Euro für die Tilgung von Krediten ausgeben.

Im Ergebnis einer Arbeitstagung mit der Regierung wurde den Industriellen nun einiges versprochen: Hilfe bei der Restrukturierung, Unterstützung der freigestellten Mitarbeiter, Mitfinanzierung der Stilllegung von Betrieben. Bei der Bewältigung der Krise könnten den Metallurgie-Unternehmen auch die staatlichen Unternehmen zu Hilfe eilen: Sie könnten verpflichtet werden, Rohstoffe nur von einheimischen Produzenten zu kaufen. Dabei könnten die Rohstoffpreise um bis zu 15 Prozent über denen vergleichbarer ausländischer Produkte liegen – solange es sich um Ausschreibungen handelt.

Doch die staatlichen Hilfsmaßnamen dürften die finanzielle Situation der Holdings nicht sonderlich verbessern, heißt es aus der Branche. Um ihre Schulden begleichen zu können, müsste der Weltmarktpreis ansteigen – anstelle der heutigen 90 bis 100 Euro pro Tonne müsste er in der Nähe von 150 Euro liegen, sagt der Analyst der Finanzgruppe BKS Oleg Petropawlowskij von BKS.

 

Wie es zu dieser Krise gekommen ist

Schwere Zeiten macht die Metall verarbeitende Industrie zurzeit auf der ganzen Welt durch. Wie Fachleute erklären, entwickle die Branche sich zyklisch, weshalb einem Wachstum folgerichtig ein Rückgang folgt. „Vor der Krise haben die Unternehmen Produktionskapazitäten aufgebaut, weil sie auf eine Konjunktur und einen entsprechenden Anstieg der Nachfrage gehofft hatten", sagt Oleg Petropawlowskij. „Unterm Strich wurden Produktionskapazitäten geschaffen, die sich heutzutage als überflüssig erweisen." Die Überproduktion führte zu einem allgemeinen Preisverfall. Das wirkte sich auch auf den russischen Markt aus: Der größte Teil der russischen Rohstoffe geht in den Export, weshalb der Nachfragerückgang im Ausland sich auch so stark auf Russland ausgewirkt hat.

In einer solchen Situation wäre es angemessen, die Produktion herunterzufahren und die Zahl der Mitarbeiter zu reduzieren. Das ist allerdings ein Weg, der gegenwärtig in Russland nicht gegangen werden kann. Wie ein Branchenexperte gegenüber Russland HEUTE erklärt, stellten die Metall verarbeitenden Unternehmen einen wesentlichen Standortfaktor dar, zudem seien die Russen nicht so mobil, weshalb eine Schließung der Betriebe sowohl zu einer Wirtschaftskrise als auch zu gesellschaftlichen Protesten führen könnte.

Zu den Unternehmen, die zurzeit ihre schwersten Zeiten durchleben, gehört der Konzern Metschel, der dem Unternehmensgründer Igor Sjusin

Metschel ist ein russisches Bergbau- und Metallurgie-Unternehmen. Es umfasst Kohle-, Eisenerzkonzentrat-, Stahl- und Walzgutproduzenten. Hauptaktionär ist der Milliardär Igor Sjusin.

Rusal ist ein russisches Aluminiumunternehmen und weltweit größter Produzent von Rohaluminium. Hauptaktionär ist der Milliardär Oleg Deripaska.

Evraz ist ein ursprünglich russisches Metallurgie-Unternehmen. Nach der Übernahme amerikanischer und ukrainischer Unternehmensbestandteile durch Evraz entstand ein internationales, vertikal integriertes Metallurgie- und Bergbauunternehmen. Es ist einer der 15 größten Stahlproduzenten der Welt. Hauptaktionär ist Roman Abramowitsch.

gehört. Neben den ökonomischen Gründen für die Krise gibt es bei Metschel auch politische. Eine herbe Niederlage verpasste dem Unternehmen vor fünf Jahren der damalige Ministerpräsident Wladimir Putin: Er machte die Kapitalisierung des Konzerns mit einer scharfen Erklärung an die Adresse der Geschäftsführung zunichte. 2008 bezichtigte Wladimir Putin Metschel, seine Rohstoffe im Ausland zur Hälfte der einheimischen Preise zu verkaufen.

Unmittelbar auf diese Erklärung fiel Metschels Kapitalisierung an der New Yorker Fondsbörse um 37,6 Prozent. Vier Tage später kritisierte Wladimir Putin Metschels Geschäftsführung abermals. Daraufhin brach der Aktienkurs des Unternehmens, der sich gerade wieder zu erholen begann, endgültig ein. Im Ergebnis fiel der Wert der Aktien innerhalb von vier Tagen um 60 Prozent.

Zwei Jahre später, im Juli 2010, erklärte Wladimir Putin, dass er die früher geäußerte kritische Bemerkung bedaure, doch seitdem durchleben die Aktien von Metschel eine harte Zeit am Markt. Der Aktienkurs fällt in regelmäßigen Abständen. Der historische Tiefstand wurde am 13. November 2013 mit einem Minus von 40 Prozent bei Börsenschluss notiert. Inzwischen beträgt die Gesamtverschuldung des Konzerns Metschel sieben Milliarden Euro, was vom Unternehmen selbst bestätigt wurde. 58 Prozent der Schulden hat die Gesellschaft bei drei russischen staatlichen Banken, weiter 22 Prozent bei ausländischen Kreditinstituten, vier Prozent bei russischen Geschäftsbanken und 16 Prozent sind Anleiheschulden, erklärte das Unternehmen.

 

Hilf dir selbst!

Metschel ist es bereits gelungen, eine Stundung der Kreditrückzahlung zu vereinbaren. Außerdem schließt das Unternehmen langfristige Verträge mit den Hauptabnehmern, den Stahlgussunternehmen POSCO, Baosteel und Shasteel, ab. Den größten Effekt soll jedoch der Verkauf von Unternehmensbestandteilen bringen – durch diesen soll ein Gewinn von 750 Millionen Euro erzielt werden. „Alle unrentablen Unternehmensbestandteile oder solche, die große Investitionen erfordern, um sie wieder rentabel werden zu lassen, werden verkauft", erklärte das Unternehmen.

Dem Beispiel Metschels folgen auch andere Metall verarbeitende Unternehmen: Deripaskas UC Rusal und Abramowitschs Evraz.

Die enge Verknüpfung zwischen Staat und Geschäftswelt ist ein besonderes Merkmal der russischen Wirtschaft. Die Großkonzerne gehören Oligarchen, die ihrerseits der politischen Elite sehr nahestehen. Die Nähe der Industrie-Oligarchen zur Regierung ist jedoch eine Medaille mit zwei Seiten. Einerseits unterstützt die Regierung ihre Geschäfte im Austausch

gegen deren Zurückhaltung in der Politik und Investitionen in staatliche Projekte. Die Geschäftsleute erhalten dafür Staatsaufträge und eine Absicherung für den Fall einer Krise. Allerdings ist diese Beziehung nicht auf die Zukunft ausgerichtet: „Die Oligarchen ziehen es vor, Aktiva ihrer Unternehmen in das Ausland zu verlagern und schmieden keinerlei langfristige Pläne", erklärt ein Branchenexperte gegenüber Russland HEUTE.

Gleichzeitig spielt die Industrie in Russland nicht nur eine ökonomische Rolle, sondern auch eine politische. Das ist der Grund, weshalb Russen sich in einer gewissen Sicherheit wägen: Sie haben Arbeit und ein halbwegs normales Einkommen. Wenn allerdings die Betriebe bankrottgehen, ruft das öffentlichen Widerspruch hervor, der zu einem politischen Protest auswachsen kann. Letztlich bedarf die politische Elite der Geschäftsleute mehr als die Geschäftsleute der Politik. Die Regierung verändert das System nicht und zieht es vor, die Betriebe zu unterstützen.

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