Braucht Russland Piloten aus dem Ausland?

Russische Fluggesellschaften sollen bald ausländische Piloten einstellen dürfen, doch dieser Gesetzentwurf ist umstritten. Foto: RIA Novosti

Russische Fluggesellschaften sollen bald ausländische Piloten einstellen dürfen, doch dieser Gesetzentwurf ist umstritten. Foto: RIA Novosti

Die Flugsicherheit in Russland soll mit besser qualifiziertem Personal erhöht werden. Ein Gesetzentwurf will es russischen Fluggesellschaften deshalb erlauben, ausländische Piloten einzustellen. Doch das ist nicht unumstritten.

Die Regierung hat bei der Duma einen Gesetzentwurf eingebracht, der es russischen Fluggesellschaften erlaubt, ausländische Piloten einzustellen. Das soll helfen, das starke Defizit von russischen Flugkapitänen auszugleichen, das zu einer Abnahme des Sicherheitsstandards im Luftverkehr führt.

Der Beschluss der Regierung, ausländische Piloten für die Arbeit in der zivilen Luftfahrt anzuwerben, beruht auf einer ganzen Reihe von Gründen. Insbesondere soll es der „Schaffung eines antidiskriminierenden Status der russischen Fluggesellschaften innerhalb der Eurasischen Wirtschaftsunion und der GUS" dienen, wie es in der Gesetzesbegründung heißt. Außerdem erklärte der russische Verkehrsminister Maxim Sokolow, dessen Behörde den Gesetzentwurf ausgearbeitet hat, dass in den vergangenen vier Jahren die Anzahl der Passagiere der russischen Fluggesellschaften von 45 auf 83 Millionen angestiegen sei.

Der hauptsächliche Grund jedoch ist eindeutig hausgemacht: „ein Defizit in der Ausbildung von Flugpersonal", das sich vor allem im Mangel an Flugkapitänen niederschlägt. Das Volumen des Luftverkehrs in Russland wächst relativ schnell – um 13 bis 15 Prozent jährlich, weltweit um vier bis fünf Prozent. Aber die russischen Flugschulen kommen mit der Ausbildung von qualifizierten Piloten nicht nach. Zwischen 1995 und 2007 gab es pro Jahr 150 bis 200 Absolventen in der zivilen Luftfahrt. Damals betrug der Jahresbedarf der Luftfahrtpersonalbranche etwa 1 500 Personen. Noch schlechter steht es um die Ausbildung von verantwortlichen Piloten. Gerade deshalb könnte die Möglichkeit, sich ausländischer Piloten zu bedienen, den russischen Fluggesellschaften helfen, ihren Mangel an Flugpersonal auszugleichen. Falls das Gesetz angenommen wird, wird es bis zum 1. Januar 2019 Gültigkeit haben.

„Angesichts des steigenden Bedarfs im Luftverkehr sind viele Fluggesellschaften derzeit gezwungen, äußerst intensiv Flugzeugpiloten anzuwerben und Normen, die die Anzahl von zulässigen Flügen pro Monat und Jahr einschränken, zu überschreiten", erklärt der Chef des Analysedienstes Aviaport, Oleg Pantelejew. „Die Verfasser des Gesetzentwurfs sind der Auffassung, dass fünf Jahre genügen, um die verschärfte Situation zu entspannen. Danach, so hofft man, sollen bereits genügend Fachabsolventen der russischen Flugausbildungsschulen zur Verfügung stehen."

Ein Vertreter von UTAir gab bekannt, dass die Fluggesellschaft im Zusammenhang mit der Erweiterung ihres Flugparks Flugkapitäne suche und den Piloten eine eigene Weiterbildung anbieten wolle – das Hauptaugenmerk bei der Auswahl richte sich auf Erfahrung und

Qualifikation und nicht auf die Nationalität, betonte das Unternehmen. Dmitri Stoljarow, erster stellvertretender Geschäftsführer von Transaero, verkündete, dass seine Fluggesellschaft mit genügend Personal ausgestattet sei, trotzdem sollte die Anwerbung nicht durch Quoten begrenzt werden.

Ebenso aktiv wird die Zulassung ausländischer Flugkapitäne für den russischen Markt von Aeroflot unterstützt, weil das momentane Verbot zu inadäquaten Lohnanstiegen führe. Würden ausländische Piloten hier arbeiten, könnte die Fluggesellschaft verantwortliche Flugkapitäne auch unter den zweitklassigen russischen Piloten heranziehen, die jetzt wegen des Mangels an Flugkapitänen keine Möglichkeit hätten, entsprechende Erfahrungen zu sammeln. Falls das Gesetz angenommen wird, sei die Fluggesellschaft bereit, Flugkapitäne aus anderen GUS-Staaten und von großen Fluggesellschaften aus dem Westen anzuheuern.

 

Kritik kommt von den Gewerkschaften

Die Gewerkschaft des Flugpersonals von Scheremetjewo ist allerdings gegen die Arbeitserlaubnis für Ausländer. „Die Anstellung von Nichtrussen wird den Sicherheitsstandard senken", meint Igor Obodkow, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Gewerkschaftspräsidenten. „Ich bezweifle, dass sich bei den russischen Fluggesellschaften Piloten der großen internationalen Fluglinien bewerben: Hochqualifizierte Flugkapitäne sind weltweit stark nachgefragt. Dazu kommt, dass sie die Bedingungen, die ihnen Russland bietet, kaum zufriedenstellen werden."

Wladimir Gerassimow, Pilot erster Klasse und korrespondierendes Mitglied der Internationalen Akademie für Mitarbeiterprobleme in Luft- und Raumfahrt, stimmt dem zu. „Die Amerikaner und die Deutschen haben ein hohes Ausbildungsniveau, gleichzeitig auch noch ein hohes Lohnniveau,

und die sozialen Leistungen sind deutlich besser als bei den russischen Linien", erklärt der Experte. „Folglich werden wir von Piloten aus den GUS-Ländern ‚überrollt' werden." Auch die Organisation „Delowaja Rossija" befürchtet, dass „sich ein Strom zweitklassiger Piloten über Russland ergießt, die erstklassigen Kapitäne aber in ihren Heimatländern bleiben".

Das Problem kann nur durch den Ausbau eines nationalen Systems an Flugfachschulen gelöst werden. Allerdings zeichnen sich auch hier schon erste Probleme ab: So haben sich bereits 300 Studenten der Fachhochschule für ziviles Flugwesen in Uljanowsk an die Gewerkschaft des Flugpersonals gewandt mit der Klage, dass einige Fluggesellschaften ihnen Arbeit verweigern würden. Sie sind überzeugt, dies stehe im Zusammenhang mit den Plänen des Ministeriums, die Arbeit für ausländische Piloten gesetzlich zu verankern. „Diese Initiative passt nicht zur Politik eines Staates, der sich als sozial präsentieren und die Interessen vor allem der einheimischen Bevölkerung vertreten will", mahnte der Gewerkschaftspräsident Miroslaw Bojtschuk.

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