Russland steigt in die Windkraft ein

Deutsche bauen in Nordrussland einen der größten europäischen Windparks. Foto: ITAR-TASS

Deutsche bauen in Nordrussland einen der größten europäischen Windparks. Foto: ITAR-TASS

Im Gebiet Archangelsk an der Küste des Weißen Meeres beginnt der Bau eines riesigen Onshore-Windparks, der die gesamten Kapazitäten aller gegenwärtigen russischen Windkraftanlagen um das zehnfache übersteigen wird.

Die Umsetzung des prestigeträchtigen Projektes liegt in den Händen der Energieholding ZAO Meschregionsojusenergo und ihres deutschen Partners SoWiTec. Vergleichbare Windparks baut das baden-württembergische Unternehmen auf der ganzen Welt – von Europa bis Lateinamerika.

 

Der Nordwind macht das Projekt rentabel

Die Deutschen erwarten von der Nähe zum Weißen Meer eine hohe Attraktivität des Projektes für Investoren. Der Wind weht hier ständig, und zwar mit einer Stärke von 7,5 Metern pro Sekunde. Selbst auf Gebietsabschnitten mit gemäßigter Windstärke von 5 Metern pro Sekunde können die Anlagen mehrere hundert Millionen kWh Strom jährlich produzieren. Küstennahe Gelände eignen sich besonders gut für solche Projekte. Daher ist in Archangelsk der Bau einer der größten europäischen Windkraftparks geplant. In der ersten Entwicklungsphase mit 50 Windräder soll deren Gesamtleistung 150-200 MW betragen – genügend Energie für eine Stadt mit 100 000 Einwohnern.

In das Projekt werden etwa 360 Millionen Euro investiert. Experten sind davon überzeugt, dass die Windräder die Energieprobleme des Gebietes auf ökologisch verträgliche Weise lösen werden. Sie sollen die veralteten Energiesysteme teilweise ersetzen und die abgelegene Region im Norden mit Heizkraft versorgen. Der Projektstart ist für 2015–2016 geplant. Die Einigung über technische Einzelheiten könnte aber mehr Zeit als gewöhnlich in Anspruch nehmen, erläutern die Projektpartner. Vergleichbare Anlagen wurden in Russland schließlich noch nicht gebaut. Die Amortisation des russischen Windparks ist auf 15 Jahre angesetzt, in Europa erreicht eine Projekt die Gewinnzone nach sieben bis zehn Jahren. Das Projekt wird privat und ohne finanzielle Beteiligung des Staates und des Föderationssubjektes realisiert.

„Solche Projekte sind langfristig angelegt und sind auch nur mit solcher Perspektive interessant", sagt der Generaldirektor der ZAO Meschregionsojusenergo Juri Schulgin. „Für Russland ist das Projekt ein großes Testfeld."

Die Partner sind optimistisch, dass das Projekt sich rentieren wird. Die herkömmlichen Energieträger werden teurer – bis 2030 sollen nach Prognosen des Wirtschaftsministeriums ihre Preise für die Bevölkerung um das Fünffache steigen. Hinzu kommt, dass die zu sowjetischen Zeiten gebauten Heizkraftwerke veraltet und nicht sehr produktiv sind.

Experten schätzen das technische Potential der Windkraft in Russland gegenwärtig auf etwa 6 200 Milliarden kWh im Jahr. Diese Größenordnung übersteigt das gegenwärtige Volumen der Stromerzeugung im Land um ein Vielfaches.

 

Der Stand der Windkraft im heutigen Russland

Russland verfügt über bereits vor einiger Zeit in Betrieb genommene Windkraftanlagen. Die größte von ihnen, Kulikowo im Gebiet Kaliningrad, bringt eine Leistung von 5,1 MW. Die ersten Aggregate wurden 1998 in Betrieb genommen. Es folgte im Jahr 2002 auf Beschluss der Gebietsverwaltung, des Energieministeriums der Russischen Föderation und des dänischen Ministeriums für Ökologie und Energiewirtschaft eine Erweiterung um einige weitere Windaggregate, die Kulikowo schließlich zum heute größten Onshore-Windpark Russlands machten.

Zu einem Gesamtnetz zusammengeschlossen sind auch die Windkraftwerke Tjupkildy in Baschkirien mit einer Leistung von 2,2 MW, Kalmyzkaja (1 MW) und Marposadskaja in der Republik Tschuwaschien (0,2 МW). Nicht integriert in das Netz sind das Windkraftwerk Anadyrskaja

im Autonomen Kreis der Tschuktschen (Leistung 2,5 MW), das Windkraftwerk Sapolarnaja in der Republik Komi (Leistung 1,5 MW), die Windkraftanlage Nikolskaja auf der Beringinsel in der Region Kamtschatka (Leistung 1,2 MW) und das Windkraftwerk Markinskaja im Gebiet Rostow (0,3 MW). Die Mehrheit von ihnen gingen Ende der 1990er oder Anfang der 2000er Jahre ans Netz, sind also nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik. Kleinere Windkraftanlagen, die überwiegend den Bedarf einzelner Unternehmen decken, stehen außerdem in den Gebieten Murmansk, Archangelsk, Saratow und Astrachan sowie im Leningrader Gebiet.

Die Gesamtleistung der russischen Windkraftwerke beträgt 17-18 MW. Verglichen mit Deutschland und einer installierten Kapazität von über 30 000 MW steckt die Windkraft in Russland noch in den Kinderschuhen.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei RBC Daily.

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