Russlands Wirtschaft 2013: Meilensteine trotz Stagnation

Foto: RIA Novosti

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Die Ergebnisse der russischen Wirtschaft im Jahr 2013 sind ambivalent. Einerseits ist das Land in eine Phase anhaltender Stagnation getreten, andererseits hat es seine Positionen in Rankings der Geschäftsattraktivität verbessert und einige anspruchsvolle Projekte realisiert.

Wirtschaft im Abwärtstrend

Die russische Wirtschaft blickt auf ein Jahr zurück, das von einem Abwärtstrend geprägt ist. Im Laufe des Jahres korrigierten russische und ausländische Experten ihre Prognosen für das BIP-Wachstum mehrfach nach unten.

Die Neubewertung der Prognosen wird von allen Institutionen und Experten anders erklärt, aber alle stimmen darin überein, dass die Gründe innerhalb des Landes zu suchen sind. Das wird auch vom Präsidenten Wladimir Putin anerkannt; konkret hat er das in seiner jüngsten Nachricht an die Föderalversammlung bestätigt.

Es lassen sich zwei Hauptgründe für die schlechten Prognosen des BIP-Wachstums ausmachen:Erstens der Rückgang der Investitionen in große staatliche Gesellschaften, einschließlich des Energiebereichs. Dies sei nach Ansicht von Alexej Balajew aus der Wirtschaftsexpertengruppe (WEG) zum Schlüsselfaktor geworden, der zur Verlangsamung des Wirtschaftswachstums geführt hat. Zweitens: Die Konsumnachfrage lässt nach, insbesondere wegen der hohen Verschuldung der Bevölkerung. Nach Angaben der Zentralbank beträgt die durchschnittliche Kreditbelastung

jedes Arbeitnehmers das ca. 3,7-fache seines Monatsgehalts.

Doch einige meinen, dass ungeachtet der Verschlechterung einzelner Parameter die Situation insgesamt nicht kritisch sei. „Die Tendenz zur Stagnation hat bereits 2012 begonnen. Und schon damals war unklar, ob die Stagnation anhalten wird oder das Land in die Rezession zurückfällt. Die schlimmsten Befürchtungen haben sich allerdings nicht bewahrheitet", erklärt Sergej Puchow, der am Entwicklungszentrum der Higher School of Economics tätig ist.

Gleichzeitig begann Russland, seine Position in weltweiten Rankings zu verbessern. So stieg das Land im Ranking von „Doing Business" von Platz 112 auf Platz 92. „Das zeigt, dass ungeachtet aller Tendenzen der russischen Politik das Land sich mobilisieren und zielgerichtet eine Verbesserung in den nötigen Bereichen erzielen kann", sagt Maxim Petronewitsch vom Wirtschaftsprognosezentrum der Gazprombank.

 

Rolle der Zentralbank wurde gestärkt

Nach Ansicht ausländischer Investoren war ein wichtiges Ereignis in diesem Jahr die Stärkung der Rolle der Zentralbank: Sie soll nun über Risiken wachen, die Finanz- und Bankinstitute sowie Pensionsfonds anhäufen. „Das ist für die Kontrolle von Risiken und Dynamiken der Kredit- und Depositenaktivität dieser Organisationen wichtig", erklärt Maxim Petronewitsch.

Den Status einer Mega-Kontrollinstanz hat die Zentralbank bald nach dem Wechsel des Managements erhalten. Im Juli wurde Elwira Nabibulina an die Spitze der Zentralbank gestellt, und die neue Leitung begann sofort, hart gegen Banken durchzugreifen. Der neue Kurs der Zentralbank hat zum Ziel,

dass es keine „Unantastbaren" mehr gibt. Und die Zentralbank greift hat durch: Seit dem Führungswechsel hat sie bereits mehr als 25 Banken die Lizenz entzogen – das waren mehr als im gesamten Jahr 2012.

Zu einem der bedeutendsten Verfahren gehörte die Geschichte mit der Master-Bank, die zu den hundert größten Geld- und Kreditinstitutionen gehörte. Die Zentralbank beschuldigte sie, dubiose Geschäfte getrieben zu haben. Experten glauben, dass der Entzug ihrer Lizenz schon lange geplant gewesen war: „Die Regierung hatte mehrmals angekündigt, dass sie ‚Hunderte' von Banken eliminieren werde, die die Interessen von Geschäftsgruppen oder einzelnen Personen bedienen, doch der Prozess war bisher viel zu langsam verlaufen", erzählt Chris Wiefer, Gründer und Senior Partner von Macro Advisory.

 

Wirtschaftspolitischer Kurs geht in Richtung GUS und Asien

2013 war die russische Wirtschaftspolitik darauf ausgerichtet, die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen mit anderen Ländern auszubalancieren und die Abhängigkeit vom europäischen Markt zu verringern. Deshalb waren Haupttendenzen der Wirtschaftspolitik die Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen mit Ländern der GUS und eine Stärkung der Zusammenarbeit mit asiatischen Ländern.

Im Rahmen der GUS will man die Zollunion weiterentwickeln mit der Perspektive, bis 2017 einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zu schaffen. Im Fokus stand dabei in diesem Jahr der Konflikt um die Ukraine, die sich in

Richtung Europa orientieren wollte. „Russland hat aktiv um die Ukraine gekämpft, dabei hat man eine aggressive Politik geführt. Wenn das dazu führt, dass die Ukraine in der Zollunion bleibt, könnte man das einen Durchbruch nennen", sagt Sergej Puchow.

Aktiv wurde man auch bei der Integration von Ländern Ostasiens im Bereich des Exports von Öl und Gas. Die Rede ist von einer Zusammenarbeit mit China, Südkorea und Japan. Diese Länder zeigten auch Interesse an Russland: Sie begannen, in Rohstoffprojekte zu investieren, in erster Linie in Ostsibirien.

„Die effektivste Form der Zusammenarbeit zwischen Russland und China könnten gemeinsame Unternehmen zur Erschließung von Rohstoffen auf russischem Boden mit einem anschließenden Export nach China sein", meint Sergej Lukonin, leitender wissenschaftliche Mitarbeiter am Zentrum der Asiatisch-Pazifischen Studien IMEMO an der Russischen Akademie der Wissenschaften. „Außerdem könnten für chinesische Partner Infrastrukturprojekte interessant sein."Was Südkorea anbelangt, sei Russland am Hightech-Sektor interessiert, fährt Lukonin fort. „Russland steht vor der Aufgabe, seine Wirtschaft zu modernisieren, und Südkorea könnte einen Teil seiner Hightech-Produktionen auf unser Territorium verlagern. Außerdem könnte Russland mit seinen Seltenen Erden interessant für Korea sein."

 

Meilensteine 2013: Billig-Airline und Smartphone

2013 stellte Russland seine erste Billig-Airline im Land und ein eigenes Smartphone vor. Der Billigflieger Dobrolet, der von Aeroflot betrieben wird, hat bereits über Personaleinstellungen informiert. Über die Effektivität des Unternehmens wird noch nicht in der näheren Zukunft zu reden sein, aber sein Aufkommen wird sicher zu einer Veränderung des Geschäftsmodells der bestehenden Player auf dem Markt führen: Die Preise der Flugtickets

werden sinken und Flüge für Russen somit erschwinglicher werden.

Die Markteinführung des ersten russischen Smartphones, das Yota-Phone, bezeichnen Experten als einen echten Durchbruch in diesem Jahr. „Wir haben gezeigt, dass wir ohne staatliche Unterstützung ein Konzept realisieren konnten", sagt Maxim Petronewitsch. Es habe schon Start-ups gegeben, die iPhone-Hüllen mit einem e-Ink-Bildschirm anbieten wollten. Aber keines der Projekte habe es bis zum Produktionszyklus geschafft. „Das Team von Yota hat gezeigt, dass wir Engineering-Probleme lösen können, mit denen Start-ups weiter entwickelter Länder nicht fertig werden. Das bezeugt, dass wir sowohl Willen und Talent als auch Möglichkeiten haben", betont Petronewitsch.

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