Russlands reichste Frau: „Geld ist nicht das Ziel“

Jelena Baturina, oft als Russlands reichste Frau tituliert, hat Karriere im Bauwesen und in der Hotellerie gemacht. Nun geht sie mit ihrer neuen Stiftung Be Open Wege im Design. Die Geschäftsfrau im Interview.
Jelena Baturina. Foto: Flickr.com

Jelena Baturina ist eine schillernde Figur. Das Magazin „Forbes" listet sie als reichste Frau Russlands der vergangenen fünf Jahre. Aufgewachsen ist Baturina in einer Moskauer Zweizimmerwohnung. Dramatische und widersprüchliche Ereignisse prägen ihr Leben. Die heute milliardenschwere Geschäftsfrau gründete im vergangenen Jahr ihren eigenen Think Tank für Design – mit globalem Zuschnitt und ambitionierten Zielen.


Von Moskauer Trabantenstädten nach Mayfair

 Die in den sowjetischen 1960er-Jahren geborene Jelena Baturina beschreibt ihre Herkunft als „einfache Arbeiterfamilie". Das Geld für ihr Studium an der Moskauer Staatlichen Universität für Management verdiente sie sich im Werkzeugbau.

In den 1980er-Jahren lernte sie ihren Mann Juri Luschkow kennen, der später Bürgermeister von Moskau werden sollte. In den 1990ern, als Goldgräberstimmung das Land beherrschte, zog Baturina ihr milliardenschweres Unternehmen Inteco auf, mit dem sie im Laufe der Jahre ein Bau-Imperium begründete. 2010 wurde ihr Mann seines Amtes enthoben. Sie verkaufte daraufhin ihre Unternehmen und verlagerte ihren Lebensmittelpunkt ins Ausland.

In Großbritannien hat Baturina ihre Büroräume in dem repräsentativen Londoner Bezirk Mayfair in einer ansehnlichen Stadtvilla aus dem 18. Jahrhundert untergebracht. Ein dynamisches Kunstwerk in der Nähe der Rezeption verwandelt Puschkin-Verse über ein Gewirr streifenförmiger Displays in Währungskurse. Während unseres ersten Treffens wirkt Russlands reichste Frau merklich gelangweilt, wie ein Teenager, dem man eingeschärft hat, sich gegenüber einer öden Großtante höflich zu benehmen. „Sehr erfreut über unser Interview scheinen Sie nicht zu sein", stelle ich fest. Baturina zuckt gleichgültig die Schultern: „Ich bin nur etwas müde heute."

Gegen Ende unseres zunehmend lebhafter werdenden Gesprächs erklärt sie ihre Zurückhaltung. „Meine Abneigung gegenüber den Medien ist wohl Bequemlichkeit. Ich möchte meine Zeit nicht für die Vorbereitung von Interviews verschwenden. Mir ist aber klar, dass ich das tun muss, wenn ich möchte, dass man von meinen Ideen erfährt."

Zukunft gestalten

 Auf meine Frage nach ihrer neuen Stiftung Be Open hat Baturina eine Menge zu erzählen. Die Stiftung werde verschiedene gemeinnützige Projekte umfassen und „junge kreative Menschen" fördern. Hängt ihr Engagement für die nächste Generation damit zusammen, dass sie selbst Mutter ist? Baturina hat zwei Töchter, Studentinnen im Alter von 19 und 21 Jahren. Sie studieren Politik und Wirtschaft, nicht Design, wie Baturina bemerkt. Aber alle jungen Menschen „brauchen einen Platz für ihren Start in diese Welt, weil sie es sind, die unsere Zukunft gestalten."

Die von Be Open zugrunde gelegte Interpretation von „Design" schließt fast alles ein. Im Laufe der nächsten zwei Jahre soll das Projekt „einmal um die Welt reisen". Geplant sind ein Event in Delhi im Februar 2014 und ein weiteres in Tokio im nächsten Jahr.

Der Schwerpunkt des indischen Projekts liege auf Kunsthandwerk, aber sein Ziel „ist nicht allein eine Ausstellung", wie Baturina betont. Sie erklärt: „Herausgefunden werden soll, wie die wechselseitige Durchdringung von Kulturen, Wissen und Technologien etwas Neues entstehen lassen kann."


Betrüger gibt es überall

 Baturina verdiente ein Vermögen im Bauwesen, aber ein mit großem Einsatz für Moskau konzipiertes Bauvorhaben wurde nie realisiert. Der Hamburger Architekt Hadi Teherani entwarf ein Ensemble futuristischer Gebäude, das Herzstück des geplanten Business-Komplexes „Cosmo Park".

„Jedes Unternehmen muss vor allem eines begreifen", sagt Baturina. „Geld ist nicht das Ziel, sondern nur das Mittel, um ein Ziel zu erreichen." Sie schimpft über die „erste Welle von Russlands Superreichen", die über Finanzintrigen an ihr Geld gekommen sind. „Sie wollen auch jetzt noch so

weiterspielen, wissen aber nicht, welches Spiel das nächste sein wird. So übertreffen sie sich gegenseitig mit immer größeren Jachten und immer jüngeren Geliebten. Befriedigung nach einem erreichten Ziel erfahren sie nicht und das ist der Grund ihrer dauerhaften Unzufriedenheit", glaubt Baturina.

Lebt es sich als Unternehmerin in Europa anders? „Nein", sie lacht. „Es ist genau dasselbe. Betrüger gibt es überall." Über die Zukunft der russischen Wirtschaft äußert sie sich pessimistisch: „Um mit der Metapher der Drogenabhängigkeit zu sprechen: Wir sind abhängig von der Erdöl-Nadel und wenn diese Ressource einmal versiegt ist, dann werden wir unter Entzugserscheinungen leiden."


Liebe, Loyalität und London

 Als Juri Luschkow den Vorsitz des Ausschusses für Wirtschaftsentwicklung beim Moskauer Stadtrat innehatte, bekam Baturina als junge Wissenschaftlerin eine Assistentenstelle in seinem Büro. War es Liebe auf

den ersten Blick? „Nein", sagt sie entschieden, „aber wir arbeiteten gut miteinander." Was sein Bürgermeisteramt betrifft, so war ihr immer klar, „dass es vergänglich ist".

Der plötzliche Sinneswandel der Bevölkerung nach der Amtsenthebung ihres Mannes schockierte sie nicht übermäßig. „Wir waren vielleicht keine typischen hochrangigen Beamten", sagt sie. „Wir haben unsere Familie immer zusammengehalten und hatten enge Freunde."

Mit einer Tochter in New York und ihrer Mutter in Moskau ist sie viel auf Reisen. Die Wahl des Ortes für das Weihnachtsfest mit der Familie fiel auf Wien. Baturina verbringt, wie sie sagt, ihre „meiste Zeit in Flugzeugen", besitzt aber viele Häuser, die ihre Familie von Zeit zu Zeit aufsucht, „für Ferienaufenthalte, Skiurlaube und um in London und Moskau zu leben".


„Ich bin ein zufriedener Mensch"

 Bedeutet Moskau immer noch Heimat? „Ja, ich bin Russin", antwortet sie. Sie liebt London – „selbst das Wetter" – und genießt es, ohne Leibwächter unterwegs sein zu können. Es sei gut für ihre Töchter, so Baturina, zu begreifen, dass „sie gute Noten nicht wegen des Namens ihrer Eltern, sondern für ihre eigene harte Arbeit bekommen".
Baturina bereut es, „in politische Spiele hineingezogen worden zu sein", weil ihr Mann „zufällig der Bürgermeister von Moskau war". Sie bezweifelt, wirklich, wie sie vielfach tituliert wird, „Russlands reichste Frau" zu sein. „Es gibt versteckte Milliardäre, von denen wir überhaupt nichts wissen. Wenn wir über Menschen reden, die ihr Einkommen ehrlich deklarieren – ja, dann bin ich wahrscheinlich die reichste Frau in Russland."

„Ich bin, glaube ich, ein zufriedener Mensch", so Baturina, „weil ich die materielle Verwirklichung von Plänen sehen kann, die bereits in Bauwerke umgesetzt wurden, und wenn Menschen künftig einmal sagen, dass ihr Ausgangspunkt meine Stiftung war, dann wird mich das mit großem Glück erfüllen."

 

Die Geschäftswelt von Elena Baturina

 

Alles begann mit Kunststoff: Elena Baturina gründete im Jahr 1991 die Limited Liability Partnership (LLP) „Inteko". Ursprünglich produzierte das Unternehmen Plastikgeschirr. Im selben Jahr heiratete Baturina Jurij Luschkow, der 1992 Bürgermeister von Moskau wurde. 2001 stieg „Inteko" in die Baubranche ein, nachdem das Unternehmen die Aktienmehrheit eines der führenden Bauunternehmen des Moskauer Wohnungsbaukombinats Nr. 3 erworben hatte. Der Marktanteil von Inteko in Moskau stieg auf 25 Prozent.

2002 wurde im Unternehmen die Abteilung für monolithische Bauweise gebildet. Darüber hinaus kaufte Inteko mehrere Zementwerke und wurde dadurch zu einem der wichtigsten Zementlieferanten in Russland. Im Zeitraum von 2002 bis 2003 wurde das Unternehmen gemäß den Beschlüssen der Moskauer Regierung zu einem der Hauptinvestoren in zugleich sechs Projekten für Komplettbebauung.

2004 erhielt das Unternehmen das Recht, einige Gebäude im historischen Zentrum Moskaus neu zu gestalten. Im selben Jahr wurde Inteko von der Moskauer Regierung beauftragt, Grundstücke aufzuteilen sowie die Projektentwürfe für den Bau von Hotels und Freizeiteinrichtungen in der Hauptstadt vorzubereiten.

Von 2004 bis 2007 war das Unternehmen für den Bau eines Lehrgebäudes der Moskauer Staatlichen Universität verantwortlich. 2005 standen der Massivbau sowie der Bau von Gewerbeimmobilien im Fokus des Unternehmens. Im Zeitraum von 2005 bis 2007 stieg das Vermögen von Baturina von einer Milliarde auf gute drei Milliarden Euro an. 2009 ging das Vermögen wegen der Krise auf 650 Millionen Euro zurück. Experten schätzen, dass der Kaufpreis der Holding-Gesellschaft Inteko vor der Krise 2,2 Milliarden Euro betrug. 2010 belief sich der Preis auf nur noch 1,1 Milliarden Euro.

 

Das alte und neue Geschäft: Hotels

Im September 2011, ein Jahr nach dem Rücktritt des Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow, verkaufte Baturina Inteko. Die Experten, die an der Vorbereitung des Geschäfts beteiligt waren, schätzen, dass der Wert der verkauften Aktiva 880 Millionen Euro erreichte.

Heute investiert Baturina aktiv in die Hotelbranche. Das war auch noch bis 2010 der Fall. 2009 wurde das Fünf-Sterne Hotel „Grand Tirolia" im österreichischen Kitzbühel im Wert von 25 bis 30 Millionen Euro gebaut. 2010 wurde in Sankt Petersburg das Hotel „New Peterhof" eröffnet. 2012 wurde nach der Sanierung das Mini-Hotel „Quisisana Palace" im tschechischen Karlsbad eröffnet. Seit 2013 ist das Hotel „Morrison" in Dublin (Irland) nach der Sanierung wieder in Betrieb. Es wurde zuvor für 22 Millionen Euro abgekauft.

Alle Hotels werden von dem Unternehmen Martinez Hotels & Resorts geführt, das seinen Sitz in Österreich hat. 2015 plant Elena Baturina, ihr Geschäft auf 14 Hotels zu erweitern.