Neuer Kurs? Gründer verlässt VKontakte

Am 24. Januar bestätigte Pawel Durow, Gründer von Europas größtem sozialen Netzwerk VKontakte, dass er seinen Aktienanteil verkauft. Foto: RIA Novosti / Valeriy Levitin

Am 24. Januar bestätigte Pawel Durow, Gründer von Europas größtem sozialen Netzwerk VKontakte, dass er seinen Aktienanteil verkauft. Foto: RIA Novosti / Valeriy Levitin

Nun, da Pawel Durow seine letzten Anteile am sozialen Netzwerk verkauft hat, glauben viele an einen Börsengang des Unternehmens. Ob diese Strategie Erfolg versprechend ist, bleibt abzuwarten.

Am Abend des 24. Januars bestätigte Pawel Durow, Gründer von Europas größtem sozialen Netzwerk VKontakte, dass er seinen verbliebenen Aktienanteil von zwölf Prozent an Iwan Tawrin, den Vorsitzenden des russischen Telekom-Riesen Megafon, verkauft hat. Über den Preis haben die Parteien Stillschweigen vereinbart, Analysten gehen jedoch von 250 bis 290 Millionen Euro aus.

 

Kurs auf Börsengang

Viele Fachleute sind der Meinung, dass sich die Änderungen in der Aktionärsstruktur des Unternehmens positiv auf einen möglichen Börsengang auswirken könnten. Timur Nigmatullin, Analyst bei Investcafe, bezeichnete Durows Verkauf der Anteile als „Optimierung der Eigentümerstruktur“.

Seiner Ansicht nach könnte genau das von Durow veräußerte zwölfprozentige Aktienpaket Gegenstand des Börsengangs werden. Ein weiterer Teil der Aktien könnte laut Nigmatullin durch den Fonds United Capital Partners (UCP) platziert werden.

Nach Ansicht der Experten ist die Zeit für einen Börsengang von VKontakte überreif: Die Zuwachsraten bei den täglichen Besucherzahlen des sozialen Netzwerks nehmen langsam ab, was hauptsächlich auf die Sättigung des Marktes in den Regionen zurückzuführen ist. Angesichts der starken Konkurrenz ist wohl kaum davon auszugehen, dass der exorbitante Zuwachs an mobilen Nutzern der vergangenen Jahre die Lösung des Problems sein wird.

Michail Demidow, Privatinvestor und Investmentdirektor von T34Moscow, sieht Durows Verkauf positiv, beklagt jedoch, dass der geschätzte Wert von VKontakte – 2,2 Milliarden Euro – schon länger stagniere.

Noch vor einem Jahr hat VKontakte bewiesen, dass es selbst ohne eine

Fokussierung auf die Generierung von Gewinn aus den Nutzern einen durchschnittlichen Ertrag pro Nutzer („Average Revenue Per User“) erreicht, der sich auf dem Niveau des großen Konkurrenten Facebook bewegt. Fachleute weisen jedoch darauf hin, dass das Unternehmen von Mark Zuckerberg bei einem Börsengang von VKontakte nichts zu befürchten habe, da dessen Weltmarktanteil eher gering sei. Die Anzahl der täglichen Besucher von VKontakte hat gerade erst die 60-Millionen-Grenze erreicht.

Bei Investcafe ist man der Meinung, dass VKontakte bereits 2014 an die Börse gehen könnte. Man schätzt den Wert des Unternehmens auf bis zu 4,7 Milliarden Euro.

 

Stagnation oder Revolution?

VKontakte liegt heute in Bezug auf die Zeit, die Nutzer im sozialen Netzwerk verbringen, mit einem Durchschnitt von ungefähr 40 Minuten an der Spitze – in der Branche gilt ein Wert von drei Minuten bereits als gut. Insbesondere das Speichern und Anhören oftmals illegaler Musik zieht Nutzer zu VKontakte. 

Doch gerade die riesige Menge illegaler Inhalte sei für den Börsengang des sozialen Netzwerks eines der Hauptprobleme, wie Denis Terechow, geschäftsführender Teilhaber der Agentur Soziale Netzwerke mitteilt. „Pawel Durow hat lange und konsequent das Recht der Nutzer verteidigt, Inhalte zu teilen. Jetzt ist die Politik des sozialen Netzwerks auf die Legalisierung der Inhalte ausgerichtet“, erklärt er. Wenn all das wegfalle, werde ein erheblicher Teil der Nutzer weniger Zeit auf VKontakte verbringen.

Dabei sei die Legalisierung der Inhalte nicht mit einem völligen Verzicht auf diese gleichzusetzen, so Terechow. Es gebe bereits heute eine Vielzahl an Beispielen, in denen sich VKontakte mit dem Rechteinhaber geeinigt hat. So könnten Nutzer entsprechende Filme völlig legal mit Werbung sehen.

Nikolaj Durow, technischer Direktor bei VKontakte und Bruder von Pawel, hat bereits erklärt, dass die russische Bevölkerung wahrscheinlich schon bald „einen Facebook-Account anlegen muss, anstatt ihr eigenes Süppchen zu kochen“.

Außerdem erwarten viele Experten und Nutzer, dass die neuen regierungstreuen Aktionäre nach dem Weggang von Durow VKontakte als liberale und freie Plattform zerstören und mehr Einsichtnahme durch die Geheimdienste ermöglichen könnten. Terechow ist hier weniger skeptisch: „Um VKontakte zugrunde zu richten, braucht es viel. Ich denke, dass niemand, weder Herr Durow noch ihm nahestehende Kreise, an einer Zerstörung dieses Produktes interessiert sind.“

Dabei hat Durow selbst einmal davor gewarnt, dass bei Sperrung aller Gruppen, „in denen Vorbereitungen zu Kundgebungen oder für die Regierung unbequeme Themen besprochen werden, diese Gruppen auf ausländische Netzwerke ausweichen“. Wie Fachleute jedoch anmerken, habe sich VKontakte nie einer Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden verweigert, wenn diese ausreichende Gründe für die Sperrung bestimmter Gruppen vorbrachten.

„Eine Gruppe in einem sozialen Netzwerk ist kein Geheimbund“, gibt auch Denis Terechow zu bedenken. Wenn jemand wissen wolle, was in einer Gruppe diskutiert wird, könne er sich ja ganz einfach als normaler Nutzer registrieren.

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