Bombenflugzeug М-4: Schrecken aus der Sowjetunion

Im nuklearen Wettrüsten entwickelte die UdSSR ihr Bombenflugzeug M-4 – noch vor den USA. Foto: Pressebild

Im nuklearen Wettrüsten entwickelte die UdSSR ihr Bombenflugzeug M-4 – noch vor den USA. Foto: Pressebild

„Die sowjetische Bison“ – so nannte man in den Vereinigten Staaten den düsengetriebenen Langstreckenbomber М-4. Er war das erste interkontinentale Atomwaffen-Trägerflugzeug der Welt, das in die reguläre Bewaffnung einer Luftwaffe übernommen wurde.

Als „Kind des Kalten Kriegs" und Zeitgenosse des Langstreckenbombers Tu-95 wurde die М-4 speziell dafür entwickelt, eine Atombombe bis ins Hoheitsgebiet der USA zu befördern. Doch die Geschichte sorgte für eine weitaus bescheidenere und friedvollere Rolle des Flugzeugs in der Luftfahrt.

 

Amerika einholen und überholen

Die Sowjetunion entwickelte ihre erste Atombombe vier Jahre nach den Amerikanern und verfügte anfangs nicht nur über ein kleineres Atomwaffenarsenal, sondern war zudem nicht in der Lage, die „Vergeltungswaffe" ins Hoheitsgebiet des Gegners zu transportieren. Denn die Entwicklung eines interkontinentalen Bombenflugzeugs ist eine höchst komplexe Aufgabe, für deren Umsetzung die Maschine mit außerordentlichen Flugeigenschaften ausgestattet sein muss. Deshalb

Insgesamt wurden 32 M4-Bombenflugzeuge gefertigt, von denen drei bei Testflügen abstürzten. Deren Besatzungen kamen dabei ums Leben.

lehnte der Konstrukteur Andrej Tupolew, der ursprünglich die Aufgabe zur Konstruktion eines solchen Fluggeräts übertragen bekommen hatte, diesen Auftrag auch kategorisch ab und musste diese Entscheidung Stalin gegenüber persönlich begründen.

An Tupolews Stelle wurde einer seiner Schüler, der Konstrukteur Wladimir Mjasischtschew, 1951 damit betraut, das Projekt in kürzester Zeit zu realisieren. Eigens für diese Aufgabe wurde er zum Chef-Konstrukteur des neu geschaffenen Konstruktionsbüros OKB-23 ernannt. In seinem Vortrag vor der sowjetischen Regierung beschrieb Mjasischtschew seine Pläne zum Bau eines Bombenflugzeugs mit einer Reichweite von 11 000 bis 12 000 Kilometern und einer Geschwindigkeit von 900 Stundenkilometern. Bereits ein halbes Jahr später stellte Mjasischtschew das Funktionsmuster des zukünftigen Bombenflugzeugs vor.

Die Fertigung des ersten Versuchsflugzeugs erfolgte in drei Schichten, und nach nur wenigen Monaten stand dieses zu seinem Jungfernflug bereit. Seinen ersten zwanzigminütigen Flug absolvierte die М-4 am 20. Januar

1953. Im Rahmen der ersten Etappe der betriebsinternen Versuche folgten noch weitere 27 Flüge.

Die wesentliche Kampfkraft der М-4 sollte auf der Wasserstoffbombe RDS-37, die über eine Sprengkraft von 2,9 Megatonnen verfügte, beruhen. Mit deren Hilfe hätte eine ganze Stadt vernichtet werden können. Außerdem hätte das Flugzeug sowohl Atom- als auch konventionelle Bomben mit einer geringeren Zerstörungskraft, Seeminen, Torpedos und Lenkbomben aufnehmen können. Die М-4 war mit einer mächtigen Defensivbewaffnung ausgestattet: neun 23-mm-Kanonen vom Typ NR-23 oder sechs 23-mm-Kanonen vom Typ АМ-23.

Die М-4 war das erste interkontinentale Atomwaffen-Trägerflugzeug, das in die reguläre Bewaffnung einer Armee übernommen wurde: Das Flugzeug wurde bei den Luftstreitkräften der Sowjetunion einige Monate früher eingeführt als der Langstreckenbomber B-52 bei der US Air Force.

 

Zweiunddreißigfaches Unglück

Die Indienststellung des neuen Bombers verlief aber alles andere als reibungslos. Das Steuersystem sorgte für ernsthafte Probleme, die erst nach mehrfacher Überarbeitung des Flugzeugs gelöst werden konnten. Die Maschine galt allgemein als sehr schwerfällig, besonders beim Start und bei der Landung. Das Steuer ließ sich nur unter Aufwendung größter physischer Krafteinwirkung handhaben. Ebenso problematisch für die Piloten war die leistungsschwache Klimatisierungsanlage: Die Besatzung musste in dicken Pelzjacken fliegen, da in großer Höhe die Temperatur in der Kabine auf unter null Grad fiel.

Foto: Pressebild

In den ersten drei Betriebsjahren gab es viele Unfälle und mindestens sechs Abstürze. In der Stadt Engels, wo sich der Hauptstützpunkt der М-4 befand, kam es schließlich zur sogenannten „Weiber-Revolte": Die Frauen der Piloten versammelten sich auf dem Flugfeld und verhinderten so den Start der Unglücksmaschine. Aufgrund der Schwierigkeit mit der Umrüstbarkeit der М-4 wurde die „Zar-Bombe", die erste Wasserstoffbombe der Sowjetunion, am Ende von einer Tu-95 abgeworfen.

Doch das größte Problem, das bei den Testflügen zu Tage trat, war die geringe Reichweite des Bombers: Die maximale Strecke, die die М-4 zurücklegen konnte, betrug gerade einmal 9 500 Kilometer – viel weniger,

als angekündigt worden war. Mit solchen Leistungsparametern war es unmöglich, die USA zu erreichen, die Bombe abzuwerfen und zum Abflugpunkt zurückzukehren.

Die einzige praktikable Lösung für dieses Problem stellte das Auftanken in der Luft dar. Eigens für die М-4 wurde das Betankungssystem „Konus" entwickelt. Dieses verwandelte das Bombenflugzeug praktisch in einen fliegenden Tanker. Dank dieser Unterstützung vermochte die М-4 am 8. Februar 1957, binnen 17 Stunden unter zweimaligem Nachtanken eine Strecke von 14 500 Kilometern zurücklegen.

Zu diesem Zeitpunkt gab es allerdings bereits ausgereiftere Modifikationen des Bombenflugzeugs wie die 3М. Deshalb wurde beschlossen, alle М-4 in Tankflugzeuge umzurüsten. Mit diesem Aufgabenprofil wurden sie bis Anfang der Neunzigerjahre genutzt. Im August 1997 wurden alle Flugzeuge der Serie außer Dienst gestellt.

 

Technische Daten der М-4

 

Spannweite: 50,53 m

Länge: 48,70 m

Höhe: 14,10 m

Flügelfläche: 326,35 m²

Höchstgeschwindigkeit: 947 km/h

Dienstreichweite: 8 100 km

Dienstgipfelhöhe: 11 000 km

Besatzung: 8 Mann

Nutzlast: regulär – 9 000 kg, maximal – 24 000 kg

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