Kwas: Coke mit russischem Akzent

Kwas kannten schon die alten Slawen, nun erobert das Getränk auch Deutschland. Foto: Pressebild

Kwas kannten schon die alten Slawen, nun erobert das Getränk auch Deutschland. Foto: Pressebild

Ein hessischer Unternehmer hat sich getraut, ein russisches Nationalgetränk in Deutschland zu produzieren und zu verkaufen. Nein, es geht nicht um Wodka.

Die Webseite des Herstellers KBAC GmbH lässt keinen Zweifel: Hier spielt man gerne mit Klischees. Iwan der Schreckliche, Kosaken und Nikita Chruschtschow – alle Bilder, die mit Russland in Verbindung gebracht werden können, hat man hier zusammengetragen. Schon der Name der Firma rekurriert auf Russland: Liest man ihn nämlich, als wären die Buchstaben in kyrillischer Schrift, wird aus dem sperrigen KBAC – „Kwas". Das klingt schon besser. Der Kwas ist eine Art Nationalgetränk in Russland – dafür aber außerhalb des Landes so gut wie unbekannt.


Russian Soda aus dem hessischen Bad Homburg

 „Ich selber bin auf Kwas in Kiew aufmerksam geworden, wo ich drei Jahre das Büro der Kreditanstalt für Wiederaufbau geleitet habe. Im Sommer gibt es schlichtweg nichts Besseres als einen frischen Kwas!", sagt Christian Dörner, Geschäftsführer der KBAC GmbH, dem Getränkeproduzenten aus dem hessischen Bad Homburg. Nach seiner Rückkehr hat Dörner beschlossen, die Kwas-Produktion für den deutschen Markt selber in die Hand zu nehmen. „Warum Kwas nicht schon früher nach Deutschland rübergeschwappt ist, ist mir bis heute unerklärlich. Tatsache ist jedoch, dass wir die ersten Produzenten auf dem deutschen Markt sind – abgesehen von den für die russischen Läden bestimmten Ausmischungen", sagt der Unternehmer, der das russische Urgetränk seit Mitte 2012 in Deutschlandbraut.

In Russland hat das braune, prickelnde Erfrischungsgetränk, das leicht an Malzbier mit zitronigem Beigeschmack erinnert, eine jahrhundertalte Tradition. Kwas wurde erstmals im Jahr 
989 urkundlich erwähnt als „saurer Trank" oder „Gegorenes". Die Slawen bereiteten das leicht alkoholische Getränk aus Malz und Roggenmehl zu, das man gerne während der Festtage genoss. Bis heute bedeutet daherin der sorbischen Sprache Kwas nichts anderes als „Festmahlzeit".

In der Sowjetunion produzierte man meistens alkoholfreien Kwas, der im Sommer aus unzähligen mobilen Tankwagen direkt auf den Straßen verkauft wurde. Zu Hause kann man das Getränk selbst brauen – mithilfe von fertigem Kwas-Gärstoff und einfachen Zutaten: Roggenbrot, Wasser und Zucker. Einige Liebhaber geben Rosinen dazu, die angeblich die Konsistenz etwas prickelnder machten,obwohl diese Zutat den Altslawen offensichtlich nicht bekannt war.

In Coca-Cola-freien Sowjetzeiten war Kwas mit seinem Geschmack des prickelnden Roggenbrots ein erfrischender Ersatz für industrielle Softdrinks.

Sogar eine kalte Suppe lässt sich aus Kwas herstellen: Dazu werden fein gehackte, frische Gurken, ein gekochtes Ei, Radieschen, eine Frühlingszwiebel und Dill in eine Schale mit kaltem Kwas gegeben. Diese Okroschka (wörtlich „das Gehackte") schreckt Ausländer mit ihrer braun-grünen Farbe ab, ist aber im russischen Sommer bis zum heutigen Tag genauso beliebt und erfrischend wie Gazpacho in Spanien. In Russland gibt es noch immer Dutzende Großhersteller von Kwas, die das Getränk zumeist alkoholfrei herstellen. Kleineren Brauereien produzieren es auch mit Alkohol.

Kein Wunder, dass die in Europa lebenden Russen das seit ihrer Kindheit genossene Getränk vermissen. Nur in den „Russischen Läden" konnte man bisher Kwas kaufen – neben traditionellem Gebäck oder Fertigwaren. Die an andere Softdrinks gewöhnten Deutschen haben noch keinen Geschmack für das „kommunistische Cola" entwickelt.

„Unsere Vision ist es, den deutschen Konsumenten endlich – mit vielen Jahrhunderten Verspätung – seine Liebe zu Kwas entdecken zu lassen. Insofern verkaufen wir unseren Kwas bislang auch überhaupt nicht in russischen Geschäften, sondern haben Design und Vetrieb auf eine deutsche Klientel ausgerichtet. Aber natürlich freuen wir uns umso mehr über jeden russischen Konsumenten, der zu unserem Kwas greift", sagt Christian Dörner.

Christian Dorner: Unsere Vision ist es, den deutschen Konsumenten seine Liebe zu Kwas entdecken zu lassen. Foto: Pressebild

Fast ausschließlich wird Dörners Kwas – oder KVASS, wie das Unternehmen sein Produkt nennt – im Moment noch über die großstädtische Szenegastronomie in Berlin, Hamburg und Köln verkauft. „Auf diese Weise können wir innovative Kundensegmente erreichen, die gerne auch einmal neue Geschmacksrichtungen ausprobieren und damit aktuelle Trends setzen", sagt Dörner.

Der Geschmack des in Deutschland gebrauten Kwas unterscheidet sich leicht von dem russischen Original. Die Roggennote ist nicht so stark ausgeprägt, sogar die Farbe ist heller. „Für den ‚deutschen' Kwas habe ich zusammen mit der Brauuniversität in Weihenstephan eine eigene Rezeptur entwickelt und lasse in einer kleinen Familienbrauerei bei Nürnberg produzieren", erklärt Dörner. „Unser Kwas schmeckt sicherlich etwas anders als das russische Original. Es ist deutlich weniger süß und auch weniger ‚brotig' aufgrund des geringeren Anteils an Roggenmalz. Insofern

sind viele Russen im ersten Augenblick überrascht, wenn sie es probieren. Manche erinnert es auch an ein echt hausgemachtes Getränk. Das ist insofern nicht verwunderlich, als unser Kwas noch handwerklich gebraut wird", so Dörner. Viele andere Kwas-Produzenten verwendeten hingegen lediglich ein vorgefertigtes Konzentrat, das mit Wasser verdünnt werde, bedauert der Unternehmer.

Ob die deutschen Kunden das russische Getränk auf Dauer konsumieren werden, ist noch nicht klar. Im letzten Jahr hat das Unternehmen 100 000 Flaschen verkauft, „aber das war nur ein Testlauf", so Dörner. Für das Jahr 2014 wünscht sich das Unternehmen einen Absatz von einer Million, was vielleicht ein allzu ehrgeiziges Ziel ist. Denn das Geschäft bleibt sehr saisonal: Jetzt im Winter vertreibtdie KBAC GmbH ihr Kwas nicht über den Getränkegroßhandel, sondern vor allem über Amazon, kistenweise und 
mit der Lieferung direkt an die Haustür.

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