Internethandel in Russland vor neuen Herausforderungen

Neue Zollregularien und Zustellungsverfahren könnten den Online-Einkauf für Russen erschweren. Foto: Getty Images / Fotobank

Neue Zollregularien und Zustellungsverfahren könnten den Online-Einkauf für Russen erschweren. Foto: Getty Images / Fotobank

Die Behörden Russlands versuchen, Ordnung in dem rasant wachsenden Markt des Internethandels zu bringen. Bereits die erste durchgeführte Maßnahme führte jedoch dazu, dass DHL und UPS unlängst ihre Weigerung verkündeten, in Zukunft Online-Bestellungen an Privatkunden in Russland auszuliefern.

Die Vorgeschichte

Der russische Onlinehandel ist seit Beginn des laufenden Jahres aufgerüttelt — und zwar seitdem der Föderale Zolldienst neue Regeln zur Abfertigung von im Internet bestellten Sendungen verabschiedet hat. So wird inzwischen gefordert, Bestellungen unbedingt an die Meldeadresse des Käufers zu senden und die Bezahlung ausschließlich über die Geldkarte des Kunden abzuwickeln. Zur Bestätigung muss ein Auszug des Bankkontos vorgelegt werden, aus dem ersichtlich ist, dass die Zahlung auch wirklich an den angegebenen Händler erfolgt ist.

Außerdem muss nunmehr ein Foto der Ware, das Original des Dienstleistungsvertrages zur Zollabfertigung und eine Kopie der Geldkarte vorgelegt werden. Alle Unstimmigkeiten sind in Schriftform zu begründen.

Als Antwort auf diese neuen Anforderungen haben die größten Expressversand-Unternehmen auf dem russischen Markt – die ausländischen Firmen DHL, DPN, UPS und TNT und die russischen Firmen Pony-Express und SPSR – erklärt, dass sie die Zustellung von Online-Bestellungen an Privatkunden nach Russland einstellen werden.

Unmittelbar nachdem der Zolldienst sie zu einer Besprechung einlud, einigten sich die Seiten auf ein vereinfachtes Verfahren zur Abfertigungen von Warensendungen nach dem Einheitlichen Register. Die Spediteure versprachen, den Lieferverkehr in allernächster Zeit wieder aufzunehmen.

Eine weitere Neuerung, die gegenwärtig noch diskutiert wird, könnte sich direkt auf die Verbraucher auswirken – vor allem auf jene, die über das Internet sehr viele Waren, insbesondere hochwertige Technik, kaufen. Das Finanzministerium schlug vor, die Freigrenze für zollfreie Warensendungen herabzusetzen. Gegenwärtig beträgt dieser Wert 1 000 Euro pro Monat bei einem Gewicht bis 31 Kilogramm. Für alles, was teurer oder schwerer ist, muss der Verbraucher Zollgebühren entrichten.

Der neue Vorschlag sieht eine Freigrenze von 150 bis 200 Euro pro Sendung bei einem Gewicht von höchstens zehn Kilogramm vor. Für alles, was teurer oder schwerer ist, fällt eine Einfuhrsteuer in Höhe von 30 Prozent an.

 

Die Meinung der Verbraucher

„Vor allem kaufe ich Kleidung und Accessoires für durchschnittlich knapp 500 Euro, bevorzugt auf britischen Internetseiten, die eine Lieferung per Kurierdienst anbieten. Ich habe vor, auch weiterhin meine Einkäufe über das Internet zu erledigen. Allerdings wird die Gesamtsumme jetzt geringer ausfallen, damit ich keinen Einfuhrzoll zahlen muss."

Darja, 22 Jahre, PR-Managerin

„Ich habe das Gefühl, dass sich sehr schnell ein Ausweg aus dieser Situation finden lassen wird. Vielleicht, indem die Bestellung in mehrere Lieferungen aufgeteilt oder irgendwie anders deklariert wird."

Kyrill, 28 Jahre, Journalist

„Ich werde nicht weniger bestellen. Ich muss mir halt einfach etwas einfallen lassen, wie man dieses barbarische Gesetz umgehen kann. Zum Beispiel könnte man in Europa bestellen und die Waren selbst abholen. Es gibt Lieferdienste oder auch Bekannte, die das dann als Privatsendung verschicken können."

Maxim, 27 Jahre, Fachmann für Internetmedien

 

Die Hintergründe

Nach Informationen einer Quelle von Russland HEUTE im Ministerium für Wirtschaftsentwicklung der Russischen Föderation hofft die Behörde durch die Neuregelung Zusatzeinnahmen in Höhe von 600 bis 800 Millionen Euro generieren zu können.

„Die Absenkung des Limits für die steuerfreie Einfuhr wird sich langfristig positiv auf die Wirtschaft auswirken", erklärt Ilja Kirik, Generaldirektor des

russischen Internet-Ladens Shopping Live. So hätten die Russen im vergangenen Jahr Online-Warensendungen im Gesamtwert von drei Milliarden Euro aus dem Ausland bezogen. „Das ist Geld, das auf dem Binnenmarkt ausgegeben hätte werden können: Der russische Staatshaushalt erhält von diesem Geld keine Steuern, die russischen Einzelhändler haben dadurch einen geringeren Umsatz", ist sich Kirik sicher. Seiner Meinung nach wirkt sich das Herabsenken der Freigrenze positiv auf die Entwicklung eines transparenten Wettbewerbs auf dem Markt aus.

Was die ausländischen Internet-Shops beträfe, so seien diese wohl kaum ernsthaft über den Verlust der russischen Kunden besorgt, glaubt Alexander Iwanow. „Wir befinden uns nicht in der Top-10 der Abnehmerländer", so der Experte.

Was die Einzelhändler angeht, unterstreicht der Experte, seien sie diejenigen, die am meisten von einem geringeren Entwicklungstempo des Onlinehandels profitieren würden. „Wir haben keine eigenen Produzenten, dafür aber Unmengen Zwischenhändler", erzählt Alexander Iwanow. „Die Einzelhändler entwickeln sich aktiv und gehen in die Regionen, weshalb das Abwandern von Kunden in den Onlinehandel für sie von Nachteil ist."

 

Der Markt erhebt sich

Die größte Gefahr für den Markt des Internethandels mit Produkten aus dem Ausland ist aber nicht etwa die Einführung der neuen Steuerregeln und

noch nicht einmal die Weigerung der Express-Versandunternehmen, in Zukunft Waren nach Russland zu befördern.

Die internationalen Dienste decken gerade einmal ein Prozent des Versandhandels in Russland ab, der Löwenanteil entfällt mit 95 Prozent auf Potschta Rossii – die Post Russlands – und die restlichen vier Prozent auf diverse russische Kurierdienste.

Viel problematischer sei die Unvorhersehbarkeit der Regeln zur Abwicklung privater Käufe, erzählt Boris Owtschinnikow. „Eine zu große Zahl vorzuweisender Dokumente in Verbindung mit Schlangen an den Zollpunkten wird den Markt der ausländischen Online-Bestellungen gegen null fahren lassen", warnt der Experte, denn im Ausland werden Warensendungen nicht individuell, sondern nach einem Gesamtregister verzollt.

 

Nach Angaben der Marktforschungsagentur Data Insight zeigt der russische Markt für Internethandel ein stabiles Wachstum. Im vergangenen Jahr wuchs er um 25 Prozent.

Der Umsatz der russischen Internet-Shops betrug mehr als zehn Milliarden Euro – einschließlich Flug- und Eisenbahntickets –, der internationale Handel generierte 1,8 bis 2,2 Milliarden Euro. Die Vergrößerung der Kundenbasis ist dabei der Hauptgrund für das starke Wachstum.