Turbulenzen an den russischen Handelsplätzen

Russische und internationale Börsen zeigen scharfe Reaktionen auf die Situation um die Krim. Foto: Maxim Blinow/RIA Novosti

Russische und internationale Börsen zeigen scharfe Reaktionen auf die Situation um die Krim. Foto: Maxim Blinow/RIA Novosti

Die Einmischung Russlands in ukrainische Angelegenheiten hat bereits zu einem heftigen Absturz der Aktienkurse russischer Unternehmen und zu einer Verbilligung des Rubels geführt. Die Androhung von Sanktionen durch den Westen sorgt für zusätzliche Belastung an den Börsen.

Die Genehmigung für den Einmarsch von Truppen in die Ukraine, die der Föderationsrat dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am vergangenen Wochenende erteilte, hat an den Börsen weltweit zu heftigen Reaktionen geführt. Investoren sehen die Gefahr einer Verschärfung des Konflikts, in den nach und nach auch die Westmächte hineingezogen werden. Im Ergebnis fiel der DAX in Frankfurt tagsüber um 2,5 Prozent und der Nikkei in Tokio um 1,3 Prozent. Die größten Abschläge musste am Montag jedoch erwartungsgemäß der russische Wertpapiermarkt hinnehmen. Um 16.30 Uhr Moskauer Zeit lag der MICEX mit 12,5 Prozent im Minus und der RTS stürzte um 14 Prozent ab.

Der Börsenhandel begann mit einem schwächeren Rubel. Der Kurs der europäischen Einheitswährung Euro kletterte erstmals über 50 Rubel, und der offizielle Kurs des Dollars zum Rubel notierte laut Festsetzung durch die Bank Russlands am 4. März 2014 bei 36,38 Rubel/US-Dollar, ein Anstieg um fast 20 Kopeken. Die Schwelle von 36,30 Rubel hatte der Kurs des US-Dollars zum letzten Mal am 7. Februar 2009 überschritten.

Eine der ersten Schutzmaßnahmen der Russischen Zentralbank war die „temporäre" Anhebung des Leitzinses von 5,5 Prozent auf sieben Prozent, die laut Erklärung „zur Vermeidung von Inflationsrisiken und zur Sicherung der finanziellen Stabilität" erfolgte. Wie Konstantin Buschujew, Leiter für Marktanalyse der Brokergesellschaft Otkrytije erklärte, schütze diese Maßnahme den Markt vor dem Absturz und vor verstärktem Kapitalabfluss.

Eine Prognose dazu, wie lange dieser „Schutzschild" der Zentralbank die Märkte über Wasser halten wird, ist schwierig. Am vergangenen Wochenende überschlugen sich die Ereignisse um die Ukraine, sodass die meisten der befragten Analysten keinerlei Prognosen zur Entwicklung der Marktdynamik in nächster Zeit geben wollten. Viele Fachleute vergleichen die derzeitige Situation mit den Ereignissen vom August 2008, als Russland die Operation zur Erzwingung eines Friedens in Südossetien einleitete. Damals fiel der MICEX am Morgen nach dem Einmarsch der russischen Truppen um mehr als fünf Prozent, der RTS sogar um 6,5 Prozent.

Auch andere Analysten vergleichen die derzeitige Situation rund um die Krim mit dem Krieg in Georgien. Wie der Leiter des Zentrums für militärische Prognosen Anatoli Zyganok RBK gegenüber Russland HEUTE erklärte, werden die Kosten des Militäreinsatzes auf der Halbinsel mit denen des fünftägigen Georgien-Konflikts vom 8. bis 12. August 2008

vergleichbar sein. Nach Berechnungen des Zentrums für strategische und technologische Analysen kostete Russland der Frieden in Südossetien 12,5 Milliarden Rubel, rund 300 Millionen Euro zum damaligen Kurs. Dieser Vergleich gilt jedoch nur, wenn es zu echten Kriegshandlungen kommt, was jedoch eher unwahrscheinlich ist. Neben den militärischen Kosten ist Moskau außerdem bereit, der Krim, die nicht über ausreichende Mittel für die Bezahlung ihrer Beamten verfügt, finanzielle Unterstützung zu leisten.

Ein weiterer Faktor, der den Investoren Sorgen bereitet, ist der Druck, den die Europäische Union und die USA auf Russland ausüben. Sie drohen Moskau sowohl mit politischen als auch mit wirtschaftlichen Sanktionen. Ein Szenario wäre folglich der Ausschluss aus der G-8-Gruppe, ein weiteres die Verschlechterung der Handelsbeziehungen durch Zollauflagen oder Boykotte. Europa ist in seinen Aussagen übrigens weniger kategorisch als Washington und möchte die Handelsbeziehungen mit einem seiner wichtigsten Partner nicht aufs Spiel setzen. Schließlich ist Russland, dem Exportvolumen nach, der drittwichtigste Handelspartner für die EU nach den USA und China. Außerdem ist Russland der wichtigste Energielieferant für Europa. Die derzeitige Krise sorgt unter den Europäern für Nervosität, da man nicht weiß, ob kontinuierliche Gaslieferungen gewährleistet sind.

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