Russland und die Ukraine: Krach in der Wirtschaft vorprogrammiert

Foto: ITAR-TASS

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Der Transit von Gas, die Verflechtungen im Rüstungssektor und der Wettbewerb auf dem Agrarsektor stellen nach Auffassung von Wirtschaftswissenschaftler Alexej Skopin die potentiellen Konfliktfelder in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Russland und der Ukraine dar.

Die beiden Länder stellen bereits seit dem 9. Jahrhundert u. Z. eine Einheit dar, zuerst mit Kiew (882 bis 1240), danach mit Moskau (von 1613 bis in die Gegenwart) als Hauptstadt. Da die ausgedehnten Ebenen der Region die ungehinderte Migration und Vermischung der Völker ermöglichten, ist die genetische Verwandtschaft der Ukrainer und Russen so groß, dass sie sich nur durch ihre Sprache und einige unbedeutende kulturelle Eigenheiten unterscheiden. Vor allem trifft das auf den Osten der Ukraine und die südwestlichen Regionen Russlands zu, in denen die Vermischung besonders intensiv war.

Zusammen mit der genetischen Vermischung erfolgte auch die wirtschaftliche und politische Verflechtung der Regionen. Die wirtschaftliche Profilierung im Osten der Ukraine und im Südwesten Russlands ist praktisch identisch. Schwerpunkte sind jeweils die Leicht- und Lebensmittelindustrie, die Metallurgie und der Maschinenbau. In der Landwirtschaft dominiert die Produktion von Zucker, Fleisch und Gemüse sowie von Getreide. In der Epoche der Industrialisierung der Sowjetunion, als jede Region eine bestimmte Spezialisierung innerhalb des Landes zuordnet bekam, wurde der Südosten der Ukraine zum führenden Industriezentrum im europäischen Teil der Sowjetunion, in dem sich die modernsten Maschinenbau- und Chemiebetriebe des Landes konzentrierten, wobei sie sich nicht nur mit der Zivil-, sondern auch mit der Verteidigungsproduktion des Landes beschäftigten.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion führte zur Notwendigkeit, drei Grundprobleme der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu lösen: Erstens, den Transit von Erdgas aus Russland in die Europäische Union durch das Territorium der Ukraine; zweitens die Aufrechterhaltung technologischer Kontakte zwischen Maschinenbaubetrieben der Ukraine und Russlands (vor allem im Raketen- und Weltraum-Komplex sowie in der Verteidigungsindustrie) sowie drittens den Wettbewerb zwischen den beiden Ländern im Agrarsektor und auf dem globalen Rüstungsmarkt.

Das erste Problem: die Durchleitung des russischen Gases. Die gegenwärtige Ukraine verdient damit etwa vier Milliarden US-Dollar pro Jahr. Außerdem gestattet die Monopolstellung auf dem Gebiet des Transits (80 %) der Ukraine, mit Russland über Rabatte für den Preis des Gases zur Deckung des eigenen Bedarfs zu verhandeln. Bislang zahlt die Ukraine 50 bis 70% des Gaspreises, der von den westeuropäischen Abnehmern verlangt wird. Betrachtet man den enormen Verbrauch (50 bis 60 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr), stellen diese Rabatte eine enorme Einnahmequelle für die Ukraine dar. Außer den wirtschaftlichen Einnahmen genießt die Ukraine auch politische Vorteile vonseiten der Europäischen Union, da sie die Politik Russlands beeinflussen kann, indem sie für Schwierigkeiten bei der Durchleitung des russischen Gases nach Europa

sorgen und damit Russlands Position bei den Preisverhandlungen über Gaslieferungen an die europäischen Verbraucher schwächen kann.

Das zweite Problem besteht darin, dass die Maschinenbaubetriebe der Ukraine technologisch mit den Betrieben Russlands sehr eng verknüpft sind und viele außerordentlich wichtige Komponenten der russischen Raketen in der Ukraine gefertigt werden. Eine Reihe missglückter Raketenstarts erklären einige Experten mit der niedrigen Fertigungsqualität ukrainischer Betriebe.

Die Lösung der aufgezählten Probleme hängt im starken Maße von der politischen Führung in Kiew ab. Als Vertreter der Westukraine, wie Wiktor Juschtschenko, der von Januar 2005 bis Februar 2010 Präsident der Ukraine war, das Sagen hatten, verschärften sich die Probleme und sorgten bei Russland für signifikante Schwierigkeiten beim Gastransit und bei der Aufrechterhaltung der Verteidigungsindustrie. Als mit Wiktor Janukowitsch im Februar 2010 ein Vertreter der Ostukraine Präsident wurde, begann sich die Situation sowohl bei der Durchleitung des Gases als auch bei der Zusammenarbeit im Rüstungssektor zu normalisieren.

Die gegenwärtige Situation wurde durch die Konkurrenz zwischen Russland und den USA auf dem europäischen Gasmarkt hervorgerufen. Russland liefert 150 Milliarden Kubikmeter Gas zu Preisen zwischen 340 und 380 US-Dollar pro 1000 Kubikmeter. Die US-Amerikaner sind bereit, ihr Schiefergas oder ihre Kohle (als Alternative zum Erdgas) an die europäischen Kraftwerke zu Preisen von unter 300 US-Dollar pro 1000 Kubikmeter zu

verkaufen. Für Europa ist das vorteilhaft, aber zwischen Russland und Europa bestehen langfristige Lieferverträge. Außerdem hat Europa sich selbst sehr hehre Ziele im Kampf gegen die globale Erwärmung gesetzt und die Verwendung des russischen Gases ist in diesem Zusammenhang die vorteilhaftere Variante. Wenn aber die sich formierende „prowestliche" Regierung in Kiew erneut Probleme bei der Durchleitung des russischen Gases bereiten sollte, kann die zunehmende Unbeständigkeit der russischen Brennstofflieferungen bei den US-amerikanischen Gas-Exporteuren die Chancen auf eine Belieferung des europäischen Marktes mit deren Schiefergas spürbar verbessern. Es ist absolut offensichtlich, dass Russland diese Situation nicht zufrieden stellen kann und das Land die notwendigen Maßnahmen ergreifen wird, um die Bedingungen für einen normalen Gastransit wieder herzustellen.

 

Alexej Skopin ist Professor am Lehrstuhl für Regionalwirtschaft und Wirtschaftsgeografie an der Moskauer Higher School of Economics.

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