Russischer Wein: Reif für Europa

Foto: Oleg Serdetschnikow

Foto: Oleg Serdetschnikow

Seit sowjetischen Zeiten hatten russische Weine einen schlechten Ruf. Heute jedoch wird in Russland qualitativ hochwertiger Wein erzeugt. Sommelier Artur Sarkissjan hat einen Weinführer geschrieben, um den russischen Wein nicht nur seinen Landsleuten näher zu bringen.

Wein ist in Russland kein besonders nachgefragtes Produkt, laut Rosstat beträgt sein Anteil an der Menge verkauften Alkohols nur 8,5 Prozent. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts WZIOM halten 43 Prozent der Russen Wein gar für ungesund. Russlands Winzer möchten Aufklärungsarbeit leisten und das Image des russischen Weins verbessern. Der Weinkenner und Sommelier Artur Sarkissjan hat jetzt einen russischen Weinführer verfasst. Das Handbuch ist in russischer und englischer Sprache in Printform und in elektronischer Version erhältlich.  

Sarkissjan betont, dass diese Weinliste seine ganz persönliche Auswahl ist. Alle Proben haben eine zweifache Verkostung durchlaufen. Die Verkostung

fand bei den Winzern vor Ort statt, auch das verkaufsfertig abgefüllte Produkt wurde getestet. In den Guide aufgenommen wurden Erzeugnisse von vierzehn Weingütern aus der Don-Ebene und aus fünf Regionen des Kuban-Gebiets im Nordkaukasus. Auf den ersten Blick mögen diese Zahlen nicht besonders hoch erscheinen. Der Wert vieler Proben aber liegt  in ihrer Einzigartigkeit. Es werden nur autochthone, also nur in ihrem Gebiet heimische, Rebsorten verwendet. Einen solchen Wein kann man also an keinem anderen Ort der Welt kosten. Das etwa trifft auf die Weinsorte Krasnotop Solotowski der Weinkelterei Wedernikow zu.



Empfehlungen und Geheimtipps

Sarkissjan gibt zusätzlich Empfehlungen, zu welcher Mahlzeit die Weine passen. Ein Saperawi von Fanagoria zum Beispiel ist eine hervorragende Ergänzung zu Fleisch, ein Riesling von Arbau-Durso empfiehlt sich zu Fisch, ein Zimljanski Grand Reserve sollte man zu Wild reichen. Das Potenzial von Käse entfaltet sich insbesondere in Kombination mit einem Renaissance der Winzerei Rajewskoje, ein Fagotin von Chateau Le Grand Vostock passt gut zum Dessert, einen Ligurija Reserve empfiehlt der Autor zu Austern.

Der Guide enthüllt aber auch Geheimtipps, wie die „Garagen-Winzer“, sehr

kleine Weinbauern vor allem im Süden Russlands. Sie produzieren mit etwa 0,05 Prozent eine winzige Menge des gesamten Weinvolumens, werden aber wegen ihrer Experimentierfreudigkeit von Weinkennern hoch geschätzt.          

Eine Tour durch Russlands Süden ist nicht nur wegen der Verkostungen, ob nun auf den großen Weingütern oder bei den Garagen-Winzern, interessant. Auch historisch haben die Weinbauregionen einiges zu bieten. Einige große Anbaugebiete wie zum Beispiel Fanagoria liegen in unmittelbarer Nähe archäologischer Ausgrabungsstätten. Fanagoria war in der Antike eine große griechische Kolonie und bedeutende Handelsstadt. Die Weine aus Zimljansk erwähnt bereits der berühmte russische Nationaldichter Alexander Puschkin in seinen Werken. In Abrau-Durso, heute noch die größte Schaumweinkellerei Russlands, wird seit Beginn der 1870er-Jahre Sekt hergestellt, der als Lieblingssekt von Zar  Nikolaus II gilt.

Wein hatte bisher keinen guten Ruf in Russland, das soll sich nun ändern. Die russische Weinindustrie arbeitet an der Einführung von gesetzlich geschützten Gütesiegeln nach internationalem Vorbild. Die meisten in Sarkissjans Guide empfohlenen Weine werden als „Weine mit geschützter geografischer Angabe“ geführt. Diese Charakterisierung soll der europäischen Herkunftsbezeichnung IGP, „Indication géographique

protégée“ entsprechen, mit der Landwein bezeichnet wird. Eine noch höhere Qualität haben Weine der Kategorie „Wein mit geschützter Herkunftsbezeichnung“ – entsprechend der europäischen AOP, „Appelation d'origine protégée“. Das Gütesiegel unterliegt strengen Vorgaben, die in Russland gerade ausgearbeitet werden.

Diese Angaben sollen dem Verbraucher helfen, die Qualität des Weins einzuordnen, und definieren außerdem die Kriterien, unter denen ein Wein hergestellt wurde. Dadurch soll eine Qualitätssteigerung erreicht werden.



Großes Potential für weltweiten Erfolg         

Nach Angaben des Verbands der Weinbauer und Kelter Russlands liegt das Verhältnis heimischer und ausländischer Weine in den russischen Geschäften noch bei sieben zu drei. Die Hälfte des „russischen“ Weins jedoch wird nur in Russland ausgeschenkt. Russische Trauben decken etwa 30 Prozent des Bedarfs der russischen Kelterei.

Zunächst soll nun der russische Markt erobert werden. In den Export gehen zurzeit nur kleine Mengen von großen Weinbauern, und das wohl eher zu Werbezwecken. Abrau-Durso zum Beispiel führt nur etwa 150 000

Flaschen Sekt und Perlwein aus, das sind weniger als ein Prozent der in Russland verkauften Ware. Die Weine von Abrau-Durso bekommt man in Großbritannien, Ungarn, Dänemark, im Baltikum, in Israel und den Ländern der Zollunion sowie in den Republiken der ehemaligen UdSSR. Zimpljanskije Wina exportiert ungefähr 120 000 Flaschen in das nähere Ausland, nach Litauen, Kasachstan, Polen und in die Ukraine. In geringfügiger Menge führt Fanagoria seine Produkte nach Japan und in die USA aus.

Zwar glauben 25 Prozent der Russen nicht, dass sich der Weinanbau in Russland etablieren wird, doch Pawel Titow, Vorsitzender des Direktorenrats der Unternehmensgruppe Abrau-Durso hat dennoch ein ehrgeiziges Ziel: „Uns liegt sehr viel daran, dass russischer Wein ein weltweit anerkanntes Markenzeichen wird. Russische Weine haben das Potenzial, später einmal mit Weinen aus der ‚alten‘ und der ‚neuen‘ Welt zu konkurrieren.“ Und auch Weinexperte Artur Sarkissjan blickt optimistisch in die Zukunft des russischen Weinbaus: „In drei bis fünf Jahren wird der zurzeit angebaute Wein eine reiche Ernte bringen. Dann wird  die russische Winzerei boomen.“

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