Russland setzt auf Billigflieger

Das russische Verkehrsministerium schafft Startbedingungen für die Einführung von Billigfliegern. Foto: DPA/Vostock Photo

Das russische Verkehrsministerium schafft Startbedingungen für die Einführung von Billigfliegern. Foto: DPA/Vostock Photo

Das russische Verkehrsministerium hat einen Maßnahmenkatalog beschlossen, um in Russland die Einführung von Billigflügen zu unterstützen. Experten rechnen mit um bis zu 35 Prozent günstigeren Ticketpreisen.

Das russische Verkehrsministerium macht den Weg frei für Low-Cost-Carrier im Flugverkehr, den sogenannten Billigfluglinien. Ein erster Schritt ist ein Erlass zur Abschaffung der verpflichtenden Bordverpflegung. Außerdem ist die Einführung von One-Way-Tarifen geplant. Die Fluggesellschaften sollen zudem die Kosten für den Gepäcktransport aus dem Ticketpreis herausrechnen dürfen. Mögliche Verluste durch die Rückgabe von Tickets sollen zukünftig nicht mehr verpflichtend in die Kalkulation der Ticketpreise einfließen. Die Eurasische Wirtschaftskommission (EWK) hat kürzlich entschieden, dass russische Fluggesellschaften die aufgrund ihrer Beförderungskapazität zwischen 170 und 219 Passagieren wirtschaftlichsten Flugzeuge vom Typ Boeing 737 oder Airbus 320 zollfrei erwerben können.

 

Gute Bedingungen für den Start

Diese Maßnahmen sollen die Startbedingungen für die Einrichtung eines Billigflugsegments erleichtern und der russischen Luftfahrtbranche insgesamt Auftrieb verschaffen. Nach Angaben der international tätigen Unternehmensberatung A.T. Kearney werden in Europa 40 Prozent aller Inlandsflüge von Low-Cost-Carriern durchgeführt. In Russland hingegen beträgt der Anteil der preisgünstigen Flüge höchstens 20 Prozent. Bei dieser Angabe wurden bereits Sondertarife russischer Fluggesellschaften sowie Angebote von ausländischen Billigfliegern wie Germanwings und Air Berlin für innerrussische Flüge berücksichtigt. Russische Billigfluglinien sind auf dem Binnenmarkt derzeit nicht vertreten.

Die staatliche Fluggesellschaft Aeroflot hat vor, mit der Tochterfirma Dobrolet einer steigenden Nachfrage nach Billigflügen zu begegnen. Die ersten Flüge sind bereits für den Sommer 2014 auf der Route Moskau-Sankt Petersburg geplant. Danach sollen zehn weitere Strecken in ganz Russland bedient werden.

Der Maßnahmenkatalog des russischen Verkehrsministeriums ist jedoch nach Ansicht von Experten noch nicht umfangreich genug, um russische Low-Cost-Carrier dauerhaft am Markt zu etablieren. So weist Wladimir Kantorowitsch, Präsident der Vereinigung der russischen Reiseveranstalter (ATOR), darauf hin, dass die russischen Flughafengebühren wesentlich höher seien als die für Billigflieger in Europa. Allerdings ist bereits der Bau eines speziellen Flughafens für Billigflieger in Jermolino bei Moskau geplant.

Ein weiteres Problem des russischen Billigflieger-Segments könnte die schlecht entwickelte regionale Luftfahrt werden. Derzeit sind 80 Prozent der Flüge keine Direktflüge, sondern führen über Moskau und seine Großflughäfen mit ihren hohen Gebühren. Um eine Nische für die Billigflieger auf dem Binnenmarkt zu schaffen, reichen Änderungen an der Gesetzgebung nicht aus – es ist auch ein Ausbau des Luftverkehrsnetzes erforderlich.

 

Steigende Nachfrage nach sinkenden Preisen

Nach Einschätzung von Experten könnten die Ticketpreise um bis zu 35 Prozent sinken. „Die Selbstkosten der Fluggesellschaften pro Passagier sinken. Bereits die Einführung von One-Way-Tarifen verringert die Selbstkosten um 20 Prozent. Das gibt den Fluggesellschaften die Möglichkeit, diese Einsparungen an die Passagiere weiterzugeben und so günstige Tickets anzubieten", erklärt Oleg Pantelejew, Leiter des Analysedienstes der Agentur Aviaport.

Die Experten erwarten eine große Nachfrage nach Billigflügen. Neue Kundengruppen könnten erschlossen werden und Kunden des Hauptkonkurrenten, der Eisenbahn, abgeworben werden. Der Bedarf an Billigfliegern ist auf dem russischen Markt jedenfalls vorhanden. Die Einkommen der russischen Bevölkerung steigen kontinuierlich. Im Jahr 2013 gab es laut Angaben der russischen Statistikbehörde Rosstat eine

Einkommenssteigerung von 3,3 Prozent. Das monatliche Durchschnittseinkommen stieg um 12,3 Prozent auf 29 940 Rubel (etwa 600 Euro). Damit bleibt nach Begleichung der Lebenshaltungskosten bei einigen Leuten noch Geld übrig, das für Reisen ausgegeben werden könnte. Mögliche Kunden für ein Billigflugangebot sieht der Vertreter der Reiseveranstalter Wladimir Kantorowitsch bei jungen Individualreisenden: „Billigflieger werden vor allem von jungen Leuten, den Rucksacktouristen, genutzt."

Auch für internationale Flüge gibt es eine steigende Nachfrage nach Billigflugangeboten, nach Aussage von Oleg Pantelejew sowohl unter der russischen Bevölkerung als auch unter ausländischen Fluggästen. „Ob es den russischen Billigfliegern jedoch gelingen wird, sich auch im internationalen Luftraum zu behaupten, lässt sich erst dann prognostizieren, wenn die Ergebnisse für die Inlandsflüge bekannt sind", ist der Fachmann überzeugt. Nach den bestehenden Vorschriften darf zudem jede neu gegründete russische Fluggesellschaft zwei Jahre lang erst einmal nur innerhalb Russlands fliegen.

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