Amerikanisches Gas ist keine schnelle Option für die EU

Foto: Shutterstock/Legion Media

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Ein schneller Umstieg auf den neuen Gaslieferanten USA ist nicht möglich, meint der Analyst Sergej Wachramejew. Die Binnennachfrage der USA, der Weltmarktpreis und die Logistik seien Herausforderungen, die den Europäern den Anbieterwechsel erschweren.

„Wir sind bereit, jeden Tag so viel Gas zu exportieren, wie die Europäische Union an jedem Tag verbraucht", kündigte der US-Präsident Barack Obama nach dem USA-EU-Gipfel am 26. März in Brüssel an. Die USA sind also bereit, Gas nach Europa zu exportieren, um es von der Abhängigkeit von russischem Gas zu befreien. Experten sind sich allerdings einig, dass diese großen Worte kaum in der Praxis umzusetzen seien. Zumindest in der nächsten Zukunft werde es den USA nicht gelingen, die Position von Gazprom in Europa einzunehmen. Obama betonte jedoch, dass weitere mögliche Sanktionen gegen Russland auf den Energiebereich konzentriert werden sollten. „Europa soll schauen, wie es seine Energielieferanten noch umfangreicher diversifizieren kann", unterstrich der US-amerikanische Präsident.

„Das sind große Worte", kommentiert der Analyst Sergej Wachramejew von der Investmentgesellschaft Ancor Invest gegenüber der Wirtschaftszeitung „Wsgljad". Dem Analysten zufolge gibt es mehrere Fakten, die gegen eine baldige Realisierung – zumindest in den nächsten Jahrzehnten – von Obamas Drohung sprechen.

 

Aufbau eines Atlantik-Gashandels dauert Jahre

Um Flüssigerdgas, die englische Abkürzung ist LNG (liquefied natural gas), aus Amerika nach Europa zu exportieren, bedarf es nicht nur der Liberalisierung der Gasexporte, sondern auch weiterer LNG-Terminals, die in den USA und in Europa entstehen müssten. Seit 2011 genehmigten die USA nur sechs Anträge für den Bau von LNG-Exportterminals. Unter anderem wurde der Bau des Terminals des Unternehmens Cheniere Energy Partners in Louisiana und des Terminals Freeport in Texas gebilligt. 25 Projekte sind bislang nicht akzeptiert worden, das heißt, dass nur jeder sechste Antrag durchkam.

Doch auch die genehmigten Terminals müssen erst gebaut werden. Das erste LNG-Exportterminal wird Ende 2015 fertig sein. Dies bedeutet, dass die ersten Gaslieferungen aus den USA nicht früher als 2016 exportiert werden können. Die genehmigten Bauprojekte werden schrittweise bis zum Jahr 2020 den Betrieb aufnehmen. Die Gesamtkapazität der geplanten Terminals, die bis 2020 ihren Betrieb aufnehmen werden, beträgt 118 Milliarden Kubikmeter Erdgas.

Auch wenn die USA die gesamten 118 Milliarden Kubikmeter Erdgas direkt

nach Europa einführen würden, könnten sich die europäischen Länder trotzdem von der Abhängigkeit von russischem Gas nicht lösen. Berechnungen des Analysten Wachramejew zufolge lieferte Russland im Jahr 2012 rund 135 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Europa. „Auf so viel Erdgas auf einmal zu verzichten, ist nicht möglich", sagt er. Hinzu kommt, dass eine Lieferung noch etliche Jahre dauern würde.

Außerdem werde die USA nicht das gesamte angekündigte Volumen für Exporte verwenden, da es sonst für den eigenen Bedarf nicht reichen könnte, so der Experte weiter. Bis zum Jahr 2012 hatten die USA mehr Gas verbraucht, als sie selbst förderten. Im Jahr 2013 ist ein leichter Produktionsüberschuss zu verzeichnen: „Es ist aber nicht klar, wie lange die USA die europäischen Märkte mit Gas versorgen könnten", teilte der Generaldirektor des Unternehmens Info-TEK-Terminal und der führende Experte der Russischen Union von Erdölindustriellen Rustam Tankajew mit.

 

Asien ist profitabler

„Problematisch ist auch das Vorhaben, dass vorerst das US-amerikanische Export-Gas nicht nach Europa, sondern auf die asiatischen Märkte geliefert

werden soll. Dort sind die Nachfrage ähnlich groß, der Preis besser und die Logistik weiter entwickelt", meint Wachramejew.

Nach seinen Angaben belaufen sich die Gaspreise in Asien auf 8,70 Euro pro mmBTU, in Europa dagegen etwas weniger als 10,90 Euro pro mmBTU. Der Unterschied von zwei Euro bedeutet, dass 1 000 Kubikmeter Gas in Asien ungefähr 70 Euro mehr Erlös für den Exporteur bringen.

„Es kann sein, dass das amerikanische Gas zunächst nach Asien verkauft wird. Wenn dort die Preise wegen des großen Angebots sinken, macht der Export nach Europa wirtschaftlich mehr Sinn", resümiert Wachramejew. „Dieser Prozess kann sich aber noch hinziehen", ergänzt der Experte.

 

Es fehlt an entsprechenden Pipelines

Auch wenn die USA alle oben erwähnten eigenen Voraussetzungen für LNG-Exporte nach Europa auf eine wundersame Weise erfüllen würden, könnten sie auf ein neues Problem stoßen: die fehlende Infrastruktur in Europa. Denn es fehlt ein Pipeline-Netz. Besonders heftig betrifft dieses

Problem die osteuropäischen Länder, die von den Gaslieferungen aus Russland am stärksten abhängen – Litauen beispielsweise hängt zu 100 Prozent von russischem Gas ab.

„Die USA könnten bereits Gas in die westeuropäischen Länder wie Spanien, Großbritannien und Frankreich exportieren, weil dort LNG-Terminals vorhanden sind. In Osteuropa dagegen ist die Infrastruktur begrenzt. Es gibt dort keine LNG-Terminals, um das verflüssigte Gas einzuführen, und es besteht auch keine Möglichkeit, amerikanisches Gas über Pipelines von Westeuropa nach Osteuropa zu liefern", erklärt Wachramejew der Zeitung „Wsgljad".

Zudem schlossen die europäischen Länder mit Gazprom Verträge für Gaslieferungen für die nächsten 20 Jahre ab: „Was werden sie mit den Verträgen tun? Sie brechen?", fragt sich Wachramejew. Natürlich könne die Abhängigkeit Europas von russischem Gas kontinuierlich sinken, aber nicht in raschem Tempo, fügt er hinzu.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Wsgljad.