Ukraine: Auf der Suche nach Gas

Die Gasversorgung der Ukraine entwickelt sich zum Wirtschaftskrimi. Foto: AP

Die Gasversorgung der Ukraine entwickelt sich zum Wirtschaftskrimi. Foto: AP

Deutschland hat Gaslieferungen an die Ukraine zugesagt. Derweil verhandelt die Ukraine noch mit der Slowakei – ein Wirtschaftskrimi: Die Slowakei liefert nur auf dem Papier, die Ukraine zapft das Gas schon vorher ab, ein Rückfluss aus der Slowakei in die Ukraine findet nicht statt. Dennoch will die Ukraine Durchleitungsgebühren bei Gazprom eintreiben – der Streit spitzt sich zu.

Nachdem Gazprom den Rabatt für Gaslieferungen für die Ukraine zurückgezogen hatte, stieg der Gaspreis für das Land auf 485 US-Dollar (350 Euro) für 1 000 Kubikmeter. Angesichts dieses Preises hoffen die ukrainischen Behörden auf Rücktransfers von Gas aus Europa. Sie planen, das russische Gas, das für europäische Verbraucher vorgesehen ist, abzukaufen. Gazprom konnte das bislang blockieren.

 

Deutschland liefert Gas

Wie das Energieministerium der Ukraine vermeldete, werde das Land 2014 lediglich 15 Milliarden Kubikmeter russisches Gas importieren, die restlichen, noch benötigten 35 Milliarden würden durch Rücktransfers aus Europa abgedeckt. Die Arbeiten an diesem Vorhaben wurden noch unter Wiktor Janukowitsch begonnen.

Der erste Deal wurde bereits geschlossen: Wie der deutsche Konzern RWE am Dienstag mitteilte, will er als erster europäischer Energieversorger in diesem Jahr mit Gaslieferungen an die Ukraine beginnen. Bereits im Jahr 2012 hatte die Ukraine einen Rücktransfer mit RWE vereinbart, dabei handelt es sich um Gas aus polnischen Lagerstätten. Letztes Jahr wurde Gas aus Ungarn rücktransferiert. Der Preis dafür war mit durchschnittlich 390 US-Dollar (280 Euro) für 1 000 Kubikmeter relativ hoch und rund 100 US-Dollar teurer als der Gaspreis mit dem russischen Rabatt, der Anfang 2014 noch bei 290 US-Dollar (210 Euro) gelegen hatte. Der Vertrag zwischen der Nationalen Aktiengesellschaft Naftogas und RWE sieht einen monatlichen Vertragsabschluss vor, in dem der Preis und der Umfang der jeweiligen Lieferungen für die vier Folgewochen geregelt werden. Dieser Preis ist faktisch gebunden an den europäischen Großhandelspreisen für Gas einschließlich Transportkosten. Der Vertrag erlaubt die Lieferung von bis zu zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr. RWE kündigte aber bereits an, dass die Liefermengen noch erhöht werden könnten.

 

Buchhalterische Tricks unter Hochdruck

Die Ukraine setzt derzeit auch große Hoffnungen in die Slowakei. Aus diesem Land kann nach Schätzungen des ukrainischen Energieministeriums bis zu 30 Milliarden Kubikmeter Gas zurück in die Ukraine geleitet werden. Technisch seien Umkehrlieferungen möglich, doch es werde praktisch wohl nicht dazu kommen, wie der Chefanalytiker von UFS IC, Ilja Balakirew, erklärt: „Dafür muss das Land, das bereit ist,

Umkehrlieferungen zu organisieren, einen lokalen Gasüberschuss haben. Wegen der Take-or-Pay-Verträge mit Gazprom, bei denen die Länder sich verpflichten, bestimmte Mengen abzunehmen, haben viele Länder einen solchen Überschuss."

Einen solchen Überschuss hat auch die Slowakei, doch Möglichkeiten für einen physischen Rücktransfer haben die slowakischen Behörden nicht. Dmitrij Baranow von Analysten Finam Management erklärt: „Die Slowakei hat keine zusätzlichen Gasleitungen, die eine Lieferung aus der Slowakei heraus ermöglichen würden. Die existierenden Pipelines sind voll mit russischem Gas, das gemäß dem vor einigen Jahren zwischen Gazprom und dem slowakischen Betreiber Eustream abgeschlossenen Vertrag geliefert wird."

Deshalb wird es wahrscheinlich um einen sogenannten virtuellen Rücktransfer gehen. Die Gasmessstation zeige, dass bestimmte Gasvolumen angeblich nach Europa geliefert werden, tatsächlich aber das Gas die Röhre früher verlässt, sagt Iwan Kapitonow von der Fakultät für staatliche Regulierung an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst beim Präsidenten Russlands (RANCHiGS). „So gibt es technisch keinen Rücktransfer, sondern eine Abschöpfung von Gas durch die Ukraine aus der russischen Leitung", sagt der Experte. Gazprom hätte das Recht, für den angeblichen Transit dieses Gases nicht zu zahlen, doch die Ukraine will diese Einkünfte nicht verlieren und nennt dieses Schema einen Rücktransfer, der allerdings nur als virtuell zu bezeichnen sei.

 

Bau der Umkehrpipeline eher unwahrscheinlich

Gasrücktransfers in die Ukraine aus der Slowakei waren noch im November 2013 auf Janukowitschs Initiative hin geplant, doch damals wurde die Entscheidung von Gazprom blockiert. Seitdem hat sich die Position der russischen Gesellschaft nicht verändert. Im Interview mit dem russischen Fernsehsender „Rossija24" im April 2014 zweifelte der Chef des Gaskonzerns Alexej Miller die Legitimität der Gasrücktransfers in die Ukraine an. Für Gazprom, so Analytiker Balakirew, wäre es effektiver, das Prinzip „take or pay" zu ändern und den Slowaken einen Rabatt zu gewähren, denn so würde der Rücktransfer für sie wirtschaftlich unattraktiv werden.

Die slowakische Gesellschaft Eustream verbreitete bereits die Meldung, dass Umkehrlieferungen von Gas in die Ukraine ohne das Einverständnis von Gazprom unmöglich seien. Dieselbe Sichtweise bestätigte auch der Außenminister der Slowakei Miroslav Lajčák in einem Interview mit der ukrainischen Zeitung „Delo". Ein Vertreter von Eustream erklärte der Agentur „Reuters", dass eine Umkehrung der Gaslieferungen durch die vier Gasleitungen, die den russischen Brennstoff in die Slowakei transportieren, gegen die Vertragsbedingungen mit Gazprom verstoßen würde. Mehr noch, seinen Worten zufolge ist ein Gasrücktransfer mit den Marktregelungen der Europäischen Kommission nicht vereinbar.

Außerdem müsse man für den physischen Rücktransfer die Transportinfrastruktur modernisieren, erklärte der Experte weiter. Eine mögliche, aber aufwendige Lösung wäre der Bau einer neuen Gasleitung

für reale Umkehrlieferungen. Eustream ist sogar bereit, in den Bau des Pipelineabschnitts für einen technischen Rücktransfer des Gases in die Ukraine zu investieren, doch dafür würde es 20 Millionen Euro brauchen, die die ukrainische Seite bisher nicht aufbringen kann. Die slowakische Seite wäre bereit, die Arbeiten zu bezahlen, wenn die Ukraine einen Kauf des Gases garantiere. Für mögliche Investoren in das Projekt besteht das Hauptrisiko somit darin, dass der Ukraine das Geld für die Bezahlung der Umkehrlieferung ausgehen könnte. Für den Stand zum 3. April 2014 beträgt die Schuldenlast für das von Naftogas gekaufte Erdgas an Gazprom nach Angaben des russischen Konzerns bereits 2,2 Milliarden Euro.

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