Russischer Rubel in der bayrischen Provinz

Sergey Martyanov: "In Deutschland  ist jeder Investor von außerhalb willkommen, aber niemand erwartet uns dort sehnsüchtig". Foto aus dem persönlichen Archiv

Sergey Martyanov: "In Deutschland ist jeder Investor von außerhalb willkommen, aber niemand erwartet uns dort sehnsüchtig". Foto aus dem persönlichen Archiv

Der IT-Spezialist Sergey Martyanov pendelt zwischen Jekaterinburg und Maxhütte-Haidhof bei Regensburg hin und her. Im Gespräch mit RBTH erzählt der Unternehmer, was ihn nach Deutschland führte und welche Erfahrungen er nach fünf Jahren in Bayern gemacht hat.

RBTH: Herr Martyanov, womit begann Ihr Abenteuer in Europa?

Sergey Martyanov: Mit einem Start-up für Studenten: Im vierten Semester haben mein Geschäftspartner und ich damit begonnen, ein Programm für umfassende Finanzanalysen zu entwickeln. Anfangs haben wir versucht, es in Russland zu vermarkten, bekamen aber immer wieder zu hören: „Ihr seid super, aber in Russland habt ihr keine Chancen." Da kamen wir auf den Gedanken, es mit dem europäischen Markt zu versuchen.

Warum fiel Ihre Wahl ausgerechnet auf Deutschland?

Es ist das Land mit der am besten entwickelten Wirtschaft, dem höchsten BIP in der Europäischen Union und mit einem stabilen Rechtssystem.

Sprechen Sie gut Deutsch?

Nicht so gut, wie erhofft. Aber ich verstehe viel und spreche schon ganz gut. In den ersten Jahren musste ich auf Englisch kommunizieren und mich mehr mit Gesten verständigen. Deutsch habe ich erst im sprachlichen Umfeld aus der Situation heraus gelernt.

Welche Unterschiede gibt es zwischen Deutschland und Russland im IT-Geschäft?

In Russland befassen sich höchstens zehn Top-Unternehmen mit der Entwicklung von Buchführungssoftware, während die Situation in Deutschland eher an ein Hauen und Stechen erinnert: Da gibt es an die 1 000 Kleinunternehmen, die 20 Jahre lang ihre Stammkundschaft in Kleinstädten und Gemeinden betreuen. Es ist schwierig, mit ihnen mitzuhalten, weil sie lokal und persönlich vernetzt arbeiten.

Hatten Sie als Ausländer Schwierigkeiten mit der Firmengründung in Deutschland?

Als 2006 das Unternehmen gegründet wurde, musste ein Investor, der eine Aufenthaltserlaubnis erhalten wollte, fünf Arbeitsplätze schaffen und 25 000 Euro Stammkapital einzahlen. Soviel ich weiß, wurden diese Einschränkungen inzwischen aufgehoben, dafür ist der Businessplan anspruchsvoller geworden – dieser ist notwendig, um Kredite und Förderung zu erhalten.

Warum haben Sie sich als Investor für das Land Bayern entschieden?

Als wir uns nach einem Standort für unser Projekt umgeschaut haben, sind wir auf der Suche nach Geschäftskontakten zu verschiedenen Messen gereist. Während der Cebit in Hannover haben wir Vertreter von Investmentagenturen aus Berlin und München kennengelernt. Die Bayern waren anschließend einfach schneller. Ich glaube, das Wirtschaftsministerium des Freistaates wollte gern experimentieren, um zu sehen, wie die Förderung von Investitionsprojekten bei Kleinunternehmen funktioniert. Zuvor hatte es immer nur mit Großunternehmen zu tun.

Welche Konditionen wurden Ihrem Unternehmen geboten?

Wir haben einen Businessplan entwickelt, den wir der IHK und dem Wirtschaftsministerium von Bayern vorgelegt haben. Die Deutschen haben ihn sehr gründlich unter die Lupe genommen – das Gutachten dauerte fast

ein Jahr. Wir haben damals keine Fördergelder für die Firmengründung beantragt und unsere eigenen Umsatzmittel mitgebracht. Heute, da das Unternehmen bereits in den schwarzen Zahlen ist, bin ich an einer staatlichen Förderung aber verstärkt interessiert. 2014 kommt auf uns die zweite Investitionsphase zu. Wir müssen dem Wirtschaftsministerium des Freistaats einen Zwischenbericht vorlegen, inwieweit unsere Geschäftstätigkeit der Entwicklung von Klein- und Mittelstandsunternehmen im Bundesland weitergeholfen hat. Des Weiteren müssen wir die Produktion vollständig nach Deutschland verlegen.

Wo laufen die Geschäfte leichter: in Deutschland oder in Russland?

In Russland ist es schwieriger, weil sich dort die Spielregeln und Gesetze ständig ändern. Trotdem sehe ich, dass meine russische Projekte nicht nur einbringlich sind, sondern auch das Umfeld zum Besseren verändern. In Deutschland ist es wesentlich leichter. Leider wird mir in Bayern nach drei Monaten immer etwas langweilig.

Und wie steht es mit der berüchtigten deutschen Bürokratie und Haarspalterei?

Oh ja! Sie hat ihre positiven wie negativen Seiten. In Russland herrscht zum Beispiel die Meinung, dass die Deutschen zu geradlinig sind. Wenn ihnen die Zielsetzung und die Aussichten eines Geschäfts unklar sind,

werden sie sich erst gar nicht darauf einlassen. Wenn sie sich aber für Sie als Geschäftspartner entschieden haben, werden sie auf Ihre Entscheidungen vertrauen und es ermöglicht sich eine lange Geschäftspartnerschaft.

Was würden Sie Investoren empfehlen, die den deutschen Markt zum ersten Mal ins Auge nehmen?

Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass jeder Investor von außerhalb willkommen ist, uns aber niemand dort sehnsüchtig erwartet. Die einzelnen Bundesländer sind lediglich an zusätzlichen Steuerquellen interessiert, werden aber in erster Linie ihre eigenen Unternehmen schützen und fördern – obwohl selbstverständlich eine Gleichstellung aller Investoren, was die staatliche Förderung anbetrifft, versprochen wird. Ich glaube, dass die russischen Investoren beim Einstieg in den europäischen Markt immer noch Hemmungen haben und verunsichert sind. Sie sollten aufhören, von Wirtschaftskrise, Korruption und Wettbewerbsunfähigkeit zu reden, sondern einfach arbeiten und an die Zukunft denken.

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