Wird das Trinkwasser auf der Krim knapp?

Die Ukraine hat die Wasserzufuhr für die Krim reduziert. Foto: Michail Woskresenskij/RIA Novosti

Die Ukraine hat die Wasserzufuhr für die Krim reduziert. Foto: Michail Woskresenskij/RIA Novosti

Die Halbinsel Krim wird mit Wasser aus dem Kachowkaer Stausee im Süden der Ukraine versorgt. Die ukrainische Regierung hat veranlasst, die Wasserzufuhr deutlich zu reduzieren. Der Krim drohen nun ein Trinkwassermangel und Schäden für die Landwirtschaft. Es wird bereits nach Alternativen gesucht.

Am vergangenen Wochenende reduzierte die Regierung der Ukraine die Wasserzufuhr in den Nord-Krim-Kanal, der die Halbinsel mit 80 Prozent des Trinkwassers versorgt. Statt den zu dieser Jahreszeit üblichen 100 Kubikmetern pro Sekunde fließen dort angeblich gerade nur sechs Kubikmeter durch die Zuleitungsrohre. Bleibt es dabei, könnten die zwei Millionen Bewohner der Krim bald auf dem Trockenen sitzen. Es droht ein Trinkwassermangel.

Die Hauptwasserquelle der Halbinsel ist der fast 500 Kilometer lange Nord-Krim-Kanal, der in den 1960er-Jahren gebaut wurde. Das Wasser dieses Kanals kommt aus dem Kachowkaer Stausee am Dnjepr-Fluss. Der Kanal gewährleistete die ganzjährige Versorgung der Krimbewohner mit Wasser. Er speiste das moderne Bewässerungssystem im Norden der Insel und half, die karge Landschaft in einen blühenden Garten zu verwandeln.

 

Es gibt kaum Alternativen

Polad Polad-sade, ehemaliger Minister des Wasserhaushalts der UdSSR und aktuell Vorsitzender des Rats der Union der Bewässerer und Bodenwirtschaftler, skizzierte am vergangenen Wochenende mögliche Folgen der reduzierten Wasserzufuhr: „Die ukrainischen Behörden haben in der Region Cherson den Hahn zugedreht. Bedroht ist nun die Versorgung der Wasserreservoire der Krim. Das bedeutet, dass in den nächsten Monaten und auch während der Touristensaison ein starker Wassermangel

droht." Polad-sade kritisiert die Politik der Ukraine: „Die Situation wird dadurch verschlimmert, dass die ukrainischen Behörden während all der Jahre der Unabhängigkeit sich nicht mit der Reparatur und der Rekonstruktion des Kanals befasst haben. Er ist ganz verkommen und verliert auf dem Weg zum Endverbraucher bis zu 45 Prozent des Wassers. Man muss schleunigst Maßnahmen zur Verbesserung treffen."

Denn Alternativen gibt es nicht viele. Den Bau einer Wasserpipeline aus Kuban hält Polad-sade für unrentabel. Der Nordkaukasus sei ohnehin eine wasserarme Region und der Bau der Pipeline würde Unsummen kosten. Auch die Nutzung des sogenannten natürlichen Ablaufwassers von der Schneeschmelze in den Bergen und von den seltenen Regenfällen ist keine Alternative. Das Wasser wird zwar in 15 Wasserreservoiren überall auf der Krim aufgefangen, aber die Reservoire sind teilweise von Pflanzen überwuchert und zudem schlecht für das Speichern von Trinkwasser geeignet. Die Förderung von Grundwasser wird das Problem ebenfalls nicht lösen, sondern kann nur lokal helfen.

 

Meerwasser-Entsalzungsanlagen könnten die Lösung sein

Der Bau von Meerwasser-Entsalzungsanlagen wäre eine Lösung für das Wasserversorgungsproblem der Krim. Eine solche Anlage könnte zum Beispiel am Asowschen Meer gebaut werden, das ohnehin fast schon aus

Süßwasser besteht. Entsalzungsanlagen gelten als sehr energieintensiv, daher muss auch über zusätzliche Energiequellen nachgedacht werden. In diesem Zusammenhang könnte die geplante Gaspipeline „South Stream", die auf dem Grund des Schwarzen Meeres von Taman bis Kertsch verlaufen soll, noch eine wichtige Rolle spielen – würde sie doch den Energieträger bereitstellen, der den Betrieb der Entsalzungsanlagen ermöglicht.

Der Vorsitzende des Staatsduma-Komitees für Bodenressourcen, Naturnutzung und Umwelt Wladimir Kaschin ist der Ansicht, dass man unbedingt die Erfahrung anderer Länder nutzen müsse, zum Beispiel die Israels. Dort wird fast das gesamte Wasser für Trinkwasser und Bewässerungsanlagen in der Landwirtschaft aus dem Meer gewonnen. Kaschin mahnt zur Gelassenheit: „Man sollte die Situation nicht dramatisieren", sagt er. „Die Bewohner der Krim werden uns nicht verdursten. Sie bekommen ihr Trinkwasser mit dem Flugzeug oder mit dem Schiff."

Kaschin sieht größere Probleme für die Landwirtschaft und Industrie: „Wenn man den Boden nicht bewässert, wird er versalzen und für Jahre nicht mehr nutzbar sein", gibt er zu bedenken. Doch Kaschin ist zuversichtlich: „Wir hoffen unter anderem auf internationale Organisationen wie die OSZE und die Parlamentarische Versammlung des Europarats, die auf die Behörden der Ukraine einwirken könnten, damit diese die Wasserzufuhr in den Nord-Krim-Kanal wiederaufnehmen."

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der Zeitschrift "Moskowskij Komsomolez".

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland