Russlands Infrastruktur auf dem ukrainischen Prüfstand

Die Lieferungen von ukrainischen Geräten für den U-Bahn-Bau in Moskau werden wegen der aktuellen Ereignisse um zwei bis drei Monate verzögern. Foto: Alexej Filippow/RIA Novosti

Die Lieferungen von ukrainischen Geräten für den U-Bahn-Bau in Moskau werden wegen der aktuellen Ereignisse um zwei bis drei Monate verzögern. Foto: Alexej Filippow/RIA Novosti

Die russische Wirtschaft war in vielen Bereichen eng mit der Ukraine verwoben. Nun werden Lieferunterbrechungen bei den Importen aus der Ukraine bemerkbar. Russland plant, ukrainische Güter durch eigene zu ersetzen, doch nicht in jedem Bereich gelingt das.

2013 unterschrieben die Moskauer Behörden einen Vertrag über 800 Millionen Rubel (etwa 16 Millionen Euro) mit der ukrainischen Fabrik in Dnepropetrowsk. Es wurde die Lieferung von Geräten für den U-Bahn-Bau in der russischen Hauptstadt vereinbart. Wie der stellvertretende Bürgermeister Moskaus Marat Hudnullin sagt, werden sich die Lieferungen wegen der Ereignisse in der Ukraine um zwei bis drei Monate verzögern. Die Arbeiten am Tunnelbau sollen nun später beginnen. In Zusammenhang damit werde statt der geplanten 13 Kilometer U-Bahn-Trasse dieses Jahr nur acht Kilometer gebaut.

 

Ukrainischer Stahl soll ersetzt werden

Der Bau der U-Bahn ist bei Weitem nicht der einzige Bereich, in dem ukrainische Erzeugnisse und Güter verwendet werden. So bilden Eisenbahnwaggons den Hauptteil des Exports der Ukraine nach Russland. Deren Verkauf bringt der ukrainischen Wirtschaft 1,9 Milliarden Euro pro Jahr ein, wenn man den Daten des russischen Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung für das vergangene Jahr glaubt. Doch erste Anzeichen für einen Rückgang der Nachfrage sind zu erkennen. So sank im ersten Quartal 2014 der Import ukrainischer Güterwaggons um das 7,5-fache: „Wir beobachten einen Rückgang der Einkäufe von 260 Millionen auf 35 Millionen Euro", zeigt Wladimir Sawtschk, Leiter des Departements für Eisenbahntransportforschung am Institut für Probleme Natürlicher Monopole auf.

Weitere nachgefragte Güter aus der Ukraine sind Armierungsstahl (Einfuhr 2013 in Höhe von 1,4 Milliarden Euro) und Rohre aus Schwarzmetallen (2013: 685 Millionen Euro). Auch hier sank die Nachfrage 2014 merklich. Russische Betriebe haben die eigene Herstellung hochgefahren. So investierten zum Beispiel Sewerstal, Ewras und NLMK 1,5 Milliarden Euro in neue Produktionslinien. Materialien für den Straßenbau kaufen russische Firmen auch gerne in der Ukraine: Der Verkauf von Gips, Kies, Rollsplit und Schotter an Russland brachte der Ukraine jährlich 230 Millionen Euro ein. Des Weiteren zahlten russische Unternehmer auch für Zeitungs- und ungebleichtes Papier 265 Millionen Euro an die Ukraine. Wie ein Vertreter der russischen Kartonagenhersteller erklärte, werden die russischen Firmen die ukrainische Produktion kompensieren können. Die Papiermühle Ilim und die Archangelsker Papierfabrik haben ihre Produktion bereits hochgefahren.

Insgesamt sank der Import ukrainischer Waren nach Russland im Januar 2014 um ganze 37 Prozent. Doch ungeachtet dieses starken Rückgangs zahlten russische Partner immerhin eine halbe Milliarde Euro an ukrainische

Firmen. Russland ist für die Ukraine der wichtigste Exportmarkt: Knapp ein Viertel des gesamten Außenhandelsvolumen ist auf den östlichen Nachbarn zurückzuführen. Die Ukraine ist für Russland hingegen mit einem Exportanteil von 5,4 Prozent nur der fünftwichtigste Partner. So wird die Auflösung der Wirtschaftsbeziehungen mit Russland vor dem Hintergrund der politischen Lage für die ukrainische Wirtschaft drastische Konsequenzen haben. Der starke Einbruch beim Russlandgeschäft führt dazu, dass das Bruttoinlandsprodukt um ein bis zwei Prozentpunkte fallen wird. Russland dahingegen werde der Meinung des leitenden Direktors von Apor Sergej Chestanow zufolge das Fehlen der ukrainischen Lieferungen durch die Vergrößerung der eigenen Produktionskapazitäten kompensieren können.

 

Russlands Achillesferse ist der Flugzeugbau

Momentan ist der einzige Sektor, in dem ukrainische Lieferungen an Russland alternativlos sind, die Flugzeugbranche. Die Lieferunterbrechung von ukrainischen Motoren könne Russlands internationale Verträge zum Verkauf von Hubschraubern gefährden, warnt Chestanow.

Die ukrainische Fabrik Motor-Sitsch stellt den Antrieb für die Hubschrauber Mi-8 und Mi-24 her. Diese beiden Hubschraubertypen gehören zu den weltweit am meisten nachgefragten Modellen. In diesem Zusammenhang

weist Oleg Pantelejew, Chefanalyst der Agentur AviaPort, darauf hin, dass der Hauptaktionär von Motor-Sitsch Wjatscheslaw Boguslajew immer für eine Integration der russischen Partner eingetreten sei. Deshalb sei die ukrainische Fabrik nicht an einer Unterbrechung der Lieferungen interessiert, ebenso wenig wie die russische Partei.

Für Russland garantieren Lieferungen ohne Unterbrechungen die Erfüllung internationaler Lieferverträge im Rüstungsbereich, aber auch für die zivile Luftfahrt, denn der Mi-8 ist ein Mehrzweckhubschrauber. Pantelejew ist überzeugt, dass Russland auch die ukrainischen Motorenlieferungen ersetzen könne. Doch dafür bräuchte es mindestens zwei bis drei Jahre.

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