Sanktionen erschüttern russische Wirtschaft

Mitarbeiter des Tscheljabinsker Rohrwalzwerkes. Foto: ITAR-TASS

Mitarbeiter des Tscheljabinsker Rohrwalzwerkes. Foto: ITAR-TASS

Die westlichen Sanktionen haben insbesondere den russischen Finanzmarkt hart getroffen. Um der Abhängigkeit vom Westen entgegenzuwirken, versucht Russland, ein unabhängiges System zu etablieren.

Als Reaktion auf die Angliederung der Krim an Russland haben die Europäische Union und die USA Sanktionen gegen russische Beamte und Geschäftsleute verabschiedet. Außerdem wurde die Zusammenarbeit im Militärbereich und der Weltraumindustrie eingestellt.

 
Russische Banken sind stark eingeschränkt

Die größten Auswirkungen auf die russische Wirtschaft haben jedoch die Finanzsanktionen und die damit verbundene Verschlechterung des Investitionsklimas. Diese führen unter anderem zu einem Abfließen von Kapital aus Russland.

Die Sanktionen der westlichen Länder gegenüber Russland betreffen lediglich eine kleine Zahl Politiker und Geschäftsleute, bei denen angenommen wird, dass sie zum Freundeskreis des russischen Präsidenten Wladimir Putin gehören. Zu diesem Kreis zählen zum Beispiel die Bauunternehmer Arkadij und Boris Rotenberg, der frühere Eigentümer des Erdölhandelsunternehmens Gunvor, Gennadij Timtschenko, und der Milliardär Jurij Kowaltschuk, dessen Bank Rossija ebenfalls von den Sanktionen der US-amerikanischen Regierung betroffen ist. So haben die beiden Kreditkartengesellschaften Master Сard und Visa International ohne jede Vorwarnung den Inhabern von Kreditkarten der Bank Rossija den Zugang zu ihren Konten blockiert.

Diese vier Unternehmer konzentrieren sich deshalb von nun an auf ihre Geschäfte in Russland. Kurz vor der Einführung der Sanktionen verkaufte

Gennadij Timtschenko noch schnell seinen Anteil von 44 Prozent am Erdölhandelsunternehmen Gunvor an seine Partner. Auch die Bank Rossija und deren Tochterunternehmen verzichten mittlerweile auf alle Devisenoperationen. Einige andere Banken haben ebenso ihre Devisenoperationen zurückgefahren. So nimmt zum Beispiel die größte Bank Russlands, die Sberbank, keine Anträge auf die Erteilung von Devisenkrediten mehr an. Allerdings werden nach den Worten des Präsidenten und Vorstandsvorsitzenden der Bank WTB 24, Michail Sadornows, die Devisenoperationen ein wichtiger Bestandteil des russischen Finanzsystems bleiben. „Die russischen Bürger legen 21 Prozent ihrer Ersparnisse in Devisen an, alle Zahlungen für Importwaren und -dienstleistungen erfolgen in Devisen, und es existiert ein gewisses Volumen an anrechenbaren Devisenoperationen“, betont der Experte.


Unabhängiges Finanzsystem für sichere Geschäfte

Die Sanktionen gegenüber Russland haben zu einem panischen Abzug von Kapital aus Russland geführt. Für das Jahr 2014 wird die Kapitalflucht laut jüngsten Prognosen des Finanzministeriums etwa 70 bis 80 Milliarden US-Dollar (50 bis 57 Milliarden Euro) betragen. Im ersten Quartal 2014 hat die Privatwirtschaft bereits 50,6 Milliarden US-Dollar (36,47 Milliarden Euro) aus Russland abgeführt, wohingegen im Vorjahr nur 27,5 Milliarden US-Dollar (19,82 Milliarden Euro) außer Landes gebracht wurden. Michail Sadornow führt weiter aus: „Bisher hat es noch keine ernsthaften Sanktionen gegenüber russischen Unternehmen gegeben, sondern nur in Bezug auf einzelne Personen. Deshalb hat es auch noch keine ernsthaften Konsequenzen gegeben.“

„Viele erwarten, dass die verarbeitende Industrie, die militärisch-industrielle Wirtschaft und die Tierproduktion am stärksten leiden werden“, berichtet Wasilij Jakimkin, Dozent an der Fakultät für Finanzen und Bankgeschäfte der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Verwaltungsdienst. Seiner Aussage nach wurden als Antwort auf die Sanktionen in Russland bereits neue Verfahrensvorschriften für Firmen in Jaroslawl und Kasan zur Fertigung von Produkten der chemischen Industrie, die die Importprodukte ersetzen sollen, ausgearbeitet.

So hat inzwischen das Tscheljabinsker Rohrwalzwerk die Produktion von Großrohren aufgenommen, die die russische Industrie vor Kurzem noch in Deutschland und in der Ukraine kaufte. Die bedeutendste Reaktion auf die Sanktionen ist die Initiative der Regierung zur Schaffung eines unabhängigen Finanzsystems. Unter anderem sind ein nationales Zahlungssystem und eine eigene Ratingagentur geplant, wobei auch verschiedene Varianten einer Zusammenarbeit mit chinesischen Unternehmen geprüft werden.

 

Womit ist in Zukunft zu rechnen?

Die folgenreichsten Sanktionen für die russische Wirtschaft wäre die Einstellung aller Handelsbeziehungen, sagt Anton Sorokos, Analyst der Holding Finam. „Andererseits würde ich jetzt nicht von einem Abbruch der Gespräche zwischen privatwirtschaftlichen Unternehmen sprechen wollen“, äußert sich der Experte.

Nach Einschätzung von Wasilij Jakimkin könnte es im Falle von

Verschärfungen der Sanktionen zu Problemen bei Zahlungsleistungen in US-Dollar kommen. Das könnte beispielsweise geschehen, wenn die BIC-Nummer der Kreditinstitute annulliert werden sollte, welche von der internationalen Genossenschaft der Geldinstitute, der SWIFT, vergeben wird. Nahezu die gesamte Bankeninfrastruktur in Russland beruht auf ausländischen Servern und entsprechender Software. „Die russische militärisch-industrielle Wirtschaft bekommt das seit zwei bis drei Jahren zu spüren. Bereits jetzt leidet die Truppe unter dem Wegbleiben von Waffen- und Materiallieferungen aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland“, warnt Jakimkin.

Vertreter des Finanzministeriums der USA und des Nationalen Sicherheitsrats haben bei einem Treffen in Washington mit den Geschäftsführern der Investment- und Hedgefonds über die anstehenden neuen Sanktionen gesprochen. Laut einer Erklärung Samantha Powers, Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen, prüfe Präsident Barack Obama gegenwärtig die Möglichkeit der Einführung von Sanktionen gegenüber Russland im Bankenbereich, der Energiewirtschaft und der Bergbauindustrie.

Als Reaktion darauf veröffentlichte Russland ein Kommuniqué über die Nichterfüllung der Handelsverpflichtungen durch die USA in der WTO. In Kürze könnten sie diesbezüglich eine Klage einreichen. Nach Meinung der russischen Seite gestatte das Regelwerk der WTO es den USA nicht, Handlungen durchzuführen, die die Rechte russischer Dienstleister einschränken könnten.

Die russischen Unternehmen haben ihre europäischen Partner bereits davor gewarnt, dass sich die Einführung zusätzlicher Sanktionen negativ auf die Wirtschaft auswirken werde. So hat sich zum Beispiel das russische Unternehmen Metallurgiekombinat Nowolipezk, das mehr als 17 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr produziert, mit einem Schreiben an die Europäische Kommission gerichtet. Darin machen sie auf die verheerenden Folgen für die europäische Stahlindustrie im Falle der Einführung von Sanktionen gegenüber Russland aufmerksam. Auch hat das Metallurgiekombinat Nowolipezk 2 530 Mitarbeiter in Europa. Im Falle neuer Sanktionen würde deren Zukunft zur Diskussion stehen.