Siemens: Steht das Russland-Geschäft vor dem Aus?

Bahnbauer Siemens muss sich bei weiteren Sanktionen aus Russland zurückziehen. Auf dem Bild: Ein Lokführer des elektrischen Triebwagenzuges "Lastotschka" ("Schwalbe"). Foto: Russische Bahn

Bahnbauer Siemens muss sich bei weiteren Sanktionen aus Russland zurückziehen. Auf dem Bild: Ein Lokführer des elektrischen Triebwagenzuges "Lastotschka" ("Schwalbe"). Foto: Russische Bahn

Siemens und Alstom droht der Verlust des russischen Marktes, sollten weitere und stärkere Sanktionen der Europäischen Union und der USA gegenüber Russland umgesetzt werden. Russland könnte die Lieferung von Schnellzügen und die Trassenfertigstellung mit Unterstützung der Chinesen oder Japaner bewerkstelligen.

Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Joe Kaeser, kündigte an, sämtliche Sanktionen der Europäischen Union und der USA gegenüber Russland mitzutragen und diese auch umzusetzen. Der deutsche Konzern ist ein wichtiger Partner beim Bau des russischen Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnnetzes. Falls keine Unternehmen aus China und Japan zu Hilfe eilen sollten, könnte die Fertigung der Züge für Russland im schlimmsten Sanktionsfall komplett zum Erliegen kommen.

 

Siemens bangt um russischen Markt

Glaubt man der offiziellen Verlautbarung Joe Kaesers, beabsichtigt der Siemens-Konzern, alle verabschiedeten Sanktionen gegenüber russischen Unternehmen und Beamten umzusetzen. Der Konzernchef versprach eine sukzessive Realisierung der Maßnahmen, wobei er es vermied, den im Ergebnis der Sanktionen für Siemens entstehenden Schaden zu beziffern.

Dieses Statement ist insofern bemerkenswert, als dass Joe Kaeser sich noch im März 2014 mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen und danach öffentlich verkündet hatte, dass das Unternehmen ungeachtet der Verschärfung der politischen Situation weiterhin in Russland investieren werde. Seit 2011 habe Siemens ungefähr 800 Millionen Euro in die russische Wirtschaft gesteckt, erzählte der Unternehmenschef. Dies sei „eine langfristige Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Investitionen", ergänze er.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist Siemens der wichtigste Partner des Unternehmens Rossijskie schelesnyje dorogi, der Russischen Eisenbahnen, beim Ausbau des Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnnetzes. So wurde beispielsweise auf Grundlage der Siemens-Schienenfahrzeugfamilie „Desiro" der elektrische Triebwagenzug „Lastotschka" (zu Deutsch: „Schwalbe") entwickelt. Bis zum Jahre 2020 sollten 1 200 Triebköpfe und Waggons für diese Züge fertiggestellt werden. Mit eben diesen Zügen sollen die Schlachtenbummler während der Fußballweltmeisterschaft 2018 im gesamten europäischen Teil Russlands befördert werden. Außerdem ist Siemens an der Lieferung neuer Züge für die Moskauer Metro beteiligt. Unterm Strich betrug das Liefervolumen des deutschen Konzerns nach Russland, Belarus und Zentralasien für das Finanzjahr 2013 (mit Stand zum 30. September 2013) ungefähr 2,4 Milliarden Euro.

Der größte Wettbewerber von Siemens auf dem russischen Markt ist das französische Unternehmen Alstom. Auch dieser Konzern könnte sich aufgrund der angespannten Situation bald in Schwierigkeiten befinden.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt führt der US-amerikanische Konzern General Electric Verhandlungen zur Übernahme des französischen Unternehmens, wobei auch Siemens an einer Übernahme des Konkurrenten interessiert ist. Im Moment ist Alstom mit 25 Prozent an dem russischen Auto- und Lokomotivenhersteller Transmashholding beteiligt und fertigt darüber hinaus Komponenten für Kernkraftwerke. Der Präsident von Alstom Russland, Philippe Pegorier, sagte gegenüber der russischen Nachrichtenagentur ITAR-TASS, dass „die europäische Geschäftswelt inoffiziell gegen Sanktionen" sei. So würde seinen Worten nach Alstom unter anderem planen, sich an Projekten zur Modernisierung der größten Eisenbahnstrecken in Russland – der BAM und der Transsib – zu beteiligen. Wenn Alstom oder die Eisenbahnsparte des französischen Mischkonzerns von Siemens oder General Electric übernommen werden sollte, könnte sich die Situation jedoch ändern.

 

Japan und China könnten einspringen

Bisher hat Siemens noch kein Abkommen mit russischen Unternehmen platzen lassen. So werde zum Beispiel nach Aussage des Pressedienstes des Konzerns Russkije Maschiny – einem russischen Partner von Siemens – die Umsetzung eines Gemeinschaftsprojekts zur Lieferung von Waggons für die Moskauer U-Bahn nach dem vereinbarten Zeitplan fortgeführt.

In der Moskauer Repräsentanz von Siemens bestreitet man Korrekturen des eigenen Engagements in Russland. „Wir führen alle Projekt- und Vertragsverpflichtungen gegenüber unseren russischen Auftraggebern gewissenhaft aus. Bisher gibt es keinerlei Auswirkung durch Wirtschaftssanktionen oder Embargos", ließ man durch den Pressedienst des Unternehmens verlautbaren. Nach Aussage von Alexej Koslow, Analyst bei UFS IC, verfüge der Konzern schon seit Langem über Geschäftsbeziehungen zu Russland und würde einen solch lukrativen Markt nur ungern aufgeben. „Die Äußerungen sind wohl eher als ein Statement der Gesetzestreue zu verstehen. Man geht auf Nummer sicher und muss sich in Zukunft nicht den Vorwurf machen lassen, unzuverlässig bei der Aufrechterhaltung seiner Kontakte mit der russischen Seite gewesen zu sein", sagt der Experte.

Für Russland könnte es allerdings ein Problem darstellen, sollten Siemens und auch Alstom sich tatsächlich vom Bau der Hochgeschwindigkeitseisenbahn für Russland verabschieden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kümmert Siemens sich um die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Moskau und St. Petersburg und Alstom um die Strecke zwischen St. Petersburg und Helsinki. Damit ist der

Betrieb zweier wichtiger Hochgeschwindigkeitsstrecken von europäischen Lieferanten abhängig.

Falls die Geschäftsbeziehungen unterbrochen werden, muss der russische Betreiber Rossijskie schelesnyje dorogi sich wohl oder übel auf die Suche nach neuen Lieferanten begeben, die sich unter anderem auch damit einverstanden erklären müssen, die von Siemens und Alstom bereits realisierten Strecken in ihre Planungen zu integrieren. Dabei wird es sich wahrscheinlich um Unternehmen aus China und Japan handeln.

„Russland ist in der Lage, ausreichend schnell andere Lieferanten für die Hochgeschwindigkeitszüge, die gegenwärtig bei Siemens eingekauft werden, zu finden. Asiatische Länder, wie zum Beispiel China und Japan, haben eine ausreichend große Erfahrung auf diesem Gebiet", sagt Wladislaw Ginko, Ökonom und Dozent an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft. Seiner Meinung nach werde der deutsche Konzern sich wohl nur schwerlich zu so einem ernsthaften Schritt entscheiden, da dies den Verlust einer der aussichtsreichsten Märkte mit sich bringen würde.

 

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