Sommercamps: Sterneküche, Kunst und Kultur

Das erste und bekannteste Ferienlager für Kinder war das 1925 auf der Krim eröffnete „Artek“. Foto: Petrusow / RIA Nowosti

Das erste und bekannteste Ferienlager für Kinder war das 1925 auf der Krim eröffnete „Artek“. Foto: Petrusow / RIA Nowosti

Russische Kinder haben ihre Ferien schon zu UdSSR- Zeiten gerne im Ferienlager verbracht. Damals stand Pionierarbeit im Vordergrund, heute verwöhnt ein Sternekoch die jungen Bildungsreisenden. Die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Bildungsurlauben für Kinder in Russland steigt.

Sommercamps für Kinder, in denen sie ihre Schulferien verbringen können, gab es schon in der UdSSR. Die ersten Ferienlager entstanden in den 1920er-Jahren auf Initiative des russischen Roten Kreuzes vor allem für Stadtkinder. Die Campbewohner halfen den Bewohnern der umliegenden Ortschaften und führten Bildungsarbeit mit Dorfkindern durch. Das erste und bekannteste Ferienlager diese Art war das 1925 auf der Krim eröffnete „Artek“. Dort waren auch Kinder aus anderen Ländern zu Gast.

 

Kunst und Sterneküche statt wohltätiger Arbeit

Ende der 1980er-Jahre verbachten in der UdSSR bis zu zehn Millionen Kinder ihre Ferien in einem von etwa 40 000 Ferienlagern. Die sowjetischen Sommercamps wurden meist in Zusammenarbeit mit  großen Fabriken und Unternehmen organisiert. In den 1990er-Jahren jedoch mussten viele Einrichtungen aus finanziellen Gründen geschlossen werden.

Nun haben Investoren die Idee des Ferienlagers neu für sich entdeckt. Im

Juli 2014 soll im Ort Borodino in der Nähe von Moskau das Sommercamp „Selo“ („Dorf“) starten. Wohltätige Arbeit wie Hilfe für umliegende Dörfer oder Bildungsarbeit stehen in „Selo“ nicht auf dem Programm, stattdessen sollen die Kinder dort künstlerisch gebildet werden. An jedem Ferientag soll ein Thema aus Film, Musik oder Malerei auf dem Programm stehen. Für das leibliche Wohl sorgt Sternekoch Anatolij Komm, der  einzige russische Koch mit einem Michelin-Stern. Zu den Gründern gehören bekannte Persönlichkeiten aus der russischen Gesellschaft, darunter auch Blogger und Journalisten. Einer der Initiatoren ist der  ehemalige Chefredakteur der russischen Ausgabe des „Esquire“-Magazins von Philipp Bachtin. Ein zweiwöchiger Aufenthalt im Camp „Selo“ wird pro Kind etwa 37 000 Rubel betragen (730 Euro). Der Preis scheint nicht zu hoch, denn schon in den ersten Tagen gab es 3 000 Anfragen.

Im Hintergrund des Projekts steht ein Investoren-Pool, der bis 2018 bis zu 25 solcher Ferienlager in ganz Russland einrichten will. In jedes Camp sollen, größtenteils auf der Grundlage von Krediten, 3,7 Milliarden Rubel (77,4 Millionen Euro) investiert werden. Schon jetzt gibt es nach Angaben von „Finam“ in Russland ein jährliches Wachstum von zehn bis 15 Prozent

bei der Zahl der Sommercamps für Kinder. Der Trend geht in Richtung thematischer Camps. Seit den 1990ern wird in verschiedenen Teilen des geografisch europäischen Russlands die Ökologische Sommerschule veranstaltet, die für Kinder von zehn bis 13 Jahren gedacht ist. In Karelien am Ufer des Weißen Meeres gibt es ein Ferienlager, in dem die Natur des Nordens erforscht wird. Nur vier Autostunden von Moskau entfernt, am malerischen Seliger-See in der Twer-Region, gibt es ein Tanz-Camp. Die Kosten für eine zweiwöchige Camp-Teilnahme liegen um die 900 Euro.

 

Großes Wachstumspotenzial

Mit www.incamp.ru  wurde jetzt sogar eine Suchmaschine zu Erholungsprogrammen für Kinder nach dem Prinzip von „Booking.com“ eingerichtet. Dabei werden Informationen zu 800 verschiedenen Programmen nach den Auswahlkriterien Thema, Preis, Altersgruppe und Beliebtheit vernetzt.

Im Sommercamp „Selo“ in der Nähe von Moskau sollen Kinder künstlerisch gebildet werden. Foto: Pressebild.

Roman Grintschenko, Analyst bei „Investcafé“, sieht ein großes finanzielles Wachstumspotenzial, da es auf dem Markt noch kaum Konkurrenz gebe. Solche Projekte könnten auch für Kinder aus anderen Ländern interessant sein. „Noch ist die Anzahl ausländischer Kunden minimal, bei einer kompetenten Realisierung des Projekts ist hier aber auf jeden Fall ein großer Zuwachs zu erwarten“, sagt Grintschenko. Ausländer in den

Info:

Von den insgesamt etwa 14 Millionen russischen Kindern im Alter zwischen sechs und 15 Jahren haben im Jahr 2013 etwa 5,2 Millionen Kinder eines von über 45 000 Feriencamps besucht. Die Vize-Premierministerin Olga Golodez verspricht, dass 2014 etwa 8,5 Millionen Kinder Urlaub in einem Sommercamp oder Kurheim werden verbringen können. Dabei kann aus 53 000 verschiedenen Angeboten gewählt werden.

Ferienlagern sind derzeit eher die Pädagogen und Betreuer. Im Feriencamp „In Orange“ in der Nähe von Sankt Petersburg werden Stellen für Englischlehrer angeboten. Nach Angaben der Camp-Organisatoren beträgt die Bezahlung für zwei Wochen um die 500 Euro. Unterkunft und Verpflegung sind frei.

Der guten Wachstumsprognose für Feriencamps liegt die zunehmende

Bereitschaft russischer  Eltern zugrunde, in ihre Kinder zu investieren. Die Vereinigung von Unternehmen in der Industrie von Kinderwaren meldet, dass in Russland pro Kind durchschnittlich 730 Euro ausgegeben werden.

Noch werde das Wachstum durch gesetzliche Vorgaben gebremst, meint Galina Dechtjar,  Professorin des Lehrstuhls für Prozesssteuerung im Produktions- und Dienstleistungsbereich an der RANChiGS. Das Gesetz regelt die Anzahl der vorgeschriebenen Betreuer, die Lage und sogar die Art des Mietvertrags. „Ungeachtet dessen ist das Interesse von Investoren in diesem Segment in den letzten Jahren deutlich gestiegen“, sagt  Maxim Kljagin, Analyst bei „Finam Management“.  Die Attraktivität für Investoren

sieht Kljagin in der wachsenden Nachfrage und einem guten Preis-Leistungsverhältnis. „Der Preis ist bei der guten Qualität der Angebote relativ gering. Zudem ist das Angebot speziell auf Kinder ausgerichtet, was es ebenfalls attraktiv macht“, so der Experte. Außerdem seien Projekte auf dem Markt vertreten, die sich speziell an Kinder von Auswanderern wenden, die auf die Adaptierung und das Erlernen der russischen Sprache und der nationalen Kultur ausgerichtet sind.

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