Moskau will vermehrt Aufträge an Mittelstand vergeben

Auf dem Ostermarkt 2013 am Twerskaja-Platz in Moskau durften russische Handwerker ihre Erzeugnisse verkaufen. Foto: Lori / Legion Media

Auf dem Ostermarkt 2013 am Twerskaja-Platz in Moskau durften russische Handwerker ihre Erzeugnisse verkaufen. Foto: Lori / Legion Media

Das russische Ministerium für Wirtschaftsentwicklung hat die Staatskonzerne aufgefordert, bei ihren Ausschreibungen die klein- und mittelständischen Unternehmen verstärkt zu berücksichtigen.

Entsprechend der geltenden föderalen Gesetzgebung müssten bis zu 15 Prozent aller Einkäufe für den Bedarf des Staates bei Klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU) getätigt werden, erklärt Dmitrij Pangin, Vorstandsmitglied des Unternehmerverbands Opora Rossii („Stütze Russlands“).  Die Praxis jedoch sehe anders aus, beklagt Sergej Gabestro, Chef des Nationalen Handelsverbandes.

Das hänge unter anderem damit zusammen, dass den Kleinunternehmen umfangreiche Kredite versperrt blieben. So sei nach Angaben der Bank Rossii der Anteil der an KMU vergebenen Kredite von 29 Prozent im Jahr 2012 auf 15 Prozent im Jahr 2013 gesunken, erläutert Gabesko.

Laut Nikolaj Ostarkow, Vize-Präsident des Wirtschaftsverbandes Djelowaja

Rossija („Geschäftliches Russland“), beliefern die KMU die Staatsunternehmen vor allem mit Metallteilen,  Baumaterial, Kunststofferzeugnissen, Möbeln und Lebensmitteln.

Das Ministerium hat die Staatskonzerne, darunter den Erdgasmonopolisten Gazprom und die Russischen Eisenbahnen (Russkije schelesnyje dorogi), nun angewiesen, die KMU stärker zu berücksichtigen und mit ihnen Partnerschaftsprogramme zu entwickeln. Dadurch könnte sich das Auftragsvolumen für KMU auf  20,8 Milliarden Euro erhöhen.

Neben den einheimischen Unternehmen greifen auch einige ausländische Konzerne, die mit einem Tochterunternehmen auf dem russischen Markt tätig sind, auf die Unterstützung durch russische KMUs zurück, wie es aus dem russischen Wirtschaftsministerium heißt. Unter anderem würden die Autohersteller Peugeot und Renault sowie die deutsche Volkswagengruppe auf diese Weise Zulieferteile besorgen.

 

Ausländische Unternehmen kommen selten an öffentliche Töpfe

Allerdings würden, so das Ministerium, die durch ausländische Unternehmen vergebenen Aufträge auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein darstellen. Zusammen mit ihren  russischen Tochterunternehmen erhielten ausländische Lieferanten gerade einmal einen Anteil von weniger als 1,5 bis zwei Prozent der staatlichen Aufträge. Nach den neuen Regeln, könnte sich dieser Anteil auf bis zu drei Prozent erhöhen. Unterm Strich würde dann das Gesamtvolumen der Aufträge an ausländische Zulieferer 620 Millionen Euro betragen.

In einigen Bereichen werde der Markt allerdings von Lieferungen aus dem Ausland dominiert. Dazu gehörten einige Hightech-Bereiche und das Gesundheitswesen, in dem der Anteil nicht-russischer Lieferanten mehr als 70 Prozent betrage. Bei petrochemischen Ausrüstungen seien es immerhin über 50 Prozent.

Dmitrij Pangin vom Unternehmerverband Opora Rossii berichtet, dass die ausländischen Unternehmen in Russland sich vor allem an Ausschreibungen beteiligten, die aufgrund ihrer besonderen Anforderungen oder sehr spezifischer Kenndaten nicht von einheimischen Produzenten bedient werden könnten.

Um an den Ausschreibungen in Russland teilnehmen zu können, gründen Großunternehmen wie zum Beispiel IBM, Procter & Gamble, HP, Cisco oder Audi AG in der Regel eigens Tochterunternehmen vor Ort. So stammen etwa 50 Prozent der Produkte des Unternehmens Procter & Gamble, die auf dem russischen Markt verkauft werden, von Procter & Gamble Nowomoskowsk.

Die russische Niederlassung des deutschen Herstellers von Orthopädietechnik, Otto Bock, war im Mai 2014 zum wiederholten Male Exklusiv-Lieferant für Rollstühle im Rahmen von Staatsaufträgen. Die deutsche PaybackGroup verkauft Know-how zur Unterstützung des Online-Einzelhandels an den Lebensmittelhersteller Utkonos. Nicht weniger aktiv auf dem russischen Markt sind auch Unternehmen aus Frankreich, wie zum Beispiel Germitec, das zusammen mit seinem russischen Partner Rumex medizinische Sterilisationsgeräte fertigt, und Ceraver, welches zusammen mit IntelMed orthopädische Implantate herstellt.

Das US-amerikanische Unternehmen McKinsey & Co.hat 2013 eine Ausschreibung in einem Umfang von 227 Millionen Rubel (4,8 Millionen Euro) zur Verbesserung des Images der Moskauer U-Bahn gewonnen. Das Unternehmen arbeitet an einer Entwicklungsstrategie für die Metro, kreiert ein neues Logo und gestaltet ein frischeres Innen- und Außendesign für die U-Bahn-Wagen.

Jens Böhlmann, Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Mitglied der Geschäftsführung der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer, verweist darauf, dass sich auch deutsche Unternehmen aktiv an staatlichen Ausschreibungen in Russland beteiligen. Das betreffe insbesondere die Automobilindustrie, die Chemieindustrie und die Lebensmittelindustrie, aber auch die Land-, Versorgungs- und Bauwirtschaft. 

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