Kremlkritiker von Doschd betreten Börsenparkett

Die Pussy-Riot-Aktivistinnen Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa zu Besuch beim Fernsehsender "Doschd". Foto: Photoshot

Die Pussy-Riot-Aktivistinnen Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa zu Besuch beim Fernsehsender "Doschd". Foto: Photoshot

Aleksandr Winokurow ist in Russland bekannt für die kremlkritische Berichterstattung seiner Medienprojekte. Sein TV-Sender Doschd hat nach einer umstrittenen Liveumfrage mit sinkenden Zuschauerzahlen und finanziellen Problemen zu kämpfen. Ein Börsengang soll es nun richten.

Der ehemalige Investmentbanker Aleksandr Winokurow ist in Russland bekannt für seinen regimekritischen Fernsehsender Doschd („Regen"), die Zeitschrift „Bolschoi gorod" („Die große Stadt") und das Online-Portal „Slon" („Elefant"). Seine Medienprojekte stehen allesamt für eine kremlkritische Berichterstattung. In letzter Zeit hatten alle drei Medienprojekte mit ernsten finanziellen Problemen zu kämpfen. Winokurow plant deshalb den Gang an die Börse, um neue Geldquellen zu erschließen.

 

Auf der Suche nach Geldgebern

Laut Winokurow soll der Wert der ausgegebenen Aktie zwischen 6,4 bis 15 Millionen Euro betragen. Gewinne aus dem Börsengang sollen in den Bau eines neuen Studiokomplexes für den Sender Doschd investiert werden.

Maxim Kljagin, Analyst der Investmentgesellschaft Finam Management, hält die Börsenpläne für eine sinnvolle Strategie, auch wenn das Unternehmen eher klein sei. Für Unternehmen mit einem technischen oder intellektuellen Profil, so wie es Winokurows Medienprojekte haben, sei es derzeit nicht einfach, bei geringer Liquidität Kredite zu erhalten. Unter solchen Umständen könne der Börsengang eine der effektivsten Maßnahmen sein, sich Zugang zu privaten finanziellen Ressourcen zu verschaffen, so der Experte.

Insgesamt betrug der Gewinn von Winokurows Mediengruppe im Jahr 2013 etwas mehr als elf Millionen Euro, wobei 70 Prozent des Gesamtgewinns auf den Fernsehsender entfielen. „Die Zuschauerzahlen des Fernsehsenders sind 2013 um mehr als 50 Prozent pro Monat gestiegen. Das macht den Sender für den Börsengang wirklich attraktiv", meint Timur Nigmatullin, Analyst bei Investcafé.

Welche Bank die Aktien anbieten wird, ist noch nicht bekannt, doch Aleksandr Winokurow erklärte, es sei nicht ausgeschlossen, dass er seine eigene Bank werden könne. Der Unternehmer hat 2001 eine der größten Investmentbanken Russlands gegründet, die Kit Finans. Das Privatvermögen Winokurows wurde im Jahr 2008 vom „Forbes Magazine" auf 958 Millionen Euro geschätzt. Während der Krise 2008 und 2009 verlor der Geschäftsmann den größten Teil seiner Aktiva und seine Bank wurde auf Staatskosten saniert. Daraufhin entschied Aleksandr Winokurow, in das Medien-Business einzusteigen, und investierte 2009 in die Gründung des Fernsehsenders Doschd.

 

Börsengang ist eine Ausnahme

Vitalij Zwetkow, Leiter der Abteilung für Analyse und Information des Consulting-Unternehmens Gradient Alpha, erinnert sich an nur einen Börsengang einer Medienholding in Russland, nämlich an den von RosBusinessConsulting (RBC) im Jahr 2001. Während des Börsengangs wurde ein Paket in Höhe von 16 Prozent des Stammkapitals des

Unternehmens auf den Markt gebracht. So konnten Investitionen in Höhe von 9,6 Millionen Euro angezogen werden. Eineinhalb Jahre nach dem Börsengang hatte sich der Wert der RBC-Aktien bereits verdoppelt.

In den USA ging im Juni 2006 die CTC Media, die verschiedene russische Fernsehsender vereinigt, an die NASDAQ. Das Unternehmen bot dabei 16,38 Prozent seiner Anteile zu etwa zehn Euro pro Aktie an. Während des Börsengangs konnten 258 Millionen Euro an Investitionen angezogen werden.

Eine der größten Medienholdings Russlands, ProfMedia, plante ihren Börsengang 2010 an der Londoner Fondsbörse. Zu der Holding gehören einige bekannte Magazine und Internet-Portale. Das Unternehmen wollte den Investoren bis zu 40 Prozent seiner Anteile anbieten. Bei einem Marktwert von etwa 1,84 Milliarden Euro hätte das Aktienpaket einen Wert von 737 Millionen Euro gehabt. Aufgrund mangelnder Stabilität der Finanzmärkte beschloss die Holding jedoch, auf den Börsengang zu verzichten. Infolgedessen verkaufte Wladimir Potanin, der Hauptgesellschafter von ProfMedia und Mitbesitzer des größten Buntmetallkonzerns der Welt, Norilsk Nickel, ProfMedia für rund 450 Millionen Euro an eine Tochtergesellschaft des Ölkonzerns Gazprom, seitdem heißt sie Gazprom-Media.

 

Doschds Gang an die Börse als Vorbild?

Der Börsengang von Winokurows Holding könnte dazu führen, dass wieder mehr russische Medienkonzerne den Börsengang wagen. Laut Timur Nigmatullin ist damit in diesem Jahr allerdings nicht mehr zur rechnen. Den Grund dafür sieht der Experte darin, dass Medienprojekte durch politischen Druck immer auch einem finanziellen Risiko ausgesetzt seien.

Die finanziellen Probleme von Winokurows Fernsehsender Doschd begannen im Januar 2014. Der Sender hatte eine interaktive Live-Umfrage gestartet, ob das im Zweiten Weltkrieg besetzte heutige Sankt Petersburg nicht besser hätte aufgegeben werden sollen. Während der 900 Tage andauernden Blockade der Stadt waren mehr als 600 000 Menschen verhungert. Die Art und Weise, wie die Frage gestellt wurde, wurde von vielen öffentlichen Organisationen, Politikern und auch den Zuschauern als

beleidigend empfunden. Nach dieser Umfrage hatten viele großen Kabelanbieter den Sender Doschd aus ihrem Programm genommen und die Zuschauerzahlen sanken um 80 Prozent.

Die Leitung des Senders erklärte das Verhalten der Anbieter mit dem politischen Druck, der mit der kremlkritischen Einstellung von Doschd im Zusammenhang stünde. Russlands Präsident Wladimir Putin bestreitet, dass es einen solchen Druck gebe. Erst kürzlich soll er auf einer Pressekonferenz gegenüber einem Journalisten von Doschd gesagt haben, er hätte nie eine Anweisung zur Schließung des Senders gegeben. Auch hätte er niemals Einfluss auf die Berichterstattung genommen. Dazu sei er nicht berechtigt, soll Putin erklärt haben.

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