Deutsche Unternehmer in Russland: Milchkönig, Mittler und Markenmacher

Um die Jahrtausendwende stieg Stefan Dürr in die deutsch-russische landwirtschaftliche Produktion ein. Foto: Pressebild

Um die Jahrtausendwende stieg Stefan Dürr in die deutsch-russische landwirtschaftliche Produktion ein. Foto: Pressebild

Anfang der Neunzigerjahre versuchten viele Deutsche ihr Glück in Russland. RBTH stellt drei von ihnen vor, die in Russland nicht nur wirtschaftlichen Erfolg hatten, sondern auch eine zweite Heimat fanden.

Stefan Dürr – Russland als Leidenschaft

In seiner Liebesbeziehung zu Russland hat Stefan Dürr nun den letzten Schritt gewagt. Der wohl bekannteste deutsche Agrarunternehmer des Landes ist russischer Staatsbürger geworden. „Für mich war das nur konsequent. Das ist wie, wenn Mann und Frau nach jahrlanger Partnerschaft zum Standesamt gehen", scherzt der Landwirt. Den „Antrag" machte ihm der Gouverneur der Region Woronesch. Um Public Relations ging es dabei – anders als beim französischen Schauspieler Gérard Depardieu – nicht. Mit der Verleihung der russischen Staatsbürgerschaft wurden Dürrs Verdienste rund um die Agrarwirtschaft in Russland gewürdigt.

In den 1990er-Jahren reiste Dürr im Alter von 25 Jahren das erste Mal in die damalige Sowjetunion. Der Student der Geoökologie war der erste westdeutsche Praktikant in einer Kolchose bei Moskau. Dürr war beeindruckt von der Gastfreundschaft der Russen und den riesigen sowjetischen Agrarbetrieben. Die russische Landwirtschaft war damals in der Krise, und die Umstellung auf die Marktwirtschaft nach dem Ende der Sowjetunion bereitete zusätzliche Probleme. Dürr blieb der russischen Landwirtschaft auch nach seinem Praktikum verbunden. Er organisierte den Austausch von Studentengruppen aus Russland und Deutschland und lernte so Politiker und Funktionäre aus beiden Ländern kennen. Die Russen engagierten Dürr schließlich als Berater. Im Jahr 1994 rief Stefan Dürr den Deutsch-Russischen agrarpolitischen Dialog ins Leben. Später gründete er die Firma Ekoniva, die Landmaschinen nach Russland importierte. Nur acht Jahre später stieg Dürr auch in die landwirtschaftliche Produktion ein. Sein Betrieb ist heute der größte russische und europäische Milchproduzent. 400 Tonnen Milch liefern seine Höfe – pro Tag. „Heute ist es natürlich nicht mehr so einfach, ein solches Unternehmen aus dem Nichts aufzubauen", glaubt Dürr. Dafür hätten sich die Rahmenbedingungen deutlich verbessert.

Deutschland ist immer noch Dürrs Heimat. „Dort leben meine Eltern, eine Hälfte meines Unternehmens wird mit Geldern aus Deutschland finanziert", erzählt er. Aber Russland sei seine zweite Heimat, versichert der

Unternehmer. Dürr spricht fast akzentfrei Russisch. Er hat 4 Kinder, die älteste Tochter ist in Deutschland aufgewachsen. Von den drei Kindern aus zweiter Ehe, die alle in Russland aufgewachsen sind, spricht die aelteste Tochter die deutsche Muttersprache seines Vaters einwandfrei, die zweite sehr gut.  Dürrs Firma sponsert in Russland Kindergärten und lässt Kirchen wieder aufbauen. „Wir brauchen Arbeiter. Deshalb wollen wir für junge Leute ein attraktives Umfeld schaffen", erklärt Dürr sein Engagement.

Der Deutsche mit russischem Pass ärgert sich über die Darstellung Russlands in den deutschen Medien. Einseitig sei die Berichterstattung, vor allem wenn es um die Ukraine geht, findet er. Die Sanktionen findet er unsinnig, obwohl er als Landwirt sogar davon profitieren könne: „Der Staat müsste dann mehr zur Unterstützung heimischer Produkte leisten", so Dürr. Letztlich werde es aber nur Verlierer geben.

 

Uwe Niemeier – Russland als Perspektive

Uwe Niemeier: "Ich bin zu 80% russifiziert" 

Foto: Pressebild

Als Uwe Niemeier das erste Mal in Russland war, galt das Unternehmertum noch als Straftat und in den Geschäften waren die Lebensmittel knapp. Dennoch erinnert sich Niemeier heute fast wehmütig an die Zeit zwischen 1980 und 1984, als er im heutigen Sankt Petersburg studiert hat. „Es war ein tägliches Erfolgserlebnis, wenn man im Geschäft ein Stück Butter ergattern konnte", lacht der Deutsche.

Der gelernte Außenhandelskaufmann hat in der DDR die Offizierslaufbahn eingeschlagen, wodurch das Studium im sozialistischen Ausland erst möglich wurde. Später, als in der DDR die Wende kam, stand Niemeier vor einer schwierigen Entscheidung. „Alle sind damals in den Westen gegangen. Ich habe mich aber für den Osten entschieden. Erstens waren dort meine Qualifikationen als Logistiker gefragter und zweitens störte dort keinen, dass ich mal DDR-Soldat gewesen bin", erklärt der Unternehmer. „In Deutschland wäre ich wohl arbeitslos geworden, wie viele andere im Osten auch."

Er ging in die Ukraine und baute dort eine Kette von Duty-Free-Läden auf. Doch schon nach kurzer Zeit zerstritten sich die Investoren und das Geschäft scheiterte. Den zweiten Anlauf Richtung Osten unternahm Niemeier dann im Auftrag einer Schweizer Firma, die das Duty-Free-Konzept nun im russischen Kaliningrad etablieren wollte. Diesmal klappte es. Niemeier war die Abhängigkeit von seinem Arbeitgeber jedoch zu unsicher. Er wollte sich eine eigene Basis in Russland schaffen und machte sich selbstständig.

Um die Jahrtausendwende fing in Kaliningrad gerade der Bauboom an. Die Region galt als attraktive Sonderwirtschaftszone. „Wir kauften Schrottimmobilien auf, sanierten sie und vermieteten sie an ausländische Firmenchefs und Manager", erinnert sich der Unternehmensgründer. Knapp zwei Dutzend Objekte, darunter Einfamilienhäuser und Gebäude mit zwei oder drei größeren Wohnungen, gehörten Niemeier. „Das Geschäft lief prächtig, bis die Wirtschaftskrise 2009 kam", erzählt der Unternehmer. Plötzlich waren die meisten Geschäftsleute weg. Sie sind bis heute nicht

wiedergekommen. Von seinen Immobilien will sich der deutsche Investor nach und nach trennen, bis dahin betreibt er eine Informationsagentur, um seine neue Heimat Kaliningrad bekannter zu machen.

„Ich bin mittlerweile zu 80 Prozent russifiziert", sagt Niemeier. „Wenn etwa ein Deutscher negativ über Kaliningrad spricht, reagiere ich wie die meisten Russen trotzig, obwohl ich mit meinen einheimischen Freunden natürlich viel an der Situation zu kritisieren habe", erklärt Niemeier. Dazu gehört etwa, dass zu wenig für den Tourismus getan werde und die Region insgesamt noch immer unattraktiv für Investoren sei.

Nach Deutschland zurückkehren möchte der 59-Jährige dennoch nicht. Die Diskussion um Wirtschaftssanktionen sieht er gelassen und sogar als Chance für Russland: „Vielleicht wird Russland dadurch ja letztlich angespornt, nicht nur auf Öl und Gas zu vertrauen."

 

Quirin Wydra – Russland als Familienbetrieb

Quirin Wydra: "Zusammenarbeit von

Deutschen und Russen ist eine perfekte

Mischung aus Ordnung und Kreativität.

Foto: Pressebild

Als Quirin Wydra das erste Mal von Russland hörte, war er noch ein kleiner Junge. Sein Großvater erzählte ihm von den vier Jahren seiner Kriegsgefangenschaft: „Ich habe gespürt, dass er während seiner Haft zu den Russen trotz aller Schwierigkeiten eine enge Beziehung aufgebaut hatte. Sie teilten sogar ihre Brotrationen mit ihm", erzählt Wydra.

Auch seine eigene Beziehung zu Russland begann eher ungewöhnlich. Wydra, ein ehemaliger Jet- und Testpilot der deutschen Luftwaffe, wurde vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl beauftragt, für die russische Regierung Kontakte zur deutschen Industrie und Wirtschaft herzustellen. Es war die Zeit der Perestroika, der Kreml zeigte erstmals Interesse an ausländischen Investoren. Schon bei seinem ersten Russland-Besuch lernte er Michail Gorbatschow und hochrangige Funktionäre kennen.

„Es war eine abenteuerliche Zeit", erinnert sich der Unternehmer. „Sogar in Sankt Petersburg hatten die Menschen nicht genug zu essen." Wydra importierte LKW-Ladungen von Lebensmitteln und machte auf diese Weise seine ersten Geschäfte in Russland. Später gründete Wydra die Firma Mawy und half deutschen Unternehmen wie Escada, in Russland Fuß zu fassen. Besonders stolz ist Wydra auf seine Kooperation mit dem Joghurt-Hersteller Ehrmann, für den er in Russland ein Vertriebsnetz aufbaute. Mehr noch, er schlug Ehrmann die Entwicklung eines dem russischen Geschmack angepassten Joghurts vor, der von den russischen Verbrauchern begeistert angenommen wurde. Seit 2000 unterhält Ehrmann eine Produktionsanlage in der Nähe von Moskau, die mit der Unterstützung von Mawy geplant und aufgebaut wurde. Mit den Jahren kamen weitere bekannte Markennamen wie das Pharmaunternehmen Klosterfrau, der Schokoladenfabrikant Ritter Sport oder der Einzelhandelsriese Marktkauf hinzu, die sich dank Mawy alle fest auf dem russischen Markt etablieren konnten.

Heute begreift sich Wydra nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Fürsprecher Russlands. „Ich bin dem Land sehr dankbar und fühle auch einen gewissen Stolz, wenn ich sehe, wie sich etwa das Leben meiner

Mitarbeiter verbessert und sich das ganze Land positiv entwickelt hat", sagt er. Heute bestimmen Angebot und Nachfrage das Wirtschaftsleben und man kann seine Rechte vor Gericht verteidigen. Dennoch gebe es Unterschiede. „Deutsche Unternehmer wollen immer nach strikten Vorgaben arbeiten und einem Plan nachgehen, während bei russischen Partnern Vertrauen an oberster Stelle steht", beschreibt Wydra seine Erfahrungen. Genau deshalb hält er die Zusammenarbeit von Deutschen und Russen für eine perfekte Mischung aus Ordnung auf der einen und Kreativität auf der anderen Seite.

Trotz der Ukraine-Krise hofft der Unternehmer, dass die guten Wirtschaftsbeziehungen nicht durch Sanktionen gefährdet werden. Er hat Grund zu Optimismus: „Zurzeit führen wir eine neue deutsche Modemarke in Russland ein und unsere Partner stehen voll hinter mir", versichert er. Die ersten drei Geschäfte seien schon eröffnet, weitere sollen bald folgen. Auch die Firma Mawy soll es noch lange geben. Die nächste Generation der Wydras steht schon bereit. Wydras Sohn, ebenfalls ein ehemaliger Pilot, ist mittlerweile auch mit an Bord des Unternehmens.

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