Russischer Automarkt: Nachfrage in steilem Sinkflug

Insbesondere westliche Hersteller kämpfen in Russland mit Absatzrückgängen. Foto: Michail Mordassow

Insbesondere westliche Hersteller kämpfen in Russland mit Absatzrückgängen. Foto: Michail Mordassow

Der russische Automobilmarkt verzeichnete im Mai einen dramatischen Rückgang: Die Verkaufszahlen fielen im Vergleich zum Vorjahr bei Ford um bisher noch nie dagewesene 56 Prozent, bei Citroen um 40 Prozent und bei Peugeot um 37 Prozent. Diese Zahlen seien ein Beleg für die Stagnation der russischen Wirtschaft, meinen Experten.

Laut einer Studie des Verbands des europäischen Unternehmertums ist der Markt für Personenkraftwagen und leichte Nutzfahrzeuge in Russland im Mai 2014 um zwölf Prozent geschrumpft. In diesem Monat sind lediglich 201 500 Kraftfahrzeuge abgesetzt worden. Im Vergleich zum Mai 2013 sank der Umsatz bei Ford um 56 Prozent, bei Citroen um 40 Prozent, bei Peugeot um 37 Prozent, bei SsangYong um 33 Prozent, bei Chevrolet um 31 Prozent, bei Opel um 29 Prozent und bei Volkswagen um 19 Prozent. Diese Zahlen machen deutlich, dass die ausländischen Automobilkonzerne in Russland einen Gewinneinbruch in einer noch nie dagewesenen Höhe verzeichnet haben.

Den Rückgang bei Ford erklären die Autoren der Studie damit, dass das Unternehmen zum einen die Preise für seine Fahrzeuge aufgrund der Entwertung des Rubels deutlich nach oben habe korrigieren müssen und zum anderen seine Modellpalette seit mehreren Jahren nicht mehr aktualisiert habe. So ging zum Beispiel der Absatz des populärsten Ford-Modells Focus um 68 Prozent zurück. Der Marktanteil des Unternehmens halbierte sich dadurch im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von vier Prozent auf zwei Prozent.

Demgegenüber fiel der Verkauf der Marke Lada, einem bis heute noch sehr populären einheimischen PKW-Modell, um nur zehn Prozent zurück: Im Mai wurden 34 061 Ladas verkauft, 3 000 weniger als im Monat davor.

Auf dem zweiten Platz der Umsatzergebnisse liegt der koreanische Hersteller Kia, der mit lediglich zwei Prozent den geringsten Verkaufsrückgang erleiden musste. Zu den positiven Überraschungen zählt Nissan. Der japanische Autohersteller setzte im Vergleich zum Vorjahr 22 Prozent mehr Fahrzeuge ab.

Experten führen einen solch deutlichen Rückgang beim Verkauf von Personenkraftwagen nicht nur auf die Entwertung des Rubels oder die Schwankungen auf dem Finanzmarkt zurück, obwohl das ursprünglich natürlich der Hauptgrund gewesen sein mag. „Das Schrumpfen der Wirtschaft und der Fall des Rubelkurses haben sich sowohl auf den Preis für PKW als auch auf das Käuferverhalten ausgewirkt", erklärt Anna Osedlen, Analystin beim Meinungsforschungsinstitut Frost & Sullivan. Sie meint, die Verbraucher warteten im Moment auf eine Stabilisierung der Situation. Deshalb schieben sie ihre Kaufentscheidung vorerst auf. Die Unternehmen erwarten einen weiteren Rückgang um fünf bis sieben Prozent. „Die Situation auf dem russischen Automobilmarkt ist ein ausgezeichneter Indikator dafür, wie es um die heimische Wirtschaft steht. Wenn der PKW-Absatz zurückgeht, bedeutet das auch, dass die russische Wirtschaft eine Stagnation oder sogar eine Krise durchlebt", erklärt Dmitrij Baranow, Experte beim Finanzunternehmen Finnam Management. Die Verbraucher – sowohl Privatpersonen als auch Geschäftskunden – erkennen schnell die Entwicklungsaussichten in der Wirtschaft. Und wenn sie an eine bessere Zukunft glauben, sind sie auch bereit, langlebige Konsumgüter wie Personenkraftwagen zu erwerben.

 

Die Marktführer in Russland

Wie Vertreter der russischen Regierung bereits mehrfach deutlich gemacht haben, ist der Automobilmarkt einer der wichtigsten Branchen für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Aus diesem Grund hat die

russische Regierung eine Politik der Integration ausländischer Automobilkonzerne eingeführt. Infolge dieser Politik bauten die ausländischen Autohersteller Produktionsstätten in verschiedenen Regionen des Landes auf. So fertigt zum Beispiel Ford seine Fahrzeuge im Gebiet Leningrad, im Nordwesten des Landes, Renault in Moskau und Volkswagen in Kaluga, 170 Kilometer von der russischen Hauptstadt entfernt. „Jedoch belegen die jüngsten Daten, dass das Angebot auf dem Automarkt die Nachfrage übersteigt. Viele Autohersteller haben ihre Marktpolitik angepasst. So hat zum Beispiel Toyota sein Angebot in Russland gedrosselt, Porsche liefert ebenfalls weniger Fahrzeuge", sagt Wladimir Moschenkow, Vize-Präsident der Unternehmensgruppe AwtoSpezZentr. Seiner Meinung nach bedürfen die Montagebetriebe in Russland entweder einer Unterstützung vonseiten der Regierung oder aber die Produktion müsse heruntergefahren werden.

Allerdings bleibt der russische Automobilmarkt weiterhin für ausländische Investoren interessant, schon allein wegen seiner Größe, des überalterten Fahrzeugbestands und der wachsenden Einkommen der Bevölkerung. Besonders gute Wachstumschancen hat nach Meinung zahlreicher Experten das Segment der Geländewagen. Nach Angaben der Agentur Awtostat ist von Januar bis April 2014 der Verkauf von SUVs im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 4,7 Prozent gestiegen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der russische Marktführer AwtoWAS die Produktion eines eigenen Geländewagens verkündet hat. Wie es in der Pressemitteilung des Unternehmens heißt, plant der Automobilhersteller bereits im Herbst die Einführung von drei Modifikationen des Personenkraftwagens Lada als eine Art Crossover auf

den Markt zu bringen: den Lada Kalina Cross, den Lada Largus Cross und den Lada 4x4 Urban. Der Grundpreis für den Lada Kalina soll bei 327 500 Rubel (rund 7 000 Euro), für den Lada 4X4 bei 364 500 Rubel (etwa 7 800 Euro) und für den Largus bei 384 000 Rubel (etwa 8 250 Euro) liegen. „Diese Entscheidung von AwtoWAS entspricht vollkommen der vor einigen Jahren vom Unternehmen verabschiedeten Entwicklungsstrategie, die die Konstruktion neuer PKW-Modelle und deren regelmäßige Erneuerung vorsieht", kommentiert Dmitrij Baranow vom Finanzunternehmen Finnam Management. Die weiteren Entwicklungen auf dem einheimischen Automarkt hingen nach Meinung des Experten in erster Linie davon ab, wie die Wirtschaft des Landes sich im Ganzen entwickeln werde.

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