Gazprom-Ukraine: Der Gasstreit geht in die nächste Runde

Gazprom nutzt zukünftig europäische Gasspeicher. Foto: Reuters

Gazprom nutzt zukünftig europäische Gasspeicher. Foto: Reuters

Der russische Energiekonzern Gazprom hat dem ukrainischen Unternehmen Ukrtransgaz zum 23. Juni 2014 gekündigt. In Zukunft wird Gazprom keine ukrainischen Gasspeicher mehr nutzen, um die Nachfrage aus Europa zu bedienen. Die Ukraine warnt vor Lieferengpässen.

Ukrtransgaz gehört zum ukrainischen Konzern Naftogaz und betreibt unter anderem Gasspeicher in der Ukraine. Nach der Vereinbarung mit Gazprom stellte das Unternehmen sicher, dass Tagessschwankungen beim Gasverbrauch der europäischen Abnehmer durch ukrainische Reservespeicher ausgeglichen werden. Das gelieferte Gas wurde später von Gazprom nachbezahlt. Vorteil dieser Regelung war eine wesentlich schnellere Transitzeit, da das Gas nur aus der westlichen Ukraine abgerufen werden musste. Bis Gasnachlieferungen aus Russland in Europa angekommen wären, hätte es im Schnitt drei Tage gedauert. Michail Kortschemkin, Generaldirektor der East European Gas Analysis, erklärt, dass es wichtig gewesen sei, die Gasreserven in den ukrainischen Gasspeichern zu erhalten, um den Transit in den Wintermonaten zu erhöhen.

Der Ausgleichsmechanismus fand laut Naftogaz vor allem im Winter Anwendung, wenn die Nachfrage aus Europa stark anstieg. Naftogaz warnte, dass es infolge der Vertragskündigung zu Lieferunterbrechungen kommen könnte. Das Unternehmen äußerte die Besorgnis, dass dafür dann die Ukraine verantwortlich gemacht werden würde. „Das ukrainische Gastransportsystem soll bei den Europäern in Misskredit gebracht werden", erklärte Naftogaz-Chef Andrej Kobolew. Gazprom will zukünftig nur noch auf Speicher in europäischen Ländern zurückgreifen, um die Schwankungen auszugleichen.

Grigorij Birg, Co-Direktor der analytischen Abteilung der Agentur Investcafe, hält die Vertragskündigung für sinnvoll. Gazprom hätte genügend Kapazitäten in den europäischen Gasspeichern und sei daher nicht mehr gezwungen, der Ukraine bei steigender Nachfrage aus Europa Gas zu bezahlen, während andererseits noch Rechnungen offen seien, erklärte Birg gegenüber RBTH.

 

Kein Gasgeschäft ohne Gazprom

Gazprom traf die Entscheidung der Vertragskündigung möglicherweise vor dem Hintergrund, dass die Ukraine die Gründung einer Betreibergesellschaft für die ukrainische Pipeline plant und 49 Prozent der Anteile europäischen und US-amerikanischen Partnern übertragen will. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wurde der Werchowna Rada in Kiew in

der vergangenen Woche durch den ukrainischen Premierminister Arsenij Jazenjuk vorgelegt. „Wir müssen eine Entscheidung über die Modernisierung und eine gemeinsame Verwendung des ukrainischen Gastransportsystems treffen", meinte Jazenjuk.

Im ukrainischen Parlament herrscht die Ansicht, dass das Projekt nur sinnvoll sei, wenn gleichzeitig der Bau der russischen „South Stream"-Pipeline gestoppt werde. Zwar könne eines der Hauptargumente für den Bau von „South Stream", nämlich dass ein Transit durch die Ukraine mit zu vielen Risiken behaftet sei, entkräftet werden, wenn der Gastransport von westlichen Partnern gesteuert werde, sagt Birg. Doch ohne eine Zusicherung Gazproms, das Gas weiterhin über die Ukraine zu liefern, seien ausländische Investoren nach Ansicht von Michail Kortschemkin nicht bereit, Geld in das ukrainische Gastransportsystem zu stecken. Europa könne sich nicht erlauben, auf alternative Gasleitungen zu verzichten.

Sergej Nekrasow, Analytiker von MFX Broker, teilt diese Meinung. Eine Beteiligung westlicher Partner könne Risiken für Europa verringern, jedoch

habe Gazprom weiterhin eine Monopolstellung bei der Gaslieferung. Die Aussichten für die Fertigstellung von „South Stream" seien daher gut. Auch Viktor Neustrojew, Hauptanalytiker bei Wild Bear Capital, sieht eine vielversprechende Perspektive für „South Stream".

Innerhalb der EU wird „South Stream" kritisch beäugt. Mit ihrem Appell an Investoren aus den USA und Europa, sich am ukrainischen Gastransportsystem zu beteiligen, hat die Ukraine den Wunsch Europas aufgegriffen, die Abhängigkeit von Gazprom zu verringern.

Auf diesen Wunsch sind wohl auch die jüngsten Forderungen des EU-Parlaments, das Projekt „South Stream" zu stoppen, zurückzuführen. Die EU fordert, dass im Falle einer Realisierung die Pipeline nicht ausschließlich von Gazprom genutzt werden dürfe. Angesichts der ukrainischen Pläne könnte Gazprom dieser Forderung vielleicht nachkommen.

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