Putins Friedenssignal in Wien: Atempause für die russischen Börsen

Das Wort des russischen Präsidenten lässt den Wert russischer Aktien rasant steigen. Foto: Reuters

Das Wort des russischen Präsidenten lässt den Wert russischer Aktien rasant steigen. Foto: Reuters

Als Folge des Konflikts in der Ukraine hatte die russische Wirtschaft zuletzt deutlich an Fahrt verloren. Nun ändert sich das Bild. Seit der russische Präsident Wladimir Putin während seines Staatsbesuchs in Österreich die Bereitschaft Russlands zu einer friedlichen Lösung des Konflikts in der Ukraine unterstrich, sind die russischen Börsen wieder auf Erholungskurs.

Bei seinem Staatsbesuch in der österreichischen Hauptstadt Wien in der vergangenen Woche äußerte der russische Präsident Putin Hoffnung auf eine friedliche Beilegung des Ukraine-Konflikts. Die, wie der Präsident sagte, „sachlichen Verhandlungsgespräche“ von Donezk, bei denen erstmals alle Parteien gemeinsam an einem Tisch sitzen, hätten „eine große Erfolgschance“. Die Bitte des Präsidenten an den russischen Föderationsrat, die Interventionserlaubnis für ein militärisches Eingreifen in der Ukraine zurückzunehmen, hat Russlands Bereitschaft einer friedlichen Konfliktbeilegung noch mehr verdeutlicht. Diese Entwicklungen sorgten an den russischen Börsen für ein Aufatmen.

Der Rubel rollt wieder

Der Kurs der zuletzt gebeutelten russischen Währung stieg gegenüber dem US-Dollar und dem Euro steil an. Innerhalb eines Tages erreichte der Rubel wieder den Wert, den er zuletzt im Januar 2014 hatte. Auch die beiden russischen Aktienindizes MMWB und RTS stiegen um 2,2 Prozent (auf 1 518 Punkte) und 3,8 Prozent (auf 1 421 Punkte). Der Anstieg des Rubels führte gleichzeitig zu einem Anstieg der Nachfrage nach Obligationen. Langfristige Obligationen legten um etwa 50 Basispunkte zu. Noch dazu sind die Aktien des größten russischen Gaskonzerns Gazprom innerhalb eines Tages um 4,1 Prozent gestiegen.

„An der Börse werden auch mögliche Risiken berücksichtigt“, erklärt Aleksej Koslow, Hauptanalyst bei UFS IC. „In den letzten Monaten wurde der Kurs hauptsächlich von den geopolitischen Risiken bestimmt, die mit der Krise in der Ukraine zusammenhängen“, führt er weiter aus. Vor allem ein mögliches Eingreifen des russischen Militärs in der Ukraine hätte den westeuropäischen Ländern Sorge bereitet. Nachdem dieses Risiko nach der Rücknahme der Interventionserlaubnis nun nicht mehr bestehe, sei ein längerfristiges Wachstum des Rubels zu erwarten, sagt Koslow. Am Dienstag hatte der Rubel ein Fünfmonatshoch erreicht. „Das Wachstum der russischen Währung wird außerdem durch die hohen Ölpreise in der Region von 114 US-Dollar pro Barrel für Europas wichtigste Rohölsorte Brent positiv beeinflusst“, sagt Alexander Maksimow, Hauptanalyst des Brokers AForex.

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Die Märkte reagieren schnell. Im März, nach dem Beitritt der Krim zur Russischen Föderation und der Erteilung der militärischen Interventionserlaubnis, wirkten sich diese Ereignisse umgehend negativ aus. Die Indizes RTS und MMWB sind damals an einem Tag bereits bei der Eröffnung der Börse um 4,8 Prozent bis fünf Prozent gefallen, die Aktien der russischen Staatsbank VTB um 9,5 Prozent und die der größten russischen Bank Sberbank um neun Prozent, die Aktien von Gazprom fielen um 6,4 Prozent.

Putins Wort kann Unternehmen in die Knie zwingen

Experten erwarten, dass der Rubel weiter steigt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Europäische Union nach Putins deutlichem Friedenssignal weitere Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängen werde, sei zudem gesunken. „Weitere solche Signale guten Willens könnten sich positiv auf das allgemeine Bild Russlands im Ausland auswirken und längerfristig dazu führen, dass Entscheidungen über Investitionen wieder zugunsten Russlands ausfallen und so den Geldfluss positiv beeinflussen“, so Aleksej Koslow. Er schreibt Putin eine wichtige Rolle zu: „Der Präsident findet immer klare Worte und überrascht die Investoren oft mit wichtigen, aber auch unkonventionellen Maßnahmen.“ Das wirke sich oft stark auf den Markt aus, und zwar nicht nur auf die Börsenindizes allgemein, sondern auch auf die Börsennotierung einzelner Unternehmen.

Es sei an den 24. Juli 2008 erinnert, als Putin bei der Konferenz über „Maßnahmen zur Entwicklung der Schwarzmetallurgie und die Versorgung des Binnenmarkts mit Metallerzeugnissen“ den Konzern Metschel beschuldigte, Kohle zu erhöhten Preisen im Inland zu verkaufen. Igor Sjusin, CEO und Haupteigentümer, war auf dieser Konferenz aus gesundheitlichen Gründen nicht anwesend. „Er sollte so schnell wie möglich wieder gesund werden. Ansonsten muss man einen Arzt zu ihm schicken, um diese Probleme aus der Welt zu schaffen“, erklärte Wladimir Putin damals. „Die Regierung wollte die Preisbildung auf dem Metallmarkt beeinflussen. Das hatte umgehend Auswirkungen auf die Kapitalisierung von Unternehmen dieses Industriezweigs“, erklärt Aleksandr Dorofejew, Generaldirektor des Consultingunternehmens Arkaim. Putins „Genesungswünsche“ hatten gravierende Folgen für Metschel: Der Aktienkurs fiel noch am selben Tag um 38 Prozent.

Journalisten der wöchentlich erscheinenden Zeitschrift „Kommersant-Wlast“ haben sich die Mühe gemacht, Putins Worte in Zahlen umzurechnen. Nicht weniger als 108 Worte hatte der Präsident für Metschel übrig. Das Kapital des Unternehmens schrumpfte allerdings in der Folge von 11,35 Milliarden Euro auf 7,83 Milliarden Euro. Jedes einzelne Wort Putins hat Metschel also 32,5 Millionen Euro gekostet.

Zwei Jahre später bedauerte Putin seinen früheren Angriff auf das Unternehmen und hob dessen Erfolge öffentlich hervor. Danach stiegen die Aktien des Unternehmens an der New-Yorker Fondsbörse sofort um 7,7 Prozent und das Kapital wuchs von 6,29 Milliarden Euro auf 6,77 Milliarden Euro. Das Lob Putins war in 68 Worte verpackt – somit brachte jedes einzelne Metschel 7,1 Millionen Euro.

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