Wirtschaftssanktionen: Eigentor für Deutschland?

Unternehmen mit starkem Russland-Geschäft tragen den größten Schaden: 25 000 Arbeitsplätze sind in Gefahr. Auf dem Bild: Fertigung von Elektromotoren bei Bosch. Foto: www.vdma.org

Unternehmen mit starkem Russland-Geschäft tragen den größten Schaden: 25 000 Arbeitsplätze sind in Gefahr. Auf dem Bild: Fertigung von Elektromotoren bei Bosch. Foto: www.vdma.org

Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft hat deutsche Unternehmer zu ihrer Haltung zu Wirtschaftssanktionen gegen Russland befragt. Die Unternehmen befürchten schwerwiegende Folgen für Deutschland, Zehntausende Arbeitsplätze könnten verloren gehen.

Das Thema Wirtschaftssanktionen schwebt wie ein Damoklesschwert über jedem Gespräch über das Verhältnis zwischen den USA und Europa zu Russland. Der Westen fordert von Russland einen deutlichen Beitrag zur Deeskalation der Lage im Osten der Ukraine und droht mit der dritten Stufe der Sanktionen, die darauf abzielen, die russische Wirtschaft in ihrer Gesamtheit zu treffen.

Der  Minister für wirtschaftliche Entwicklung der Russischen Föderation, Alexey Uljukaew, zeigte sich noch vor wenigen Wochen gelassen und hielt Wirtschaftssanktionen für unwahrscheinlich, denn diese würden letztlich auch den Westen selbst treffen. Russische und deutsche Wirtschaftsvertreter und Analysten hingegen sehen durchaus schon jetzt einen Schaden für die russische Wirtschaft. „Die indirekten Konsequenzen des Konflikts mit dem Westen – eine massive Zunahme von Kapitalabflüssen aus Russland – belasten bereits jetzt die russische Wirtschaft erheblich“, heißt es in einer Analyse der Deutschen Bank.

Alarmierende Zahlen

Der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft, der nach eigenen Angaben die Interessen der deutschen Wirtschaft im östlichen Europa vertritt, stellte die Ergebnisse einer Umfrage unter 105 deutschen Unternehmen vor. Immerhin 60 Prozent gaben an, dass sich die Krise in der Ukraine bereits negativ auf ihre Geschäfte ausgewirkt hätte. Der seit Monaten schwelende Konflikt hätte die aktuelle Konjunkturflaute in Russland und auch die Rubelschwäche, die deutsche Exporte verteuere, weiter verstärkt.

So sind die Lieferungen deutscher Unternehmen nach Russland in den ersten vier Monaten des Jahres 2014 um 14 Prozent oder 1,7 Milliarden Euro zurückgegangen. Die Ausfuhren in die Ukraine sanken gar um 31 Prozent oder 500 Millionen Euro. „Dieser Exporteinbruch gefährdet in Deutschland aufs Jahr gerechnet 25 000 Arbeitsplätze“, warnte Eckhard Cordes, der Vorsitzende des Ost-Ausschusses. Sollte sich die Exportflaute fortsetzen, könnte sich der Umsatzverlust für deutsche Firmen am Jahresende auf 6,6 Milliarden Euro summieren. Ein Arbeitsplatz entspricht dabei einem Umsatz von 250 000 Euro.

Besonders hart wurde die Nahrungsmittelindustrie getroffen, sie verzeichnete ein Minus von etwa 30 Prozent im ersten Quartal. Aber auch die Automobilbranche und der Maschinenbau mussten überdurchschnittlich viele Federn lassen. Hier lag das Minus bei rund 20 beziehungsweise 17 Prozent. Für beide Branchen gehörte Russland bisher zu den wichtigsten Absatzmärkten. Die Automobilindustrie verdiente mit russischen Kunden rund vier Prozent ihres Umsatzes, beim Maschinenbau waren es fünf Prozent.   

Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, erklärte bereits im März, dass die Ukraine zur Gefahr für die Erholung auf dem europäischen Markt werden könnte. Reinhold Festge, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, VDMA, warnte Ende Mai, dass ein Einbruch auf dem russischen Markt den gesamten deutschen Maschinenbau „nach unten ziehen“ könnte. Denn während die Autohersteller dank guter Verkaufszahlen in den USA ihren Gesamtexport dennoch steigern konnten, schafften es die Maschinenbauer nicht, das schlecht laufende Geschäft mit Russland auf anderen internationalen Märkten zu kompensieren.

Fast zwei Drittel der Unternehmen mit einem Russland-Geschäft klagen laut VDMA über Auftragsrückgänge. Jedes fünfte Unternehmen der Branche klagt über Stornierungen. Und auch wenn der Rückgang schon vor der Krim-Krise einsetzte, heißt es beim VDMA, machen sich mögliche Sanktionen bereits bemerkbar. So klagten zwölf Prozent über Verzögerungen beim Export von Maschinen, die auch dem Militär dienlich sein können, etwa in der Luftfahrtbranche. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle lasse sich mehr Zeit mit Genehmigungen, klagt auch der Ost-Ausschuss der Wirtschaft.

Klicken Sie das Bild an, um es näher anzusehen. Bild: Natalia Michajlenko

Claus Friedrich Laaser vom Kieler Institut für Weltwirtschaft sieht die Lage weniger dramatisch. Russland sei für Deutschland ein Handelspartner unter vielen, erklärte er. Der russische Anteil an den Ausfuhren betrage 3,3 Prozent, damit belege der größte Flächenstaat der Welt nur Platz elf  unter den deutschen Handelspartnern. „Verluste beim Russlandgeschäft wären zwar mit Kosten verbunden und schmerzlich, aber insgesamt nicht existenzbedrohend“, resümiert Laaser. Viele deutsche Exportunternehmen seien global aufgestellt und könnten sich auf andere Märkte umorientieren.

Die Analysten der Deutschen Bank sagen voraus, dass eine tiefe Rezession in Russland mit einem Minus von bis zu zehn Prozent der Wirtschaftsleistung auch das Wirtschaftswachstum in Deutschland dämpfen würde. Der Effekt läge dabei allerdings im Bereich von unter 0,5 Prozent des BIP. Das Minus würden dann allerdings Unternehmen mit starkem Russland-Geschäft tragen. Ein Exporteinbruch gefährdet laut Ost-Ausschuss aufs Jahr gerechnet 25 000 Arbeitsplätze.

Nur neun Prozent der vom Ost-Ausschuss in der oben zitierten Umfrage kontaktierten Unternehmen befürworten nach der Eingliederung der Krim zu Russland bereits heute die Notwendigkeit von Wirtschaftssanktionen. Weitere 47 Prozent befürworten Wirtschaftssanktionen als Ultima Ratio, während 44 Prozent Wirtschaftssanktionen völlig ablehnen. Der Vorsitzende Eckhard Cordes rief alle Konfliktparteien in der Ukraine-Krise dazu auf, „die sich jetzt bietenden Chancen zu einer Deeskalation entschlossen zu nutzen“.

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