Aeroflot etabliert sich im Billigflugsegment

Mit der Gründung einer eigenen Billigairline folgt Aeroflot einer Entwicklungsstrategie, die mittlerweile jede große europäische Fluggesellschaft verfolgt. Foto: RIA Novosti

Mit der Gründung einer eigenen Billigairline folgt Aeroflot einer Entwicklungsstrategie, die mittlerweile jede große europäische Fluggesellschaft verfolgt. Foto: RIA Novosti

In Russland gibt es seit Kurzem die Billigairline Dobrolet, die lange Zeit von Aeroflot geplant war. Derzeit verkehrt sie lediglich zwischen Moskau und der Krim, ab 2016 sollen jedoch auch internationale Ziele angesteuert werden. Notwendige Gesetzesänderungen könnten dem Billigflugprojekt nun Auftrieb verleihen.

Die russische staatliche Fluggesellschaft Aeroflot gab im Oktober 2013 die Gründung einer eigenen Billigairline bekannt, die unter dem Namen Dobrolet an den Start gehen sollte. Ihre Flüge nahm das Unternehmen jedoch erst im Juni 2014 auf. Die erste Flugstrecke war die Verbindung Moskau – Krim. Flugtickets wurden zu Sonderpreisen zwischen 999 Rubel (rund 21 Euro) und 3 499 Rubel (rund 75 Euro) verkauft. Diese Angebote waren nicht zuletzt dank einer staatlichen Subventionierung möglich.

Im August will das Unternehmen zwei weitere innerrussische Verbindungen aufnehmen, wie ein Pressesprecher von Dobrolet gegenüber RBTH bestätigt. Geplant sind Flüge von Moskau nach Wolgograd und von Moskau nach Perm zu günstigen Konditionen ab 999 Rubel. Im Ticketpreis inbegriffen ist der Transport eines Handgepäckstücks von maximal zehn Kilogramm Gewicht. Für ein weiteres Gepäckstück und zusätzliche Dienste, etwa die Verköstigung an Bord oder einen festen Sitzplatz, muss man einen Aufpreis bezahlen.

„Das Niedrigpreis-Modell beruht auf einer maximalen Senkung der Kosten. Auf der Grundlage einer solchen Kalkulation bietet Dobrolet Tarife an, die um 20 bis 30 Prozent günstiger sind als klassische Flugtickets der Economy Class“, sagt der Sprecher von Dobrolet. Bis Ende dieses Jahres

werde das Liniennetz auf zehn Verbindungen innerhalb Russlands ausgeweitet. Bis 2018 sollen bereits 40 Ziele angeflogen werden. Außerdem will das Unternehmen 2016 auf den internationalen Markt expandieren. Über die geplanten ausländischen Zielorte wollte man sich bei der Fluggesellschaft nicht äußern. Nach Informationen der russischen Wirtschaftszeitung „Wedomosti“ jedoch sind drei konkrete Ziele im Gespräch: Tel Aviv, Istanbul und Barcelona. „Bis 2018 zählt unsere Flotte bis zu 40 Flugzeuge, mit denen jährlich bis zu zehn Millionen Passagiere befördert werden können. Das Unternehmen wird dadurch einen Platz unter den zehn größten Fluggesellschaften Russlands einnehmen“, so der Dobrolet-Sprecher.

Mit der Gründung einer eigenen Billigairline folgt Aeroflot einer Entwicklungsstrategie, die mittlerweile jede große europäische Fluggesellschaft verfolgt. So konnte beispielsweise die Lufthansa-Tochter Germanwings eine Nische auf dem Markt europäischer Billigfluganbieter einnehmen. Einen ähnlichen Weg schlug die spanische Fluggesellschaft Iberia ein, die 2006 mit der eigenen Billigairline ClickAir an den Start ging. Zwei Jahre später fusionierte ClickAir mit einem Konkurrenten, der Fluggesellschaft Vueling. 46 Prozent der Aktien dieses Unternehmens blieben im Besitz von Iberia. Die Ergebnisse der Fusion sprechen für sich: Vueling ist heute die zweitgrößte spanische Fluggesellschaft und fliegt rund 150 Ziele in ganz Europa an. „Die weltweite Praxis zeigt, dass Billigairlines auf dem Markt der Passagierflüge sehr erfolgreich sind“, bemerkt der Sprecher von Dobrolet. Das Passagieraufkommen von Billigfluggesellschaften macht in Europa 38 Prozent, in Nordamerika 30 Prozent, in Südamerika 27 Prozent, in Asien 17 Prozent und in Afrika neun Prozent aus – Tendenz steigend.

 

Gesetzesänderungen könnten den Erfolg sichern

Dobrolet ist bereits der dritte Anlauf zur Etablierung einer russischen Billigairline im Markt. Die Vorgängerprojekte konnten sich alle nicht dauerhaft halten. Die beiden Fluggesellschaften Sky Express und Avianova, die nach dem gleichen Geschäftsmodell arbeiteten, mussten 2011 Konkurs anmelden. Als wesentliche Gründe für den wirtschaftlichen Misserfolg nannten Experten hohe Kosten, darunter auch Steuern und Flughafengebühren sowie das Fehlen gesetzlicher Regelungen für den Betrieb von Billigairlines. Nach dem russischen Luftgesetzbuch war zum Beispiel der Verkauf nicht umtauschbarer Tickets unzulässig. Auch sah das Gesetz eine Bordverpflegung als obligatorisch vor. Deshalb könnten die vor Kurzem verabschiedeten Gesetzesänderungen zum Erfolgsfaktor für Dobrolet werden, meint Anatoli Chodorowski, stellvertretender Generaldirektor der Investmentgesellschaft Region. Die Fluggesellschaft könne durch Einnahmen aus zusätzlichen Diensten und einer Reduzierung der Kosten endlich nach dem klassischen Geschäftsmodell einer Billigairline wirtschaften.

Eine Optimierung der Betriebsprozesse ist vor allem durch das Stammunternehmen Aeroflot möglich, schätzen Experten. „Eine Grundvoraussetzung der Kostensenkung ist eine neue homogene Flotte“, so Chodorowski. Dobrolet verfügt mittlerweile über acht Boeing 737NG, die

es dank einer Unterstützung von Aeroflot kaufen konnte. „Die Versorgung mit Treibstoff erfolgt außerdem ebenfalls nach den für Aeroflot geltenden Tarifen“, ergänzt der Leiter des analytischen Dienstes der Agentur Awiaport Oleg Pantelejew. Jedoch hängt die Expansion des Unternehmens auf dem internationalen Markt von staatlicher Unterstützung ab. „Internationale Ziele kann Dobrolet in Zukunft nur anfliegen, wenn Regierungsvereinbarungen für jede Verbindung abgeschlossen werden“, erklärt Anatoli Chodorowski.

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