Neue Straßenbahn „Russia One“: iPhone auf Schienen

Die neue Straßenbahn ist mit Wi-Fi, GPS, einem Navigationssatellitensystem, Videokameras statt Außenspiegeln und Klimaanlage ausgerüstet. Foto: Darja Kesina

Die neue Straßenbahn ist mit Wi-Fi, GPS, einem Navigationssatellitensystem, Videokameras statt Außenspiegeln und Klimaanlage ausgerüstet. Foto: Darja Kesina

In Jekaterinburg wurde der Prototyp von „Russia One“ vorgestellt, einer Straßenbahn für den Nahverkehr. Sie besticht durch ein futuristisches Design, das an Star Wars oder Batman erinnert. Im Netz wird sie bereits von ersten Fans gefeiert.

Bei der jährlichen Industriemesse Innoprom, die in diesem Jahr vom 9. bis 12. Juli in Jekaterinburg 1400 Kilometer östlich von Moskau stattfand, sorgte die dort ausgestellte Straßenbahn „Russia One“ (R1) für Furore unter den Besuchern. Ein „iPhone auf Schienen“ – so lautete das Urteil. Die Straßenbahn wurde von Uraltransmash, einem Betrieb für Verkehrsmaschinenbau, der der wissenschaftlichen Industriegruppe Uralvagonzavod angehört, in Zusammenarbeit mit dem Konstruktionsbüro Atom entwickelt.

Die futuristische Straßenbahn erinnert an einen riesigen schwarzen Kristall und erscheint beinahe unwirklich, wie aus einem Science-Fiction-Film. „Wir

wollten den Stadtbewohnern eine positivere Einstellung zum öffentlichen Verkehr vermitteln und den Stadtverkehr im In- und Ausland auf ein höheres Niveau bringen“, sagt Alexej Maslow, Designer der „Weltraum-Straßenbahn“ gegenüber RBTH. Die Hersteller bezeichnen ihr Werk als „weltweit erste Straßenbahn der Business-Class“. „Schließlich konkurrieren wir international mit Giganten wie Alstom, Bombardier und Siemens“, erklärt Maslow das ungewöhnliche Design.

Mit den Tests der neuen russischen Straßenbahn soll im Februar 2015 begonnen werden, die Massenproduktion startet 2016. Erster Einsatzort wird Jekaterinburg, bald darauf sollen Omsk und Moskau sowie das Ausland folgen.

 

Auch das Innenleben beeindruckt

Die offizielle Bezeichnung lautet schlicht „neue dreiteilige Niederflurstraßenbahn R1“. Die R1 ist mit Wi-Fi, GPS, einem Navigationssatellitensystem, Videokameras statt Außenspiegeln und Klimaanlage ausgerüstet. In der Straßenbahn sind Lampen montiert, die es ermöglichen, die Beleuchtung je nach Lichtverhältnis anzupassen. Die Modulbauweise der Karosserie ermöglicht es, den Fahrgastraum umzugestalten und so die Anzahl der Sitzplätze zu variieren.

Foto: Darja Kesina

Die Haltestangen sind aus speziellem Kupfer gefertigt, dessen einzigartige Eigenschaften die Keimbildung hemmen sollen. Eingebaute Quarzlampen reinigen und desinfizieren über Nacht den gesamten Fahrgastraum. Auch so wird das Risiko von Infektionskrankheiten verringert. Auf den Touchscreen im Führerhaus werden Bilder von den Überwachungskameras im Fahrgastraum und von den äußeren Videoregistratoren weitergeleitet. Das Führerhaus ist über dem Gleiskörper vorgelagert, wodurch der Blickwinkel des Fahrers um 15 Prozent erweitert

wird. Dadurch kann eine der häufigsten Gefahrensituationen vermieden werden, nämlich, wenn ein Fußgänger vor der an einer Haltestelle stehenden Straßenbahn über die Straße geht und in den „toten Winkel“ gerät. Eine Batterieladung reicht für etwa 50 Kilometer. Die Geschwindigkeit entspricht dem eines Triebwagens.

Nikolai Kirnos, Leiter des Produktionsbereichs Straßenbahnbau bei Uraltransmash, weist zudem auf eine besondere Neuerung hin: Jedes der insgesamt acht Räder verfüge über einen eigenen Antrieb. Das unterscheide die R1 von den herkömmlichen Straßenbahnen, bei denen jeder Radsatz mit einem Antrieb versehen sei. Die R1 könne deshalb auch dann noch problemlos weiterfahren, wenn ein Fahrgestell ausfalle.

„Russia One“ ist die erste komplett in Russland hergestellte Niederflurstraßenbahn, die auch den internationalen Industrienormen gerecht wird. Die R1 wird praktisch vollständig aus in Russland hergestellten Baustoffen gefertigt. Das „Spiegelgehäuse“ besteht aus Verbundwerkstoff- und Hartglasplatten von höchster Qualität. Lediglich die Sicherheitsvorrichtungen für die Türöffner und der Faltenbalg, der die Wagen miteinander verbindet, sind ausländische Fabrikate.

 Foto: 1- 4 Pressebild; 5 - Darja Kesina

Die R1 ist mit einer geschätzten Million Euro etwa halb so teuer wie vergleichbare europäische Modelle. Eine dreiteilige Straßenbahn des europäischen Konkurrenten Pesa kostet etwa zwei Millionen Euro. Die teuersten Komponenten der R1sind die Fahrgestelle, die  ein Drittel der Gesamtkosten ausmachen. Sie werden von Uraltransmash gefertigt.

 

Begeisterung im Netz

Die ersten Fotos von der neuen Straßenbahn haben positive Reaktionen in den russischen sozialen Netzwerken hervorgerufen. Die meisten Nutzer sind geradezu begeistert: „Aus der Lautsprecherbox tönt der Imperial March“ oder „Eindeutig Darth-Vader-Style“ ist dort zu lesen. Einige erinnert das Design an den berühmten Sandcrawler aus den Star-Wars-Filmen oder an das Batmobil, daher haben sie die R1 bereits in „Bat-Tram“ umgetauft. 

Foto: Darja Kesina

Wie sich das futuristische Design ins Straßenbild russischer Städte einfügen wird, die gerade im Frühling und im Herbst recht schmutzig aussehen können, bleibt abzuwarten. Auf der Fotomontage eines Users, die die R1 inmitten von Pfützen und schmelzenden Schneebergen in Jekaterinburg zeigt,  kann man sich schon jetzt ein Bild davon machen.

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