Militärtechnik: Russland macht sich von Ukraine unabhängig

Russische Militärtechnik soll ohne ukrainische Produktion auskommen. Foto: Ilja Pitalew/RIA Novosti

Russische Militärtechnik soll ohne ukrainische Produktion auskommen. Foto: Ilja Pitalew/RIA Novosti

Um die Konsequenzen aus der unterbrochenen Zusammenarbeit mit der Ukraine zu kompensieren, plant Russland größere Ausgaben für den einheimischen Verteidigungs- und Industriesektor. Bis zu 700 Millionen Euro sollen in den nächsten vier Jahren investiert werden.

Russland wird in den nächsten Jahren über 700 Millionen Euro in den Ausbau des heimischen Verteidigungs- und Industriesektors investieren. Damit sollen die Konsequenzen aus der unterbrochenen Zusammenarbeit mit der Ukraine kompensiert werden, wie die Raumfahrtbehörde Roskosmos gegenüber der Zeitung „Kommersant" mitteilte. Zuvor hatte der neue ukrainische Präsident Petro Poroschenko im Juni ein Verbot für jegliche Zusammenarbeit mit Russland in den Bereichen Verteidigung und Industrie verhängt. Die Summe soll in die Produktion von Zubehör investiert werden, das in der Vergangenheit bei ukrainischen Unternehmen eingekauft worden war. Dazu zählt insbesondere Zubehör für die russischen Interkontinentalraketen.

Insgesamt sollen bis 2018 33 Milliarden Rubel (etwa 700 Millionen Euro) investiert werden. Allein 2014 wird sich das Investitionsvolumen auf 54 Milliarden Rubel (75 Millionen Euro) belaufen. Diese Summe wird zum einen aus bereits existierenden russischen Programmen zur Verfügung gestellt. Zum anderen – und das sind mehr als 23 Milliarden Rubel (490 Millionen Euro) – greift man auf Mittel des föderalen Zielprogramms für die Entwicklung des Verteidigungs- und Industriesektors 2011-2020 zurück. Der russische Vizepremierminister Dmitrij Rogosin hat in diesem Zusammenhang versprochen, dass ein konkreter Plan dafür bereits erarbeitet worden sei.

 

Sowjetische Erfahrung

Zahlreiche Experten ziehen einen Vergleich zu der Situation zu Zeiten der Sowjetunion. „In der Sowjetunion gab es sogenannte Ersatzelemente", erklärt Professor Alexej Skopin, Leiter des Lehrstuhls für regionale Wirtschaft und wirtschaftliche Geografie an der Hochschule für Wirtschaft in Moskau, und führt aus: „Während ein Unternehmen seine Produktion intensivierte, verringerte ein anderes seine. Die Unternehmen im Bereich

Verteidigung konnte man damals in zwei Kategorien einordnen: Basis und Zubehör. Gleichwohl gab es auch die Idee der Schaffung von Nachhaltigkeit und der Reduzierung von überflüssigen Kapazitäten." Heutzutage gebe es allerdings entweder überhaupt keine Unternehmen, die Zubehör für russische Raketen produzieren können, wie es die Ukraine langte Zeit getan habe, oder aber die zuständigen Bereiche seien in den Unternehmen einfach abgeschafft worden. „Alles basierte auf stabilen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine. Niemand konnte sich ernsthaft vorstellen, dass es eines Tages anders sein würde", sagt Skopin.

Aus einer Studie des Royal United Services Institutes geht hervor, dass etwa vier Prozent des russischen Imports im Bereich Militärtechnik auf die Ukraine entfallen. Und etwa 30 Prozent von diesen Importen bestehen aus Komponenten der interkontinentalen ballistischen Rakete SS-18.

 

Russisch-ukrainisches Satan-Projekt bedroht 

„Kiew und Moskau haben zahlreiche Schritte unternommen, um die Zusammenarbeit zu stoppen. Für Russland ist es besonders schlimm, insbesondere, was die interkontinentalen ballistischen Raketen SS-18 Satan und SS-25 angeht", betont Alexander Konowalow, Leiter des Instituts für strategische Einschätzungen. Diese Raketen seien zwar von russischen Unternehmen konstruiert und produziert worden, doch die Lenkkontrollsysteme würden in den ostukrainischen Städten Charkow und Dnipropetrowsk gefertigt. Zudem führten die ukrainischen Werke die Prüfungen der russischen Raketen mitsamt Wartung und Pflege durch. „Falls das Potenzial einer Rakete ausgeschöpft war oder Reparaturen notwendig wurden, schickte man die Rakete in die Ukraine", sagt Konowalow und ergänzt: „Das funktionierte lange Zeit reibungslos. Jetzt allerdings muss man wieder von vorne anfangen." Darüber hinaus sei eine

neue Rakete geplant gewesen. Das russische Verteidigungsunternehmen arbeite an einer neuen schweren, flüssigkeitsbetriebenen Rakete, die die Satan-Rakete ersetzen soll. „Ursprünglich war geplant, die Rakete gemeinsam mit der Ukraine zu entwickeln. Es war viel leichter, zusammenzuarbeiten und eine der Raketenstufen in Charkow zu bestellen. Jetzt muss Russland alles alleine machen", sagt der Experte.

Das neue Programm der Verteidigungsindustrie ist ein wichtiges Element bei der Kompensation der unterbrochenen Zusammenarbeit mit der Ukraine. Im April 2014 erklärte Präsident Putin, dass Russland imstande sei, diese Kompensation finanziell und technologisch durchzuführen. Dieser Prozess könne allerdings bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen. Jedoch sehe die neue Strategie kein Umdenken vor, was die staatlichen Verträge mit der Verteidigungsindustrie angehe, fügte der russische Präsident hinzu.

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