Sotschi: Spiele statt Sport

Noch im Februar 2014 hatte Wladimir Putin sich ausdrücklich gegen die Eröffnung von Spielkasinos in Sotschi ausgesprochen. Doch im Juni 2014 wies der Präsident die Regierung an, diese Idee doch auszuarbeiten. Foto: Michail Mokruschin / RIA Novosti

Noch im Februar 2014 hatte Wladimir Putin sich ausdrücklich gegen die Eröffnung von Spielkasinos in Sotschi ausgesprochen. Doch im Juni 2014 wies der Präsident die Regierung an, diese Idee doch auszuarbeiten. Foto: Michail Mokruschin / RIA Novosti

Auf der Halbinsel Krim wird die nächste offizielle Glücksspielzone Russlands entstehen. Das entsprechende, jüngst verabschiedete Gesetz brachte eine Überraschung: Auch in der Olympiastadt Sotschi soll der Rubel künftig am Roulettetisch rollen.

Der russische Präsident hat am vergangenen Dienstag ein neues Gesetz über die Errichtung von zwei neuen Glücksspielzonen in Russland unterschrieben. Demnach sollen das Glücksspiel auf der Halbinsel Krim und überraschend auch in der Olympiastadt Sotschi erlaubt werden. Glücksspiel ist in Russland nur innerhalb bestimmter Glücksspielzonen erlaubt. Entsprechende Zonen gibt es bereits in der Region Krasnodar, im Gebiet Kaliningrad sowie in den Regionen Altaiski krai und Primorski krai. Die Grenzen dieser Zonen werden von den Regionalverwaltungen festgelegt.

Wie der amtierende Präsident der Republik Krim, Sergei Aksjonow, erklärte, soll die dortige Glücksspielzone an der südlichen Küste der Krim liegen, in Bolschaja Jalta, dem touristischen Zentrum der Halbinsel. Seinen

Aussagen nach könnte sie von Experten aus Macao und Los Angeles geplant werden. In Sotschi wird die Regionalverwaltung noch festlegen, wo genau die Glücksspielzone eingerichtet werden soll. Nach dem Gesetz kann eine solche Zone nur dort liegen, wo bereits Objekte für die Olympischen Spiele geplant waren, deren Bau und Finanzierung aber nicht realisiert werden konnten, weil das Budget zu knapp war oder das staatliche Unternehmen Olimpstroi Einwände hatte.

Die Initiative, auch in Sotschi eine Glücksspielzone einzurichten, kam von German Gref, dem Vorsitzenden der größten russischen Bank Sberbank. Der Bank gehört unter anderem der Gebäudekomplex des olympischen Pressezentrums im Skigebiet Gornaja Karusel in Krasnaja Poljana. Gref verspricht sich von der Einrichtung einer Glücksspielzone eine Refinanzierung der Investitionskosten für die Olympischen Spiele. „Das Potenzial von Sotschi als Tourismusgebiet würde geschwächt, wenn die Stadt keine Glücksspielzone bekäme“, sagt auch Dmitri Absalow, der Präsident des russischen Zentrums für strategische Kommunikation. Konkurrenz zwischen der Krim und Sotschi sei nicht zu befürchten, da beide Orte verschiedene Zielgruppen ansprächen: „Die Krim ist eher auf

Massentourismus ausgelegt, während Sotschi im oberen Preissegment anzusiedeln ist.“ Eine Glücksspielzone würde die Attraktivität von Sotschi als Urlaubsziel noch einmal deutlich steigern, glaubt Absalow. „Sotschi in das Programm zur Einrichtung von Glücksspielzonen einzubeziehen, ist nur konsequent“, bestätigt Anna Mischutina, Analystin des Unternehmens Finam. Das Glücksspiel ergänze den Ausbau zum hochklassigen Tourismuszentrum. Auf der Krim sei die geplante Glücksspielzone hingegen eine Maßnahme zum Wiederaufbau der schwächelnden Wirtschaft, betont Mischutina.  

Wie es in den Erläuterungen zu dem Gesetz heißt, sollen die Glücksspielzonen in beiden Regionen Investoren anziehen, neue Arbeitsplätze und höhere Einnahmen für die öffentlichen Kassen bringen. Nach Einschätzungen von Experten könnten durch die Errichtung der Glücksspielzone auf der Krim 25 Milliarden Rubel (etwa 530 Millionen Euro) jährlich in den Haushalt fließen. Sotschi profitiert von der durch die Ausrichtung der Olympischen Spiele bereits vorhandenen Infrastruktur.

 

Investoren bevorzugen die Krim 

Noch im Februar 2014 hatte Wladimir Putin sich ausdrücklich gegen die Eröffnung von Spielkasinos in Sotschi ausgesprochen. „Das viele Geld haben wir nicht für ausgewählte Bürger, die in den Kasinos Tausende von Dollars verspielen, investiert“, erklärte der russische Präsident damals. Doch nachdem Abgeordnete des Stadtparlaments von Sotschi und der Bürgermeister der Stadt, Anatoli Pachomow, sich im Juni 2014 an das Staatsoberhaupt gewandt hatten, wies der Präsident die Regierung an, diese Idee doch auszuarbeiten.

Nicht alle Experten halten das für eine gute Idee. „Die historische Krim war immer ein sehr attraktiver Ort für russische Touristen. Und sie wird es

wieder werden, wenn sich die Lage dort stabilisiert hat“, meint Wassili Ucharski, Analyst des Unternehmens UFS IC. Ucharski sieht daher, anders als Dmitri Absalow, sehr wohl Konkurrenz für Sotschi, insbesondere, da die Krim im Kampf um Investoren, die enorme finanzielle Mittel für den Wiederaufbau der Halbinsel bereitstellen, vorne läge. In Sotschi würden seiner Einschätzung nach die Investitionen zukünftig geringer ausfallen.

Irina Irbitskaja, Direktorin des Zentrums für Städtebau an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst, meint, die Angliederung der Krim an Russland habe sich auf alle Prozesse innerhalb Russlands ausgewirkt. Die Krim benötige weitere finanzielle Mittel, sagt sie, und das in einer Zeit, in der Russland sich ohnehin in einem Staatsdefizit befinde. Doch in Sotschi eine Glücksspielzone eröffnen zu wollen, hält Irbitskaja ebenfalls für einen Fehler. „Die Stadt hat historisch viel zu bieten und einen positiven Hintergrund. Eine Glücksspielzone hat weder einen humanitären Grundgedanken noch einen integrativen Effekt für das Land“, erklärt die Expertin. Ihrer Meinung nach hätte stattdessen ein Wettbewerb für die Ausarbeitung eines Konzepts zur Entwicklung der Region ausgeschrieben,

ein Masterplan erstellt und ein Team aus den besten Fachleuten zusammengestellt werden müssen. Das Zentrum für Städtebau der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst selbst hat das Konzept „Entwicklung der Tourismusinfrastruktur in der Region Adler und Sotschi“ vorgestellt. Dieses sieht vor, Sotschi als Urlaubsort für Geschäftsleute auszubauen. „Sotschi könnte wie die türkische Stadt Istanbul eine zweite Weltstadt am Schwarzen Meer werden“, hofft Irina Irbitskaja.

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