EU-Sanktionen: Russlands schwere Bürde

 Europäischen Investoren ist es verboten Aktionen mit Wertpapieren und Schuldinstrumenten der größten staatlichen Banken Russlands durchzuführen. Foto: Getty Images/Fotobank

Europäischen Investoren ist es verboten Aktionen mit Wertpapieren und Schuldinstrumenten der größten staatlichen Banken Russlands durchzuführen. Foto: Getty Images/Fotobank

Die EU hat neue Sanktionen beschlossen. Aktiva und Konten von praktisch sämtlichen Unternehmen der Krim werden eingefroren, doch am schwersten wiegen die sektoralen Sanktionen: Russische Staatsbanken erhalten keine langfristigen Kredite in Europa mehr und Ölgesellschaften verlieren Technologien zur Erdölförderung in der Arktis.

Die Europäische Union hat in zwei Etappen neue Sanktionen gegen Russland eingeführt. Im ersten Schritt wurde eine Liste an natürlichen und juristischen Personen veröffentlicht, deren Aktiva in Europa eingefroren werden. Die Mitglieder dieser Liste sind nach Ansicht von EU-Beamten für die Angliederung der Krim an Russland verantwortlich. Konkret stehen nun unter anderem die Gesellschaft Almas-Antej, ein Hersteller von Flugabwehrsystemen auf der Halbinsel, der Billigflieger Dobrolet, der Flüge von Moskau nach Simferopol anbietet, und die Bank Rossijskij Nazionalnyj Kommertscheskij, der größte Player auf dem Finanzmarkt der Krim, auf der Sanktionsliste.

Im zweiten Schritt publizierte die Europäische Union eine weitere Liste mit Gesellschaften, für die sektorale Sanktionen gelten. Demnach ist es europäischen Investoren verboten, direkt oder indirekt Aktionen mit Wertpapieren und Schuldinstrumenten der größten staatlichen Banken Russlands durchzuführen, das heißt konkret mit der Sberbank, der Rosselchosbank, der VTB, der Gazprombank und der VEB. Zudem ist es ihnen untersagt, Fördertechnik und Technologien für die Tiefseeförderung von Erdöl an russische Gesellschaften weiterzugeben. Unter das Verbot fällt damit der Verkauf von Bohranlagen und mobilen Plattformen, Erdölpumpen sowie schwimmenden Bohrinseln.

Nach Aussage von Experten ist es noch schwierig einzuschätzen, wie schwer die Sanktionen wiegen werden. „Auf ausländischen Märkten eine Finanzierung zu erhalten, gehört zweifelsohne zu einem wichtigen Aspekt internationaler Wirtschaftsbeziehungen. Doch der staatliche Schuldenstand liegt im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt in Russland bei lediglich 40 Prozent", sagt Dmitrij Bedenkow, Chef der analytischen Abteilung der Investitionsgesellschaft Russ-Invest. Dieser Wert zeige, dass genügend interne Reserven vorhanden seien, so der Experte. Konkret beträgt der Gesamtumfang der Währungsreserven der russischen Zentralbank für den Stand Anfang August 2014 etwa 360 Milliarden Euro.

Doch wie Wadim Wedernikow, Abteilungsdirektor für Analyse und Risikomanagement von UFS IC, sagt, könne die neue Sanktionswelle ein Wachstum des BIPs durch einen Abfluss an Kapital und die Verringerung

ausländischer Investitionen verlangsamen. Allerdings werde die Binnennachfrage durch einen notwendigen Ersatz des Imports steigen, wie der Experte anmerkt.

Timur Nigmatullin, Analyst von Investcafé, meint, der Einfluss der Sanktionen werde sich innerhalb von ein bis zwei Jahren in gestiegenen Kreditzinsen für russische Gesellschaften zeigen. Konkret werde es schwieriger werden, Eurobonds zu platzieren, in einer Reihe von Fällen werde das sogar unmöglich sein. Wenn Unternehmen ihre Investitionen in ihr Stammkapital reduzieren, werde sich das Wachstum der russischen Wirtschaft verlangsamen, so der Experte. „Das aktuelle Niveau der Sanktionen wird die russische Wirtschaft meiner Ansicht nach um ca. 0,3 Prozent pro Jahr verlangsamen", schätzt Nigmatullin.

 

Aus für Arktis-Projekte?

Für große russische Gesellschaften sind die Zinsen für Kredite in den westlichen Ländern und in China ungefähr gleich. Zum Beispiel nahm die Gesellschaft Rosneft für den Kauf eines Anteils am gemeinsamen Unternehmen TNK-BP einen Konsortialkredit bei westlichen Banken mit Zinsen von etwa drei Prozent pro Jahr auf, während ein ähnlicher Kredit bei chinesischen Banken für Erdöllieferungen ebenfalls drei Prozent jährlich an Zinsen kostete. Außerdem betreffen die durch die EU

eingeführten Sanktionen nicht die schweizerischen Banken, die russische Kreditunternehmen weiterhin finanzieren dürfen. Doch mit dem amerikanischen oder europäischen Finanzmarkt kann es auch der größte der verbleibenden Finanzmärkte, der asiatische, nicht aufnehmen. Deshalb wird der Ausfall der nötigen Mittel wahrscheinlich auf Kosten der Zentralbank kompensiert. „Sanktionen gegen die Sberbank werden eine zusätzliche Last für die Zentralbank bedeuten, denn der asiatische Schuldenkapitalmarkt wird in den nächsten ein bis zwei Jahren nicht in der Lage sein, die Refinanzierung auf den Kapitalmärkten der USA und Europas zu ersetzen", bestätigt auch Wadim Wedernikow. Nach Berechnung der russischen Zentralbank werden die sanktionierten Banken im Jahr 2014 4,5 bis 5,3 Milliarden Euro und im Jahr 2015 7,5 bis 11,2 Milliarden Euro an Fremdmitteln hinzuziehen müssen. Diese Ressourcen könnte ihnen die Zentralbank zur Verfügung stellen.

Viel gravierender ist laut Experten das Lieferungsverbot von Fördertechnik für die Erdölförderung in der Tiefsee. Das könnte einen Stopp der russischen Projekte zur Erdölförderung in der Arktis bedeuten. In Asien gibt es derzeit keine Technologien zur Tiefseebohrung und in Russland selbst befinden sich die entsprechenden Entwicklungen noch in ihrer Anfangsphase. „Schwierigkeiten beim Technologieimport könnten sich tatsächlich negativ auswirken", sagt Dmitrij Bedenkow, fügt aber hinzu: „Es ist noch zu früh für eine Schadenseinschätzung, auch, was strategisch wichtige Projekte im Energiebereich betrifft."

Zumindest sind laut Experten Projekte der Regierung zum Bau von Flüssiggasfabriken nicht betroffen, weil die neuen Sanktionen nicht auf die

Technologielieferungen für die Erdgasverflüssigung abzielen. Wichtig ist dies insbesondere für das Megaprojekt Jamal LPG, bei dem als Schlüsselpartner der russischen Gasgesellschaft Novatec die französische Firma Total auftritt. Das Projekt sieht den Bau einer Flüssiggasanlage im Norden Russlands mit einer Kapazität von 16,5 Millionen Tonnen Flüssiggas pro Jahr vor. Die Gesellschaft Total hat bereits ihre Befürchtungen in Bezug auf die neuen Sanktionen ausgesprochen und den Ankauf von Novatec-Aktien gestoppt. Doch Total bleibt als Schlüsselaktionär der russischen Gesellschaft bestehen, ihr gehören 18 Prozent der Aktien am russischen Unternehmen.

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